Nick Cave & The Bad Seeds - Lovely creatures: The best of Nick Cave & The Bad Seeds (1984 - 2014)

Nick Cave & The Bad Seeds- Lovely creatures: The best of Nick Cave & The Bad Seeds (1984 - 2014)

Mute / Warner
VÖ: 05.05.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die außergewöhnliche Routine

Aus täglicher Routine entsteht große Kunst. Moment, wie jetzt? Das klingt aber sehr skurril. Vor allem, wenn man das Gesamtwerk von Nick Cave & The Bad Seeds betrachtet. Die Geschichten von Liebe und Verdammnis, Suff und Tod – so etwas entsteht spät nachts nach zu vielen üblen Getränken zwischen vollen Aschenbechern, oder nicht? Weit gefehlt. Abseits von Touren schreibt Cave seit Jahren seine Songs an fünf Tagen die Woche, in einem Büro, nine-to-five. Wie wenig diese Alltagsroutine auf die Musik überträgt, davon kann sich jeder nun auf der Zusammenstellung "Lovely creatures: The best of Nick Cave & The Bad Seeds" überzeugen. Ursprünglich für 2014 angedacht, verschob sich das eigentlich bereits fertige Projekt um drei weitere Jahre, was bedeutet, dass Caves monumentale Trauerverarbeitung "Skeleton tree" unter diesen 45 ausgewählten Tracks nicht berücksichtigt wird. Auch Side-Projekte wie Grinderman, die Vorgängerband The Birthday Party oder Caves Soundtracks mit Bandkollege Warren Ellis bleiben außen vor.

Stattdessen deckt jede der drei CDs fein säuberlich eine Dekade des Bad-Seeds-Œuvres der Jahre 1984 bis 2014 ab. Selbst die Reihenfolge der Songs auf den jeweiligen Alben wurde bis auf wenige Ausnahmen beibehalten. Wie das sein muss, in feiner bürokratischer Ordnung. Die jahrzehnteweise Aufteilung führt in der Konsequenz natürlich zu einer leichten Schräglage: Während CD eins ganze sieben Alben abdeckt, schöpfen die anderen beiden Scheiben jeweils nur aus einem Pool von fünf beziehungsweise drei Platten. Man stelle sich vor, die Rolling Stones hätten auf "Grrr!" der Phase nach 1972 viermal so viel Platz eingeräumt wie dem Jahrzehnt davor. Aber Nick Cave & The Bad Seeds sind nicht die Rolling Stones. Stillstand und Ausruhen auf alten Erfolgen war fast nie eine Option, demnach huscht "Lovely creatures" gefühlt durch hunderte Stilarten durch. Außerdem würde man sich keinesfalls lächerlich machen mit der Meinung, dass Cave nach mehr als 30 Jahren Karriere so gut ist wie noch nie.

Doch der Reihe nach. Der erste Part von "Lovely creatures" wirkt mit Abstand am zerrissensten, schwankt gleich mit den ersten beiden Songs vom spartanischen Postpunk "From her to eternity" aus dem gleichnamigen Debütalbum zum lieblichen Elvis-Cover "In the ghetto", ursprünglich nur als Single erschienen. Später folgen auf die apokalyptisch dräuenden Songs von "Tender prey" – selbstverständlich mit dem nach wie vor atemberaubenden "The mercy seat" – die ungewöhnlich sanften Soft-Pop-Reigen, welche "The good son" 1990 zu einem der vielen Hakenschläge im Werk machten. Dicht drängen sich die Alben dieser zehn Jahre, man hört eine wahnsinnig talentierte Band mit grandiosem Songschreiber, die sich ständig neu finden muss. Freilich hat das keinen Einfluss auf die hohe Qualität der einzelnen Stücke. Es ist halt eine Werkschau, kein geschlossenes Album.

Scheibe Nummer zwei bewirbt sich gleich zu Beginn mit vier Songs des fantastischen "Let love in" für die beste CD, darunter die zurecht als Bandklassiker geltenden "Loverman" und "Red right hand". Auch das 1998 erschienene, reduzierte Meisterwerk "The boatman's call" wird mit vier Einträgen und der hübschen B-Seite "Come into my sleep" gewürdigt – das kaum weniger tolle "No more shall we part" hingegen leider nur mit zwei seltsamen Selektionen. In die zweite Dekade fallen jedoch auch ungnädiger betrachtete Platten. "Murder ballads" brachte 1996 zwar mit dem Kylie-Minogue-Duett "Where the wild roses grow" den größten Erfolg hervor, gilt aber zwischen den Nachbarn eher als Fußnote. Obwohl die Repräsentation mit dem gewaltigen und gewalttätigen "Stagger Lee" und dem erwähnten Hit äußerst überzeugend gerät. Deutlich schwächer ist dagegen "Nocturama" (2003), das nach der Büroroutine klingt, in der Caves Musik tatsächlich entsteht. "Lovely creatures" frühstückt das Schlusslicht der Diskografie konsequent nur mit "He wants you" ab, zusätzlich gibt es das immerhin sehr gelungene "Shoot me down" von der "Bring it on"-Single.

Womit das finale Drittel erreicht ist. Als ob die Enttäuschung "Nocturama" und der anschließende Ausstieg Blixa Bargelds ein heilender Schock gewesen war, brachte das überraschend schnell nachgeschobene (und hierzuseits leider damals missverstandene) Doppel "Abattoir blues / The lyre of Orpheus" 2004 die Australier wieder auf Kurs. Und wie! Nicht nur sind die stolzen sechs enthaltenen, vom Gospel infizierten Songs Zeuge davon, dass hier im Jungbrunnen die Muse zum Knutschen bereit war. Der Rest des dritten Teils zeigt darüber hinaus, dass die Adrenalinspritze auch langfristig für frischen Wind sorgte. Seien es nun die noisig umherschwirrenden Gebilde von "Dig, Lazarus, dig!!!" oder die unendlich weise wirkenden Stücke, welche "Push the sky away" zu einem weiteren ganz großen Werk machten. "Some people say it's just rock'n'roll / Oh, but it gets you right down to your soul", heißt im abschließenden dortigen Titeltrack. Die Höhepunkte innerhalb von "Jubilee street" und "Higgs Boson blues" soll ihm diesbezüglich erst mal jemand nachmachen. Für diesen Job müsste man aber – ganz wörtlich – früher aufstehen.

(Felix Heinecker)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Tupelo
  • The mercy seat
  • Papa won't leave you, Henry
  • Loverman
  • Stagger Lee
  • Into my arms
  • Hiding all away
  • Dig, Lazarus, dig!!!
  • Jubilee street

Tracklist

  • CD 1
    1. From her to eternity
    2. In the ghetto
    3. Tupelo
    4. I'm gonna kill that woman
    5. The carny
    6. Sad waters
    7. Stranger than kindness
    8. Scum
    9. The mercy seat
    10. Deanna
    11. Up jumped the devil
    12. The weeping song
    13. The ship song
    14. Papa won't leave you, Henry
    15. Straight to you
  • CD 2
    1. Do you love me?
    2. Nobody's baby now
    3. Loverman
    4. Red right hand
    5. Stagger Lee
    6. Where the wild roses grow
    7. Into my arms
    8. People ain't no good
    9. Brompton oratory
    10. (Are you) The one that I've been waiting for?
    11. Come into my sleep
    12. Love letter
    13. God is in the house
    14. He wants you
    15. Shoot me down
  • CD 3
    1. Hiding all away
    2. There she goes, my beautiful world
    3. Nature boy
    4. Breathless
    5. Babe, you turn me on
    6. O children
    7. Dig, Lazarus, dig!!!
    8. Night of the lotus eaters
    9. We call upon the author
    10. Jesus of the moon
    11. More news from nowhere
    12. We no who u r
    13. Jubilee street
    14. Higgs Boson blues
    15. Push the sky away

Gesamtspielzeit: 228:45 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
broom
2017-05-08 20:57:50 Uhr
das interview würde mich auch interessieren!

edegeiler

Postings: 1128

Registriert seit 02.04.2014

2017-05-07 16:33:58 Uhr
Hat jemand das Interview mit zeit.de parat? kein bock da premium mitglied zu werden.
Oleg
2017-04-28 00:12:46 Uhr
Wundervolle Rezension. Bis auf Dig, Lazarus, Dig kann ich sogar jedes Highlight unterschreiben.

Armin

Postings: 13635

Registriert seit 08.01.2012

2017-04-26 21:13:21 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

edegeiler

Postings: 1128

Registriert seit 02.04.2014

2017-03-07 17:56:14 Uhr
EDIT:

Rein!

Nature Boy
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum