Conor Oberst - Salutations

Conor Oberst- Salutations

Nonesuch / Warner
VÖ: 17.03.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mittendrin statt nur dabei

Es nicht wirklich fair und eigentlich auch ziemlich gemein: Man wünscht sich die Künstler nach dem eigenen Idealbild. Eine banale Erkenntnis, die doch mitunter weitreichende Konsequenzen nach sich zieht. Vor allem, wenn der Künstler gerade zufälligerweise Conor Oberst ist und vor vielen Jahren mit Alben vorstellig wurde, die jede Distanz zu ihren Hörern aufgaben und in ihrer Verletzlichkeit geradezu greifbar waren. Das kann man natürlich nicht für immer so handhaben, hält ja auch kein Mensch aus. Umso schöner, dass nach dem Ende von Bright Eyes und all den Jahren voll meist opulent ausgestalteten Alben zuletzt mit "Ruminations" mal wieder ein Werk vom Laster gefallen ist, das eine lange verloren geglaubte Intimität mit sich brachte. Eines, das sich jetzt, im Zuge der Veröffentlichung von "Salutations", als eine Art Betriebsunfall entpuppt.

Nicht nur, weil sich Oberst damit wieder den ausproduzierteren Tönen zuwendet. Viel mehr, weil man erfährt, dass "Ruminations" in dieser Form ohnehin gar nicht geplant war. Eine Sammlung von Demos, die so sehr für sich stand, dass ein Album daraus wurde. Trotzdem bringt "Salutations" jede Menge Neues mit sich. Klar, zehn neue Versionen der bekannten Songs. Aber eben auch gleich sieben neue Stücke. Das alles verteilt auf eine Spielzeit von fast 70 Minuten. Reduziert geht anders, der Künstler denkt groß. Das mag vielleicht manche Fans abschrecken, macht aber erst mal gar nichts. Weil sich der 37-Jährige irgendwo zwischen Americana, Folk und Country ja bestens auskennt und man weiß, dass mindestens zehn Titel nicht wirklich schlecht sein können. Im Gegenteil, der ein oder andere gewinnt im neuen Klanggewand sogar noch an Charme. "Gossamer thin" etwa bringt die einstmals schrille Mundharmonika viel harmonischer unter und profitiert ungemein von der ausformulierten Instrumentierung. Auch "A little uncanny" nutzt endlich die volle Kraft, die in seiner Idee nun mal angelegt ist und darf geradezu laut werden.

Zwei Songs, die exemplarisch zeigen, wie gut Oberst mitsamt Band sein kann. Da greift ein Rädchen ins andere, da offenbart sich unverhoffte Dynamik und zugleich wirken die Stücke nicht überladen oder gar zugekleistert. Schön ist auch, das Oberst nicht den Fehler macht, den Charakter der "Ruminations"-Songs zu verändern. "Tachycardia" bleibt auch in der Bandversion ein vergleichsweise leises Kleinod und auch das großartige "Next of kin" lebt weiterhin von seinen feinen, gut versteckten Details. Überhaupt schadet es diesen Songs nicht unbedingt, dass die schmerzhafte Direktheit und Ungeschliffenheit vom Vorgänger nicht mehr zugegen ist. Weil Songs wie "Mamah Borthwick (A sketch)" über jeden Zweifel erhaben sind und wohl auch in einer Minimal-Electro-Version noch funktionieren würden. Trotzdem gerät "Salutations" früher oder später ins Stolpern, wenn etwa "Napalm" mit seiner geradezu aufdringlichen Art so gar nicht zum Rest des Albums passen mag.

Spätestens dann merkt man, dass es die sieben neuen Titel sind, die "Salutations" ein wenig runterziehen. Weil es sich mit Ausnahme des gelungenen Closers "Salutations" eigentlich nur um Tracks handelt, die zwar niemanden stören, aber dem Gesamtwerk auch nichts Substanzielles hinzufügen können. Stücke in der Tradition von "Another travellin' song", wenn man so will. die letzten Endes den Albumfluss nachhaltig zerschießen und mal wieder daran erinnern, dass weniger oftmals so viel mehr ist. So ist "Salutations" schlussendlich ein seltsames Album. Weil es ganz offensichtlich mit "Ruminations" zusammenhängt und sich doch so gar nicht mit diesem vergleichen lassen will. Weil es die einst gesponnen Fäden aufnimmt und weiterführt. Weil es zugleich aber auch eine ganze Menge loser Ende ansammelt. Inmitten derer Conor Oberst steht und mal wieder als einziger weiß, wie es weitergehen wird. Zumindest vertrauen wir darauf. Immer noch.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Next of kin
  • Mamah Borthwick (A sketch)
  • Tachycardia

Tracklist

  1. Too late to fixate
  2. Gossamer thin
  3. Overdue
  4. Afterthought
  5. Next of kin
  6. Napalm
  7. Mamah Borthwick (A sketch)
  8. Till St. Dymphna kicks us out
  9. Barbary Coast (later)
  10. Tachycardia
  11. Empty hotel by the sea
  12. Anytime soon
  13. Counting sheep
  14. Rain follows the plow
  15. You all loved him once
  16. A little uncanny
  17. Salutations

Gesamtspielzeit: 67:54 min.

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User Beitrag

humbert humbert

Postings: 1738

Registriert seit 13.06.2013

2019-02-16 20:45:47 Uhr
Alles Gute nachträglich Conor. Viel Erfolg im letzten 30. Lebensjahr

humbert humbert

Postings: 1738

Registriert seit 13.06.2013

2019-01-15 22:28:08 Uhr
Pssssssst!! Man sagt ja, dass Phoebe Bridgers und Conor Oberst zusammen ein Album aufgenommen haben, dessen erste Single am 23.1. erscheint. Das Projekt hat den griffigen Namen 'Better Oblivion Community Center'.
Vince
2018-12-16 07:16:25 Uhr
No one changes ist echt klasse!

humbert humbert

Postings: 1738

Registriert seit 13.06.2013

2018-11-19 19:38:25 Uhr
@ Hipster aus Bochum
Scheinst ja nicht der Einzige hier im Forum zu sein. Mir wächst mit dem Alter Conor Oberst immer mehr ans Herz.

Hipster aus Bochum

Postings: 125

Registriert seit 04.01.2017

2018-11-09 18:36:53 Uhr
Sehr schön. No one changes könnte aus der Fevers und Mirrors-Session stammen; The Rockaways mäandert für mich durch den uninteressanten Teil von Lifted.

Conor und ich haben uns einfach auseinandergelebt, glaube ich.
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