Mount Eerie - A crow looked at me

Mount Eerie- A crow looked at me

http://www.pwelverumandsun.com/ / Bandcamp
VÖ: 27.03.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Raum, in dem Du starbst

Ein Mensch ist gestorben. Wie sie es täglich zu Tausenden tun. Zurück bleiben Familie, bleiben Freunde. Wie es seit Äonen der Fall ist. Dann arbeitet die Zeit am Vergessen und Gedenken. Künstler bilden da keine Ausnahme. Nur finden sie im Schaffen ein Ventil der Verarbeitung. Manchmal tragen sie es an die Öffentlichkeit und legen en passant eine kreative Ader frei. Wir müssen nicht weit in die Vergangenheit blicken: 2016 thematisierte beispielsweise Nick Cave den Tod seines Sohnes auf "Skeleton tree" und Touché-Amoré-Sänger Jeremy Bolm den aussichtslosen Kampf seiner Mutter mit dem Krebs auf "Stage four". Aber: Die schonungslose Intensität von Phil Elverum, dem Mann hinter Mount Eerie, sucht seinesgleichen. Zartbesaitete sollten sich fragen, ob sie das wohl traurigste Album 2017 mit voller Wucht an sich herankommen lassen möchten. Denn eines ist klar: Näher war man dem Leben und Tod eines fremden Menschen selten.

"Real death" beantwortet gleich zu Beginn die W-Fragen. Warum schreibt er derart offen über den Tod seiner Frau, der Musikerin und Illustratorin Geneviève Castrée? Wo hat er das aufgenommen? Wie klingt das? "It's not for singing about, it's not for making into art / When real death enters the house, all poetry is dumb / When I walk into the room where you were and look into the emptiness instead / All fails." In dem Raum, in dem seine Frau im Juli 2016 an den Folgen ihrer unheilbaren Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung starb, Elverum und ihre erst anderthalb Jahre alte Tochter für immer verließ, genau dort setzte sich Mount Eerie hin, um zu schreiben. Auf ihrem Papier. Um es zu vertonen, auf ihren Instrumenten. Und diese Kombination aus spartanischer Lo-Fi-Folk-Gestaltung, den meist Akustikgitarren- oder Piano-dominierten Arrangements, und filterloser Seelenbeichte zeichnet "A crow looked at me" aus. Weil auch Rhythmik eher zu einem tertiären Element verkommt, immerhin ist ja auch Mount Eeries Leben aus dem Takt geraten.

So sieht man sich schon in den ersten zwei Minuten mit der Geschichte konfroniert, wie Elverum, Tage nach Genevièves Tod, ein Päckchen mit ihrem Namen drauf erhält. Insgeheim hatte sie einen Schul-Rucksack für ihre Tochter gekauft, wohl wissend, dann nicht mehr auf der Erde zu weilen. Elverum brach weinend zusammen. "Death is real", streut der 38-Jährige immer wieder ein, sich selbst zuredend, mit Worten kneifend. Mount Eerie verschwendet keine Zeit auf Metaphern, Verklausulierungen oder Reimschemata, wendet sich lieber wie bei einem stream of consciousness unmittelbaren Bildern und Erzählungen zu. So auch in "Seaweed", in dem Elverum zu dem wild bewucherten Grundstück geht, wo die junge Familie sich ein neues Heim errichten wollte: "I brought a chair from home and leaving it on the hill / Facing West and North / And I poured out your ashes on it / I guess so you can watch the sunset / But the truth is, I don't think of the dust as you / You are the sunset."

Die letzten Sätze einiger Stücke hallen nach, sind wie ein finaler Akt der Bewunderung, Zuneigung und Liebe für seine Frau. Ohne das entzöge er der Trauer auch ihre Grundlage. Ohne das gerieten die Fotos am Kühlschrank nicht zu einem noch lebloseren Abzug Genevièves und wäre das Entledigen von ihrer Unterwäsche und Kleidung, ja selbst dem Müll im Badezimmer, nicht so ein schwieriger Akt. Immerzu greift Elverum zurück auf das Bild des offenen Fensters oder einer geöffneten Tür. Anfangs offerieren sie Genevièves nie realisierbare Rückkehr, später dann trägt der Wind ihren Geist aus dem Raum, aus dem Haus. "So the room will hopefully stop whispering." Die Platte endet mit einem gemeinsamen Spaziergang von Elverum und seiner jüngsten Tochter. Es ist November und kalt. Alle Vögel sind verstummt. Nur eine Krähe säumt den Weg der beiden, krächzt und geleitet sie ein Stück. "And there she was."

(Stephan Müller)

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Real death
  • Ravens
  • Forest fire
  • Toothbrush / Trash
  • Crow

Tracklist

  1. Real death
  2. Seaweed
  3. Ravens
  4. Forest fire
  5. Swims
  6. My chasm
  7. When I take out the garbage at night
  8. Emptiness, Pt. 2
  9. Toothbrush / Trash
  10. Soria Moria
  11. Crow

Gesamtspielzeit: 41:34 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Postings: 8450

Registriert seit 08.01.2012

2017-04-19 20:58:03 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?
fakeplastic
2017-04-10 10:38:41 Uhr
Hospice > Carrie & Lowell > A Crow Looked At Me

Damit will ich letzterem nicht seine (durchaus vorhandene) Qualität absprechen, die anderen beiden sind aber mittlerweile in höhere Sphären vorgedrungen.

A Crow Looked At Me braucht viel Zeit und vor allem Aufmerksamkeit. Ohne das textliche Mitbewusstsein ist es lediglich "ganz nett". Das musikalisch Reduzierte ist dabei vermutlich nicht jedermanns Sache.

alterniemand

Postings: 42

Registriert seit 14.03.2017

2017-04-09 20:14:02 Uhr
http://pitchfork.com/features/profile/10034-death-is-real-mount-eeries-phil-elverum-copes-with-unspeakable-tragedy/

Muss ein wahnsinnig intensiver Besuch gewesen sein; dieser echt sehr starke Bericht macht jedenfalls den Eindruck
Man erfährt eigentlich viel zu viel von ihm und auch von ihr. Ich hoffe, dass er all das nicht mal bereut.

“My default mode right now is to throw open the doors and windows. I don’t know where to draw the line. Even just having you here, upstairs, showing you Geneviève’s journals: Is that over a line? But that’s how the songs are written, too: ‘Here’s everything. Look in here. Look at me. Death is real.’”

Herder

Postings: 1743

Registriert seit 13.06.2013

2017-04-08 12:07:21 Uhr
Ähem, Bandcamp ist ja wohl ein "Vertrieb". Und hier... dieses "Internet" kennt ihr ja vielleicht auch.
Sorry, aber ihr verschlaft hier so viel, wenn ihr euch weiterhin an irgendwelchen alten Formen der Musikdistribution festklammert, werdet ihr ganz schnell obsolet.

Stephan

Postings: 506

Registriert seit 11.06.2013

2017-04-08 11:51:46 Uhr
Wir rezensieren ja zu 99,9 Prozent nur Alben, die auch einen Vertrieb haben. Bei der Masse an Veröffentlichungen müssen wir ja mal eine Grenze ziehen.
Da hatten wir für dieses Album auch ein bißchen drauf spekuliert. Für Mount Eerie gab es kurz nach Digital/LP-Vö noch ein Vö-Datum. Und zwar den 15.04. - das ist allerdings ein Japan-Import.

Um es kurz zu machen: In dem Fall machen wir eine Ausnahme, Rezi folgt. Innerhalb der nächsten beiden Wochen.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum