Bob Dylan - Triplicate

Bob Dylan- Triplicate

Columbia / Sony
VÖ: 31.03.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Graf Zahl

Kleiner Zahlensymbolik-Exkurs: Der Tanach zählt 24 Bücher, wobei durch die Dopplung der Zahl 12 die Abgeschlossenheit der Schrift mal 2 gekennzeichnet wird. Ob sich Bob Dylan wie so oft auch nun ideell am Judentum bedient hat, ist zweifelhaft. Auf seinem Cover-Album Nummer 3 – mit "Christmas in the heart" gerechnet sind es 4 – fallen dennoch Ähnlichkeiten auf. Dem Altmeister zufolge ist 10 die Zahl der Vollendung. "Triplicate" besteht deswegen aus 3 CDs à 10 Tracks. Jede Disc hat eine Spieldauer von 32 Minuten – laut Dylan die bestmögliche Wirkdauer für einen Longplayer. Des Zahlensalates noch nicht genug ist "Triplicate" auch noch ein Wortspiel aus "triple" für die 3 Tonträger und "duplicate" als Hinweis auf die Coverversionen. Ob das Wortspiel jetzt einem Literaturnobelpreisträger würdig ist, mag bezweifelt werden, angesichts der unzähligen Meisterstücke des Krauskopfes mag man es ihm aber ohne Weiteres verzeihen. Auf Studioalbum Nummer 38 des legendären Songwriters bedient er sich traditioneller Stücke, deren Blüte maßgeblich zwischen den Jahren 30 und 50 des vergangenen Jahrhunderts liegt. Und wie schon auf "Shadows in the night" sowie "Fallen angels" orientiert er sich dabei wieder zu Genüge an Frank Sinatra, der 29 der 30 Songs auch intoniert hatte. Ehrlich gesagt gab es schon spannendere Ausgangslagen, aber His Bobness ist ein Geniestreich bei so ziemlich Allem zuzutrauen.

Die drei CDs sind zwar mit "'Til the sun goes down", "Devil dolls" und "Comin' home late" eigens betitelt, fließen jedoch tonal problemlos ineinander. Dylans Stimme, die auf "Tempest" bereits wesentlich kaputter klang, thront über Gitarren, Schlagzeug, Bass und immer wieder eingesetzten Bläsern, wodurch die Stücke meist angenehm ruhig und etwas düster inszeniert werden. Dabei gibt es freilich ein paar Ausreißer wie den überraschend leichtfüßigen Opener "I guess I'll have to change my plan" oder das verspielte "Braggin'", während "Stardust" sehnsüchtig daherkommt. Auf der vollen Laufzeit von mehr als anderthalb Stunden wird so zwar eine durchaus einnehmende Stimmung erzeugt, doch nur zu selten setzen sich die einzelnen Songs voneinander ab und schaffen Abwechslung. Dass das feine "Stormy weather" dabei eine Spur sinisterer erscheint als bei Sinatra, ist zwar eine nette Randnotiz, erschafft dabei allerdings keinen großen Mehrwert des Dylan-Covers, weil beide Versionen sich sehr wenig von der Erstaufnahme durch Ethel Waters unterscheiden. Etwas anders verhält es sich bei "As time goes by", dem wohl bekanntesten Stück des Albums. Nach wie vor singt es niemand so wie Dooley Wilson als Sam in "Casablanca". Aber Dylan gewinnt diesem großen Song durch nuancierte Variation eine tragischere Facette ab.

Natürlich gelingen diese dreißig Verbeugungen vor klassischem Liedgut allesamt. Große Offenbarungen bleiben aber leider aus. "Triplicate" ist damit viel zu schade für Hintergrundbeschallung zweitklassiger Bars, aber auch zu wenig aufregend für einen oberen Platz im Repertoire des Großmeisters. Wenn es sich jemand allerdings verdient hat, nicht mehr als eine rundum gute Sammlung fremder Songs aufzunehmen, dann sicherlich der 75-Jährige. Und ehrlich gesagt hört man sich doch lieber noch aufgeraute Versionen Bob Dylans aller Lieder des gesamten 20. Jahrhunderts an als weichgespülte Dylan-Songs von manch anderen Musikern. Also alles in Ordnung. Wer jedoch noch Hoffnungen auf eigenständigen Output des amtierenden Literaturnobelpreisträgers hegt und das Spiel mit den Zahlen noch nicht satt ist, darf sich vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft auf "Chronicles Vol. 2" freuen, an dem Dylan ja bereits eine Weile arbeiten soll.

(Marcel Menne)

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Highlights

  • I guess I'll have to change my plan
  • As time goes by
  • But beautiful
  • When the world was young

Tracklist

  • CD 1
    1. I guess I'll have to change my plan
    2. The september of my years
    3. I could have told you
    4. Once upon a time
    5. Stormy weather
    6. This nearly was mine
    7. That old feeling
    8. It gets lonely early
    9. My one and only love
    10. Trade winds
  • CD 2
    1. Braggin'
    2. As time goes by
    3. Imagination
    4. How deep is the ocean
    5. P.S. I love you
    6. The best is yet to come
    7. But beautiful
    8. Here's that rainy day
    9. Where is the one
    10. There's a flaw in my flue
  • CD 3
    1. Day in, day out
    2. I couldn't sleep a wink last night
    3. Sentimental journey
    4. Somewhere along the way
    5. When the world was young
    6. These foolish things
    7. You go to my head
    8. Stardust
    9. It's funny to everyone but me
    10. Why was I born

Gesamtspielzeit: 95:29 min.

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User Beitrag

Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-04-12 17:45:41 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?



Loketrourak

Postings: 471

Registriert seit 26.06.2013

2017-04-02 12:35:10 Uhr
Das Flanagan Q&A ist klasse! Merci.

The MACHINA of God

Postings: 8037

Registriert seit 07.06.2013

2017-04-01 21:50:44 Uhr
Oh, seine Stimme klingt gut, was ich so auf 4 Songs als Eindruck hab.

The MACHINA of God

Postings: 8037

Registriert seit 07.06.2013

2017-03-27 00:11:40 Uhr
Ausführliches Q&A zum Album.

The MACHINA of God

Postings: 8037

Registriert seit 07.06.2013

2017-03-26 22:14:34 Uhr
Hmm, also ich mag "Time out of mind" schon mehr. Die dunkle Stimmung ist herrlich. Und von mir aus kann Herr Dylan gern 108 Jahre alt werden.
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