The Gift - Altar

The Gift- Altar

La Folie / Broken Silence
VÖ: 07.04.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Pop, Pathos und Glückseligkeit

Freunde der Introvertiertheit und selbstbestimmte Eremiten, Ihr müsst nun stark sein. Denn dies ist das Album, zu dem sich die Menschheit die nächsten Jahre in den Armen liegen wird. Eingespielt haben es Brian Eno, Erfinder der Tapetenmusik namens Ambient, und eine portugiesische Band, die wohl kaum jemand außerhalb der iberischen Grenzen kennt. "Altar" ist dabei bereits das sechste Album von The Gift und: Ja, lieber Radiohead-Hörer, Du darfst hier mit den Augen rollen. Denn es wird theatralisch, es wird bunt, es wird großartig! Pop, bis zum Anschlag aufgedreht.

Interviews mit der Band lesen sich wie aus dem Lebensratgeber gezimmert: "Wenn wir ein Problem hatten, waren wir nicht traurig, sondern froh, weil das der erste Schritt zur Lösung war." Träume, lebe, erhebe die Hände und lobpreise den Optimismus. Aber ohne diese Unbedarftheit wäre es vielleicht nie zur Zusammenarbeit zwischen The Gift und Eno gekommen. Songwriter Nuno Gonçalves traf ihn in São Paulo und sie sprachen über alle möglichen Dinge. Nur nicht über Musik. Schließlich waren sie dort im Urlaub. Erst das Eingreifen von Sängerin Sónia Tavares sorgte eine Weile später für die Kollaboration: "Ich dachte einfach: Verdammt, ich frage ihn." Und verdammt, was ein Glück, dass sie das tat. Denn auf "Altar" reihen sich zehn mit wunderschönen Melodien gefüllte Stücke aneinander.

Alleine "Clinic hope" lässt dieses Album fast vom Fleck weg explodieren, so viel Spannung haut die kurze Tonfolge aus dem Synthesizer in dieses Stück. Dazu sitzt der Rhythmus perfekt. Ein Song, bei dem die Sonne aufgeht, vollgedröhnt mit Endorphinen. Ein Großteil der Stücke ergab sich durch Jam-Sessions mit Eno, Ideen kanalisierten sich dabei auf neuen Wegen. "Altar" hört sich dabei wie eine Befreiung an, wie ein Aufspielen ohne große Last. Leidenschaft bis zum letzten Moment.

"Love without violins" startet auf einem tumben Beat, bis sich schlussendlich doch wieder die Wolken verziehen, "Malifest" wird zur munteren Mitsingnummer, in der sich die Gitarre mit einer hauchzarten Spur verewigen darf. Der Refrain fällt dazu mehrstimmig aus – natürlich. Dabei ist der prägt vor allem Tavares das Stück. Ihre Stimme leitet durch das Intro, vor schweren Wolken und einem düsteren Klavier, bevor die Geigen einsetzen und der Song nur so im Pathos ertrinkt. Das kann peinlich berühren. Oder einfach nur herrlich sein.

Und das Gute: The Gift umkurven trotzdem die ganz großen und ganz tumben Verbrüderungsgesten. Das hier ist Pop aus dem Herzen. Enos Produktion verpasst der gesamten Atmosphäre eine genügsame Leichtigkeit. Der Weltuntergang liegt laut diversen Berichten ja nur noch gefühlt drei Tage entfernt. Und da tut selbst der dunkelsten Seele, dem Schwarzmaler aus Überzeugung ein Album wie "Altar" gut. Denn The Gift bringen kein Gehege voller Einhörner in die musikalische Landschaft, doch dafür vor allem Entspannung und Unbekümmertheit. Ja, Synthesizer sind hier drauf. Ja, es sind einfach nur zehn einfache, kleine Songs. Ja, die Welt wird sich mutmaßlich nicht durch diese Musik verändern. Aber alleine der Glaube zählt, dass diese Band ihr Album mit Feenstaub und Sonnenschein gepresst haben könnte – und es eben doch einen Unterschied machen könnte. Wenn Glückseligkeit hörbar wäre, dann würde sie klingen wie "Altar". Vom ersten bis zum letzten Ton. Das sollte doch genügen, um die Eremiten aus ihrer Höhle zu locken.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Clinic hope
  • Love without violins
  • Malifest
  • What if...

Tracklist

  1. I loved it all (Intro)
  2. Clinic hope
  3. Big fish
  4. Love without violins
  5. Vitral
  6. Malifest
  7. You will be queen
  8. Lost and found
  9. Hymn to her
  10. What if...

Gesamtspielzeit: 47:28 min.

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User Beitrag

Watchful_Eye

Postings: 1609

Registriert seit 13.06.2013

2017-04-12 18:05:12 Uhr
Der Eno-Anteil besteht hier aus ähnlichen Substanzen wie in der "Someday World" (Eno/Hyde), die hier damals die 9/10 bekommen hat. Aber eben mit mehr Pop und Groove. Feines Ding.
Perlchen
2017-04-08 10:55:08 Uhr
ich bin schwer beeindruckt....

https://www.youtube.com/watch?v=DhNh2JCv2_w&oref=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DDhNh2JCv2_w&has_verified=1
Matthias
2017-04-06 09:24:24 Uhr
"Clinic hope" ist echt Wahnsinn. Habe die ganze Zeit die Synthie-Folge im Ohr...

Armin

Postings: 15755

Registriert seit 08.01.2012

2017-04-04 10:07:04 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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