Feist - Pleasure

Feist- Pleasure

Polydor / Universal
VÖ: 28.04.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Das Herz ist ein einsamer Gärtner

Spinnen wir mal rum: Wäre es möglich, Emotionen als Saatgut auszubringen, würde sich jeder Mensch als Gartenmeister mit ein paar Quadratmetern Beet hinterm Haus betätigen. Hier ein bisschen Freude, dort ein kleines Fleckchen voller Begeisterung, ein wenig Neugierde nicht zu vergessen, und ganz wichtig natürlich: die Zuversicht. Dumm nur, dass die guten Emotionen alle schnell ausverkauft wären im großen Gefühls-Supermarkt, während das Regal mit den kleinen Tütchen Angst, Sorge, Wut und Erschöpfung stets überquellen würde. Und schon sind wir wieder in der Realität angekommen. Zum Glück gibt es zur Unterstützung der zumindest temporären Weltflucht aber auch immer noch Leslie Feist.

Denn das fünfte Album der Kanadierin spielt mit genau diesem Gedanken, bestimmte Gefühlsregungen je nach Bedarf züchten zu können. Das schließt die negativen nicht aus – tatsächlich ist "Pleasure" dank seiner größtenteils vorherrschenden Zurückhaltung und mit oft nur minimaler Instrumentierung alles andere als ein Ausbruch von Euphorie. Auch Feist war einkaufen und hat ein paar Saatkörner der dunkelsten Sorte nach Hause gebracht. "I wish I didn't miss you" wächst nur zum Klang ihrer Stimme und Gitarre, das gespenstische "Lost dreams" versprüht unheilvollen Atmosphären-Staub und im Blues von "I'm not running away" spricht die mittlerweile 41-Jährige nicht durch die Blume, sondern höchstens durchs Nachtschattengewächs: "I'm not making this up / It got hard for me to believe in true love." Ein Glück, dass sich hier dennoch niemand aus Versehen selbst vergiftet.

Und doch ist natürlich längst nicht alles auf "Pleasure" ein ewiger Tanz mit der Traurigkeit, denn das Album legt manchmal auch ein Zeugnis der Zartheit ab: Feists glasklare Stimme, die umso zerbrechlicher zu wirken scheint, je höher sie wird, ist auch auf ihrem fünften Album das wichtigste, weil ehrlichste Instrument. Wenn sie in "A man is not his song" gar auf Fußspitzen ganz oben auf der Tonleiter steht und dennoch nicht einmal ansatzweise ins Wanken gerät, ist das schon großes Kino. Die simplen und doch tiefgründigen Texte erledigen den Rest. "A man is not his song / If a man is just his song / Then the song has to be honest", singt sie hier, am Ende kommt ein Chor hinzu: "But we all wanna sing along." Und plötzlich wächst das alles wie Unkraut, in die Höhe und kreuz und quer – im besten Sinne. Bitte nicht rausrupfen.

Abermals produziert mit ihren langjährigen Weggefährten Mocky und Renaud LeTang, erforscht Feist auf "Pleasure" die Gefühlsliste der Menschheit rauf und runter. Klinische Studien gibt es freilich nicht, aber es kann durchaus mal dreckig werden. So etwa im vergleichsweise rabiaten "Century", in dem Jarvis Cocker am Mikro aushilft und seinen eigenen grünen Daumen präsentiert. Oder auch mit dem geradezu rohen "Any party", das zwischen versöhnlich-ruhigen und ausladend-lauten Momenten schwankt und damit zierliche Spatzen wie gefährliche Greifvögel gleichermaßen anlockt, um sie auf ewig in seinen Bann zu ziehen. In diesem Beet findet eben wirklich jeder etwas, egal, ob es gebraucht wird oder nicht. Da will man sich die Erde am Ende kaum vom Körper klopfen – besten Dank also für alles, Feist. Diese Art der Gartenarbeit war uns ein Vergnügen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Any party
  • A man is not his song
  • Century (feat. Jarvis Cocker)
  • I'm not running away

Tracklist

  1. Pleasure
  2. I wish I didn't miss you
  3. Get not high, get not low
  4. Lost dreams
  5. Any party
  6. A man is not his song
  7. The wind
  8. Century (feat. Jarvis Cocker)
  9. Baby be simple
  10. I'm not running away
  11. Young up

Gesamtspielzeit: 53:36 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 10011

Registriert seit 08.01.2012

2017-07-14 21:56:59 Uhr - Newsbeitrag
:: FEIST veröffentlicht Video zu 'Century feat. Jarvis Cocker' / in Kürze auf Tour :::



Liebe Kolleginnen und Kollegen,



ganz im Stile von West Side Story tritt Feist im Video zu „Century feat. Jarvis Cocker“ auf:

Unter einer Brücke tanzt sie zunächst allein gegen eine Doppelgängerin an, bevor sich hinter den beiden die zugehörigen Banden zusammenrotten und wütend in Tanz und Gesang einsteigen.

Gen Ende des Videos taucht schließlich Jarvis Cocker in der Menge auf.



Schaut Euch den Clip hier an:



Feist – „Century“

(Regie: Scott Cudmore)





Kürzlich wurde Feists aktuelles Album „Pleasure“ (VÖ: 28.04.2017) neben Werken von Leonard Cohen, BadBadNotGood und Tanya Tagaq für die Short-List des kanadischen Polaris Music Prize nominiert, der im September verliehen wird.

2011 hatte Feist den Preis bereits für ihr Album „Metals“ gewonnen.



Am 20. Juli startet sie ihre Deutschlandtour in Mainz.



FEIST | LIVE



20.07.2017 – Mainz (Zitadelle Open Air)

24.07.2017 – Berlin (Tempodrom) / ausverkauft

02.08.2017 – München (Circus Krone)

02.-05.08.2017 – Luhmühlen (A Summer’s Tale Festival)


Fairgewaltiger
2017-06-04 09:10:14 Uhr
Ich bin auch enttäuscht und lege jetzt erstmal den "Reminder" ein...

boneless

Postings: 1597

Registriert seit 13.05.2014

2017-05-30 21:53:34 Uhr
Wunderbare Platte. Feist fand für mich bisher eher im off statt, aber Pleasure ist wirklich hervorragend. PJ Harvey kam mir auch in den Sinn, nur das Pleasure für mich einen besseren Eindruck macht als The Hope Six Demolition. Gerade über Kopfhörer sehr schön, ob nun das überraschende Ende von A Man is not his Song (Feistodon) oder die Black Keys Anleihen in I'm Not Running Away.

Stephan

Postings: 615

Registriert seit 11.06.2013

2017-05-15 09:09:10 Uhr
Ich mag "Metals" zwar lieber, aber "Pleasure" gefällt mir auch wirklich gut.
Mit "Any party" kann ich allerdings (noch) nicht so viel anfangen.
Feistodon
2017-05-14 20:49:06 Uhr
Liest man die Rezension ohne vorher auf die Vergebene Puntzahl zu achten, könnte man denken, sie wäre eine 8 bis 9...
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