Wear Your Wounds - WYW

Wear Your Wounds- WYW

Deathwish / Warner
VÖ: 07.04.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Dort hinten wird's hell

Eigentlich muss man Jacob Bannon nicht lange vorstellen, begegnet er den Freunden von Genres, die auf "-core" enden, doch irgendwann zwangsläufig. Als der Typ, der bei Converge den Frontkläffer gibt, als der Typ, der sich für massenhaft Artworks verantwortlich zeigt, oder eben als der Typ, der mal eben das großartige Label Deathwish mitbegründet hat. Ein angeregter Geist, wenn man so will. Und ein Mensch, der sich, obwohl ihm von außen betrachtet doch so viel gelingt, als bekennenden, lebenslänglichen Pessimisten beschreibt. Dass er seinen ersten Soloausflug nach all den Jahren mit Wear Your Wounds überschreibt, erscheint da nur passend. Die Beschissenheit der Dinge hinterlässt ihre Spuren. Und die muss man nicht verstecken. Musste man noch nie. Nur der konstruktive Umgang damit ist ein anderer geworden.

Wo nämlich bislang unter dem Converge-Banner noch vieles mit der virtuosen Brechstange gelöst wurde, sucht Bannon auf "WYW" fast durchweg zurückgenommenere Wege. Das Tempo wird gedrosselt, die Regler von Distortion und Lautstärke sind nicht mehr bis zum Anschlag aufgerissen, und auch Bannon gönnt seinen Stimmbändern ein gewisses Entspannungsprogramm. Das Ergebnis? Klingt nicht halb so überraschend, wie man vielleicht vermuten könnte. Und das ist auch verdammt gut so. Weil "WYW" damit gar nicht erst in Verdacht kommt, breitbeinigen Altherrencore zu präsentieren. Und weil schon Converge auf "No heroes" mit "Grim heart/Black rose" gezeigt haben, wie verflixt gut Bannons Songwriting in entschleunigter Version sein kann. Genau das bekommt man nämlich zum Einstieg serviert. Der Opener und Titeltrack klimpert sich langsam rein ins Album, lässt erst mal offen, wohin die Reise denn nun gehen wird, bevor die Band schließlich wuchtig das Licht ausmacht. Irgendwo zwischen Doom, Ambient und ganz viel Atmosphäre findet sich der Aufmacher dann ein. Und im Hintergrund darf Bannon sogar kurz schreien. Es wird das einzige Mal bleiben.

Ansonsten bewegt sich Bannon durchwegs eher an der Schwelle zum Gesang. Der übrigens – Pessimismus hin oder her – in diesem Leben nicht mehr seine Stärke werden wird. Macht aber auch nichts, schließlich steht hier die Musik im Mittelpunkt. Und die bekommt ihren Platz. Über 63 Minuten dürfen sich die zehn Stücke nehmen, und sie wissen mit dem Freiraum umzugehen. "Iron rose" schnappt sich dann auch gleich acht Minuten, von denen es die erste Hälfte in trügerischer Ruhe verweilt, um schließlich in einem zweiten Teil zu münden, der vor Kraft kaum laufen kann. Ein einziges, langes Finale ist das, zu dem das Stück immer neue Pointen hinzuzufügen vermag. Und so beharrlich an Intensität gewinnt. Die ohnehin das ganze Album auszeichnet. Ohne zu ermüden. "Best cry of your life" zieht dann das Tempo merklich an und bringt eine dynamische Note ins Spiel. Und wenig später traut sich "Shine" ganz weit vor die Tür und bringt eine große Portion – der Name ist Programm – Licht mit. Akustikgitarre und Klavier, recht viel mehr bringt Bannon hier nicht unter. Und schafft so eine Stimmung, die fast etwas Optimistisches in sich trägt.

Klar sorgt das folgende "Fog" mit seinem schweren, schleppenden Groove dafür, dass dieser Ausflug nur eine Episode bleibt. Und auch das ist gut so, zeigt doch eben dieser Song einmal mehr, wie gut sich Bannon auf langsame Doom-Schlurfer versteht. Songs, die ihre Ideen mit stoischer Ruhe beharrlich durchdeklinieren und sich langfristig bei ihren Hörern festsetzen, "WYW" ist voll davon. Und ganz zum Schluss, wenn Bannon in "Goodbye old friend" plötzlich musikalisch für kurze Zeit fast schon bei The Antlers ankommt, staunt man nur noch andächtig. Über ein Album, das schmerzhaft persönlich ist und seine bedrückende Stimmung doch zu seiner großen Stärke macht. Weil auf "WYW" jederzeit klar ist, dass hinter dem dunklen Anstrich auch eine andere Seite wartet, zu der es nur zu gelangen gilt. So gelingt dem überzeugten Pessimisten ein Album, das Trauer und Hoffnung zu verschmelzen vermag. Und das ist allemal bemerkenswert.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Wear your wounds
  • Iron rose
  • Shine

Tracklist

  1. Wear your wounds
  2. Giving up
  3. Iron rose
  4. Hard road to heaven
  5. Best cry of your life
  6. Breaking point
  7. Shine
  8. Fog
  9. Heavy blood
  10. Goodbye old friend

Gesamtspielzeit: 63:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Nemanja Golovkin Gurlik
2017-04-13 12:13:36 Uhr
Ist gut geworden, braucht aber ein paar Durchgänge bis es richtig wirkt. Schöne Slowcore-Anleihen und the Cure mag er ja auch. Stimmig.

Armin

Postings: 15233

Registriert seit 08.01.2012

2017-04-12 17:51:40 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?


novemberfliehen

Postings: 63

Registriert seit 13.06.2013

2017-04-06 21:11:11 Uhr
Richtig gut.

Mal gucken ob ich noch an Karten für das Konzert mit Chelsea Wolfe im Berghain komme.
baernd
2017-04-05 14:52:54 Uhr
mich schon... hörs mir gerade zum ersten mal an und bin schwer angetan. diese intime, düstere atmosphäre steht ihm ausgesprochen gut. man könnte von einem eigentlichen gegenentwurf zu converge sprechen, kommt dabei aber nicht weniger intensiv daher. in kürze auf tour teils, wie passend, mit chelsea wolfe. das könnte ein grosser konzertabend werden

MartinS

Postings: 573

Registriert seit 31.10.2013

2017-03-17 18:50:34 Uhr
Nanu, ein Soloalbum von Jacob Bannon und keinen interessierts?
Komm am 07.April und wird im Vergleich zu Converge natürlich ultramelodisch.

Wear Your Wounds is the product of years of Lo-fi solo recordings by Converge founder Jacob Bannon. On this release he is joined by guest musicians Kurt Ballou (Converge), Mike McKenzie (The Red Chord, Stomach Earth, Unraveller), Chris Maggio (Sleigh Bells, Trap Them, Coliseum), and Sean Martin (Hatebreed, Cage, Kid Cudi, Twitching Tongues). Together they have created a powerful album that is unlike anything they have ever individually worked on. The album is contains ten emotional songs that call to the slower, more epic leanings of Converge, as well as his previous work in Supermachiner. Bringing to mind the multi-layered approach of Swans and early Pink Floyd, while being as vulnerable as influences Sparklehorse, Songs: Ohia, other like minded artists.
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