Alphaville - Strange attractor

Alphaville- Strange attractor

Polydor / Universal
VÖ: 07.04.2017

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Im Abspann ist es dunkel

Diese Farben. In visueller Hinsicht könnte das Cover von "Strange attractor" inspiriert sein von Filmen wie "Drive" oder der Serie "Stranger things". Passend, nicht wahr? Fischen deren Soundtracks und Scores doch in den Achtzigerjahren. Jener Dekade also, in der Alphaville ihre Glanzzeit hatten. Nun die Kehrseite: Mit dieser Symbiose traut man dem siebten Studioalbum der Münsterländer bereits mehr zu, als es zu leisten imstande ist. Wir sind hier, so gesehen, definitiv im falschen Film – und Überlänge hat er auch noch.

Das überbordende Material sei in präzise Popsongs übersetzt bzw. reduziert werden, gibt Sänger Marian Gold zu Protokoll. Offensichtlich ist Reduktion sehr interpretierbar. Drei aufeinanderfolgende Songs. Zwanzig Minuten. Viel Zeit. Genutzt für luftleeren, auf bedeutungschwanger getrimmten Pathos. Sagenhaft lange acht Minuten muss sich der errufene "Almighty Jesus" in "A handful of darkness" mit Krieg und Kinderchören auseinandersetzen. Sechs Minuten nimmt Ambient-Pop mit sizilianischen Mandolinentönen Kurs auf "Mafia Island" und ebenso lange pluckert "Enigma" dem eingeflochtenen meditativen Refrain fürs Kollektiv entgegen: "I'm drifting away through my sleepless nights", singt Gold, nachdem er bereits im Opener, um theatralische Aufwertung des introhaften Einstiegs bemüht, raunte: "I hate to sleep / But I love to dream."

Nach dem erwähnten Song-Trio ist Schluss mit Lethargie. Alphaville sind selten, wie im gelungenen "House of ghosts", noch mit Synthie-Pop in Verbindung zu bringen. Sie versuchen sich in discofunkigem Gewand am durchaus ohrwurmigen "Heartbreak city" und liefern bei "Fever!" einen Refrain, den Scissor Sisters auch nicht besser auf einer Afterparty eines Kylie-Minogue-Konzerts singen würden. Aber das sind nur kleine Lichtblicke in einem Irrgarten rauschhafter Stilvielfalt. "Around the universe" sounds oberflächlich like a melody, aber dann doch mehr so, als sänge Chris De Burgh A-Has "Lifelines", und "Marionettes with halos" lässt es sich nicht nehmen, bei der krummen Melange aus synthetischem Pop, Disco und Funk durchgescheuerte Steve-Vai-Solos einzubauen. Bezeichnend.

"Strange attractor" wird gerade in der zweiten Hälfte beherrscht von leblosen Beats, Sounds, die näher an Kirmes als am Kosmos sind, und teils schlageresken Gitarrenanschlägen. Eine E-Gitarre macht eben noch lange keinen Rock. Auch Andrea Berg saß schon auf einem Motorrad. "Nevermore", der Gipfel dieses ekstatischen E-Geklampfes, klingt wie einer dieser Eurovision-Songcontest-Beiträge mit Chancen auf einen der letzten fünf Plätze. Als vesuche jemand vom Balkan – no offense – mit übertriebener Gestik und Lautstärke eine knurrige Variante von Rihannas "Shut up and drive" hinzubekommen. Und das war schon keine gute Nummer. Es steht zudem zu befürchten, dass Pink Floyd – deren "hymnisch-barocke Euphorie" ihre Spuren auf "Strange attractor" hinterlassen haben soll – ihre Widmung im episch angelegten Riff des Eighties-Drum-Schmachtfetzen-Closers "Beyond the laughing sky" erhalten. Vielleicht ein Irrglaube. Vorsichtshalber aber empfehlen wir David Gilmour seinen Kopf von jedweder wall fernzuhalten.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • House of ghosts

Tracklist

  1. Giants
  2. Marionettes with halos
  3. House of ghosts
  4. Around the universe
  5. Enigma
  6. Mafia Island
  7. A handful of darkness
  8. Sexyland
  9. Rendezvouyer
  10. Nevermore
  11. Fever!
  12. Heartbreak city
  13. Beyond the laughing sky

Gesamtspielzeit: 63:34 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
MM223
2017-04-29 21:36:03 Uhr
Absolut zutreffende Rezension . Und drei von zehn ist da sogar noch sehr wohlwollend
Korrektor
2017-04-10 17:54:40 Uhr
Wenn jemand ernsthaft "in 2017" schreibt, kann man gleich aufhören zu lesen.
Auskenner
2017-04-09 21:38:36 Uhr
Wenn Alphaville in 2017 von einem Rezensent als "Münsterländer" bezeichnet werden, kann man eigentlich gleich aufhören weiter zu lesen. So auch hier.

Da ist leider etwas dran!


Ich trolle mal und behaupte, dass alles nach "Prostitute" von 1994 Mist ist und ignoriert werden kann.

Salvation (1997) fand ich auch z.T. noch recht annehmbar. Ich muss aber klar sagen: Deren bestes Album war das Debut, dagegen sehen "Afternoons in Utopia" und erst recht "Breathtaking Blue" ganz alt aus.
LOL
2017-04-09 17:24:26 Uhr
Wenn Alphaville in 2017 von einem Rezensent als "Münsterländer" bezeichnet werden, kann man eigentlich gleich aufhören weiter zu lesen. So auch hier.

MasterOfDisaster69

Postings: 195

Registriert seit 19.05.2014

2017-04-07 13:22:46 Uhr
Halte insbesondere 3/10 zu wenig.

Gut, also die zweite Hälfte ist wirklich kaum noch durch-hörbar.
Bis „A Handful of Darkness“ ist es aber durchaus aushaltbare Pop-Musik, ok teilweise sind die Songs wirklich einfach zu lang und finden kein Ende.
Nur bei „Marionettes with halos“ und „Enigma“ musste ich da dann irgendwann skippen.

5.5/10
Immerhin besser als diese Brother Firetribe – Scheibe, für die PT unglaubliche 7/10 zückt…
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