Drake - More life

Drake- More life

Republic / Universal
VÖ: 31.03.2017

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Nerv nicht

"Views" war eine Zäsur, denn es erschien schlicht ziemlich lang und ziemlich langweilig. Das war man nicht gewohnt von Drake. Der Kanadier hatte sich viel vorgenommen, wollte sein Magnum Opus schaffen wie Jay-Z seinerzeit mit "The blueprint" – und scheiterte. Heute gibt er sich selbstreflexiv: "I was an angry youth while I was writing 'Views' / Saw a side of myself that I just never knew", rappt er in "Do not disturb" zu guter Letzt auf seinem neuen Output. So möchte er "More life" als Korrektur des Vorgängers verstanden wissen. Und tatsächlich unterzieht Drake seinen Stil einer radikalen Kur, geht dabei aber recht übereifrig zu Werke.

Über 80 Minuten Spieldauer, das ist selbst für HipHop-Verhältnisse – und war auch schon auf "Views" – recht viel. Was bei "Take care" noch aufging, funktioniert also spätestens hier nicht mehr, zumal "More life" von Künstlerseite ausdrücklich als Playlist denn als reguläres Album veröffentlicht wird. Zu vielfältig sind die Stilrichtungen, als dass man von einem typischen Sound sprechen könnte. Auch ein durchgezogenes, inhaltliches Thema lässt die Platte vermissen. Da gibt es einerseits die halb gesungenen, halb gerappten Pathosfetzen, wie man sie von Drake kennt.

"Nothings into somethings" und "Gyalchester" zum Beispiel, oder auch das glanzlose Kanye-Feature "Glow", das außer einer netten Selbstreferenz zu "Started from the bottom" von "Nothing was the same" recht farblos bleibt. Andererseits sind da die Elektro-Brecher, wie "Passionfruit", das dem Deep House huldigt, während Drake flüstersingt, oder auch das wuchtigere "Get it together", dessen Lorbeeren aber eigentlich dem südafrikanischen House-DJ Black Coffee gebühren, nicht dem kanadischen Softie-Rapper. Auch "Madiba riddim" setzt auf unaufgeregt klackernde Disco-Beats. Die Einflüsse sind gewöhnungsbedürftig, aber nicht unbedingt daneben – wären sie nur im passenden Umfeld eingebettet.

Heißer wird es, wenn Drake vom Grime klaut: Skepta bekommt nicht umsonst ein zweieinhalbminütiges Interlude. Auch "KMT" entspringt aus dieser Ecke. Erst Handclaps, dann Stampfer, dramatisch geloopte Keys. Ebenso in "No long talk" ist Giggs zu Gast und verschifft so noch einen Track von Toronto nach London. "Portland" bleibt indes in Nordamerika, Quavo und Travi$ Scott stehen Drake diesmal zur Seite. Eine Querflöten-Thema durchzieht den Titel, der mit Autotune und Vocoder recht gefällig, aber auch nicht unbedingt zwingend gut, daherkommt. Der zwei-stufige Beat in "Can't have everything" macht zumindest ein My mehr Spaß.

Den Höhepunkt des Albums bildet "Teenage fever", das zumindest zur Hälfte ein Cover von Jennifer Lopez' "If you had my love" darstellt. Das ist skurril und deswegen vielleicht auch das echteste Stück auf "More life", weil es aus der Einfallslosigkeit des Künstlers das beste macht. Der Rapper singt schmachtend über verflossene Lieben und im Hintergrund tobt sich ein seltsames, orientalisch anmutendes Instrument aus. Auch "Fake love" zieht ungewohnte Bahnen irgendwo zwischen Steeldrums und verstimmter Gitarre.

Am Ende steht eingangs erwähntes "Do not disturb" und bittet um Ruhe. Drake ist müde, schließlich hat er alles getan, um sich neuzuerfinden. Dabei hat er aber eigentlich nur andere Gäste eingeladen. Trotz des ein oder anderen netten Tracks schafft er es nicht wirklich zu überzeugen, zumal die Uneinheitlichkeit des Albums durchaus als Schwachpunkt ausgelegt werden muss. "More life" hat vor allem deswegen seine Längen, weil es nie zur Ruhe kommt und man dementsprechend schlicht geneigt ist, irgendwann auszusteigen. Und auch wenn andere Kritiken die Wandlung Drakes loben, muss an dieser Stelle konstatiert werden: "Views" war langweilig, hat aber wenigstens nicht genervt.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • No long talk (feat. Giggs)
  • Teenage fever

Tracklist

  1. Free smoke
  2. No long talk (feat. Giggs)
  3. Passionfruit
  4. Jorja interlude
  5. Get it together (feat. Jorja Smith & Black Coffee)
  6. Madiba riddim
  7. Blem
  8. 4422 (feat. Sampha)
  9. Gyalchester
  10. Skepta interlude
  11. Portland (feat. Quavo & Travi$ Scott)
  12. Sacrifices (feat. 2 Chainz & Young Thug)
  13. Nothings into somethings
  14. Teenage fever
  15. KMT (feat. Giggs)
  16. Lose you
  17. Can't have everything
  18. Glow (feat. Kanye West)
  19. Since way back (feat. PARTYNEXTDOOR)
  20. Fake love
  21. Ice melts (feat. Young Thug)
  22. Do not disturb

Gesamtspielzeit: 81:28 min.

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MopedTobias

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Registriert seit 10.09.2013

2017-08-19 15:39:25 Uhr
Hab mir das Ding jetzt doch mal am Stück angetan, es ist genau so, wie ichs erwartet hab. An und für sich kommt eigentlich kein Song unter 7/10, am Stück ist das aber anstrengend, zerfahren und an vielen Stellen redundant. Das Konzept einer Playlist, aus der sich jeder sein eigenes Album zusammenstellen kann, finde ich an sich nicht schlecht, mir fehlt bei More Life da aber echt die Muße für, weil ich zwar keinen Ausfall, aber eben auch kaum was höre, was über Drake-Durchschnitt hinausgeht. Passionfruit und Get it Together sind aber echt toll.
Schwarz (der echte)
2017-04-07 09:33:58 Uhr
Ich glaube, gerade im Hip Hop ist das noch Mal eine ganz andere Sache. Das hat als reine Partykultur begonnen, wo erst Mal gar nicht daran zu denken war, seine Musik auf Tonträger zu bannen. Sicherlich gab es mit der zunehmenden Vereinnahmung durch die Musikindustrie später auch richtig große, in sich geschlossene Alben, aber Hip Hop LPs litten ja schon immer mehr oder weniger darunter, zu lang und wahllos zu sein um als Album zu funktionieren.

Die neue Generation scheint jedenfalls wieder komplett drauf zu scheißen und haut Mixtapes am Fließband raus. Natürlich kann man jetzt meckern, dass darunter auch jede Menge Ausschussware ist, aber für mich ist das auch irgendwie eine Rückkehr zu den rebellischen Wurzeln, die mit den klassischen Vorgaben der Musikindustrie bricht.

Drake sehe ich da übrigens nicht als den großen Innovator, sondern als jemanden, der dieses Prinzip verstanden hat und für seine eigenen kommerziellen Zwecke nutzt.

Pascal

Postings: 395

Registriert seit 13.02.2013

2017-04-06 23:35:59 Uhr
Ich will ja auch kein Opa werden, der irgendwann durchdreht, weil keiner mehr ganze Alben hört. Aber ich finde es schon bedauerlich, wenn sich Musikinteresse mittlerweile aus dem Mix der Woche bei Spotify speist. Ich fand auch schon das Last.fm-Radio scheiße. Ich glaube einfach, wenn sich alles nur noch auf Songs beschränkt, fehlt Künstlern die große Leinwand. In 3 Minuten Popsong wirklich bewegen klappt ja schon. Aber mich hat noch kein Einzelsong so gebannt wie ein ganzes Album. Das geht ja auch gar nicht. Wenn sich Drake damit zufrieden gibt, dass der Rezipient sein Werk zerfleddert, wie er mag, dann ist es fraglich, welchen Wert das Werk überhaupt hat.
Schwarz (der echte)
2017-04-06 19:29:22 Uhr
Wenn er das ganze eher als Sampler verstanden wissen will, finde ich das völlig in Ordnung. CD-Verkäufe dürften für ihn ja eh eine sehr untergeordnete Rolle spielen.

Ich bin ja auch immer noch Anhänger des klassischen Albums aber das dürfte die große Mehrheit der Generation, aus der sich Drakes Hörerschaft speist, wahrscheinlich anders sehen.

Und das Albumformat jetzt bis in alle Ewigkeiten auf irgendeinen popmusikalischen Thron zu hieven, ist mir irgendwie zu Rolling Stone mäßig.

Pascal

Postings: 395

Registriert seit 13.02.2013

2017-04-06 18:04:21 Uhr
Wenn er eine Playlist will, dann braucht er es aber auch nicht wie ein Album zu veröffentlichen. Dann soll er halt meinetwegen eine Tidal-exklusive Songauswahl aufstellen oder so. Wenn er sich in seinem Vorgehen so sicher wäre, müsste er ja nicht "aber bitte nicht wie ein Album hören" hinterherschieben. Keine Ahnung was daran innovativ sein soll, Songs ohne Gesamtzusammenhang auf EIN Werk zu packen. Dann kann ich mir auch wieder die Bravo Hits holen. Ich will keine Sampler, ich will 35 - 70 Minuten Musik, die sich gegenseitig bedingend formiert wurden. Offenbar ist es heute manchen Künstlern einfach zu schwierig oder vielleicht aufwändig Stimmigkeiten über eine größere musikalische Fläche aufzuziehen. Das Album als Ausdrucksobjekt ist und bleibt die Krone der (Pop-)Musikschöpfung.
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