Kendrick Lamar - Damn

Kendrick Lamar- Damn

Interscope / Universal
VÖ: 21.04.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Black Messiah

Be humble: Als Kendrick Lamar ausgerechnet am Karfreitag 2017 sein viertes Studiowerk "Damn" zunächst nur digital veröffentlichte, sahen viele alleine das schon als Zeichen dafür, dass es nur der erste Teil eines Doppelalbums sein würde: Immerhin stirbt der Gute in den letzten Sekunden des Openers "Blood", ehe der Abschlusstrack "Duckworth" die Geschichte zurückspult und sie wieder von vorne beginnen lässt. Auf die Auferstehung wartete man am Ostersonntag dennoch vergebens. Dabei ist es viel einfacher: "Damn" kreist um die Themen Leben und Tod, mal mittendrin, mal aus der Vogelperspektive. Das ist weniger verkopft als der Vorgänger "To pimp a butterfly", nicht ganz so persönlich wie die vertonte Autobiografie auf "Good kid, m.A.A.d city", aber allemal faszinierend. Zudem ist "Damn" ein Mittelfinger ins Gesicht der HipHop-Welt, weil Kendrick deutlich macht, dass er keine Jazz-Spielereien oder sonstige Experimente benötigt, sondern auch ohne Hilfsmittel der Beste ist.

Die Kollegen von Stereogum bemerkten dabei treffend: "Damn" ist Kendricks Rap-Album. Klar, der Mann war immer ein Rapper. Aber selten zuvor hat er es so klar, so deutlich, so auf den Punkt präsentiert wie hier. Dabei eilt ihm sein Ruf längst voraus, kaum ein anderer genießt diese Art des Respekts. Er muss sich nicht mehr beweisen und macht es trotzdem, aus genau jenen Beweggründen, aus denen er auch bisher stets gehandelt hat: Weil er es will – und weil er es kann. Und was waren die Stirnrunzler und Kopfschüttler im Vorfeld wieder schnell. Features von Rihanna und U2? Das Geschrei war groß, noch bevor man auch nur einen der Songs gehört hatte, völlig zu Unrecht, klar. Als ob Kendrick ein wirkliches Risiko eingehen würde. Und als ob er sich noch nie zuvor an einer Arschbombe direkt in den Pop-Pool versucht hätte.

Und siehe da: Das von Rihanna unterstützte "Loyalty" ist zwar weit davon entfernt, ein wirkliches Karriere-Highlight zu sein, lacht mit seiner sinnlich-schwülen Schlangentanz-Atmosphäre aber zumindest einem gewissen Drake eiskalt ins Gesicht, der mit der Sängerin aus Barbados gerüchteweise mal angebandelt hatte. Dem dürfte "Damn" ohnehin gar nicht gefallen, wird ihm mit Tracks wie "Love" glatt sein Platz als sensibelster Rapper im Business streitig gemacht. Das wirkt berechnend, klar. Und macht dennoch Laune. Im ähnlich kitschigen "Pride" treibt Kendrick den Spaß sogar auf die Spitze, lässt seine ohnehin nicht allerorts positiv aufgenommene Stimmfarbe per Achterbahnfahrt mal dunkler, mal heller erklingen und setzt sich sicher nicht ganz ohne Augenzwinkern mit seinen eigenen Fehlern auseinander. Derweil ertönt im Übergang von "Blood" zum wuchtig-wütenden "DNA" ein Sample des Nachrichtensprechers Geraldo Rivera vom republikanischen Quasi-Haussender "Fox", der einst allen Ernstes behauptete, dass HipHop für mehr Schaden in den Köpfen der afroamerikanischen Jugend sorge als das gewaltige Fehlverhalten der Polizei. Dagegen wirkt das träge "Yah" mitsamt verwaschener Beats wie die reinste Verschnaufpause.

Und wo er gerade noch in "Pride" verkündete, dass Stolz eine Todsünde sei, für die man in die Hölle kommt, tanzt der darauffolgende Neunzigerjahre-California-Rap von "Humble" breitbeinig einmal quer durch die Parade, setzt sich die Sonnenbrille auf die Nase, rotzt seinen Gegnern vor die Füße und fordert die sofortige Aufgabe. Ohnehin ist die Gegenüberstellung verschiedener Begrifflichkeiten ein durchgängiges Thema des Albums: "Pride" gegen "Humble", "Love" gegen "Lust", "God" gegen "Duckworth", das ist Kendricks echter Nachname. Es offenbart auch den ewigen Zwiespalt in ihm, der immer der Beste sein will, aber auch ein friedliches Miteinander predigt. Nirgends wird das auf "Damn" so deutlich wie in "Feel": Immer schneller werdend spielt Kendrick hier einen eben ausgesprochenen Gedanken gegen den nächsten wieder aus, beißt sich fest und schäumt am Ende vor Wut: "I feel like the whole world want me to pray for 'em / But who the fuck prayin' for me?"

Tatsächlich dürfte es so einige geben, die den 29-Jährigen längst regelmäßig in ihr Nachtgebet einschließen – oder ihn gleich selbst anbeten. Ob die Herren von U2 dazu gehören? Immerhin verhilft Kendrick den irischen Weltverbesserern zumindest für einen Augenblick zu so etwas wie Coolness. Deren Feature in "XXX" ist längst nicht so schlimm wie erwartet, im Gegenteil sogar: In den religiös-politischen Kontext von "Damn" passen sie ohnehin bestens, und auch Bonos Gesang hatte wahrlich schon lange nicht mehr einen derart souligen Unterton. Wenn überhaupt jemals. Am Ende wiederholt sich die Geschichte des Anfangs: In den letzten Sekunden des entspannten "Duckworth", das sicher nicht zufällig die gleiche Spielzeit wie das vorangegangene "God" hat, spult die Melodie zurück und der Opener beginnt erneut. Eigentlich auch ein Statement: Kendrick muss nicht auferstehen – den wird man gar nicht erst los. Be humble.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • DNA
  • Feel
  • Pride
  • Duckworth

Tracklist

  1. Blood
  2. DNA
  3. Yah
  4. Element
  5. Feel
  6. Loyalty (feat. Rihanna)
  7. Pride
  8. Humble
  9. Lust
  10. Love (feat. Zacari)
  11. XXX (feat. U2)
  12. Fear
  13. God
  14. Duckworth

Gesamtspielzeit: 55:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
politisch korrektes Weißbrot
2018-05-23 14:13:30 Uhr
*umbrösel*
Knallharte Zensur
2018-05-23 12:27:16 Uhr
Castorps Postings (der mit dem RS-Link) von weiter oben wurden von den Mods gelöscht. :O

MopedTobias

Postings: 9708

Registriert seit 10.09.2013

2018-05-23 11:38:26 Uhr
Im RS-Artikel stand was von ihrem eigenen Rap-Part. Hab jetzt zum ersten Mal das Video gesehen und es war wirklich die m.A.A.d. City Hook, keine Ahnung was sich der RS dazu gedichtet hat. Da muss ich sie tatsächlich etwas verteidigen, ich weiß nicht, was Lamar sich dabei gedacht hat, das war dann schon etwas aufs Glatteis führen.

Felix H

Postings: 2863

Registriert seit 26.02.2016

2018-05-23 11:18:15 Uhr
1) Ich hab es auch so verstanden, dass es die Songlyrics waren – was für mich dann doch ein wenig was anderes ist, als wenn das Wort in "eigenen" Texten vorkommt. Insofern finde ich die Aktion seitens Lamar etwas unglücklich.

2) Natürlich ist es was vollkommen anderes, wenn Weiße das N-Wort sagen, als wenn es Schwarze tun. Gleiches gilt für Bezeichnungen für andere Bevölkerungsgruppe (Frauen, Homosexuelle, bestimmte Religionen, etc.). Auch wenn ich es nicht bombastisch finde, dass in Rap-Songs von Schwarzen sehr häufig dieses Wort fällt, es ist nicht vergleichbar damit, wenn es hellhäutige verwenden.
Zero.
2018-05-23 11:09:34 Uhr
Dass da als Weiße das N-Wort nichts zu suchen hat, ist klar

Ist natürlich üüüberhaupt kein Rassismus gegenüber Weißen, ihnen - als Nicht-Rassisten - verbieten zu wollen, das N-Wort zu benutzen...gähn
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