Depeche Mode - Spirit

Depeche Mode- Spirit

Columbia / Sony
VÖ: 17.03.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Got the balance right

"Please don't try to be Bono", bat ein Fan, als Depeche Mode ihr bislang politischstes Album "Spirit" ausriefen. Sicher wird Dave Gahan künftig nicht zu Friedensgesprächen in den Nahen Osten fliegen, aber erstmals in der Bandhistorie – klammert man so etwas wie die Raffgier der oberen Zehntausend in "Everything counts" aus – thematisieren Gahan und Martin Gore in ihren Texten mehrheitlich soziopolitische Veränderungen. In der Vorabsingle "Where's the revolution" gibt Gahan den Lokführer im Zug der Aufständischen und fordert auf: "Get on board". Belehrend werden Depeche Mode nicht und auch keine Anführer einer Bewegung. Der wachsende Rechtspopulismus, der Mangel an Humanität und die Selbstverständlichkeit des täglichen kriegerischen Handelns: All das darf man ruhig "Going backwards" nennen. "We have not evolved / Ignoring the realities", singt Gahan und spricht später davon, Männer in Echtzeit sterben zu sehen, während Gore umgehend die reaktive Gefühlskälte "We feel nothing inside" anschließt. Famoser Auftakt.

In knapp 50 Minuten sprechen Depeche Mode neben sexuellen Aspekten und zwischenmenschlichen Gräben in "The worst crime" eben auch über falsche Führer, in "Scum" über diktierten Suizid und zeichnen das alte Bild des gesellschaftlich ignorierten "Poorman". Das Trio aus Basildon als Augenzeuge wachsender Geistlosigkeit. Mit Texten, die allesamt vor Brexit und dem Regierungswechsel in den USA entstanden sind. Nichtsdestoweniger flechtet Gore aus Harmoniumklängen die Drohkulisse eines atomaren Angriffs in das Mobile des Kinderzimmers seiner einjährigen Tochter und bekundet in "Eternal" auf ureigenste Weise seine Zuneigung: "And when the black cloud rises and the radiation falls / I will look you in the eye and kiss you." Statt im finalen Song "Fail" Lichtblicke zu spenden, summiert der in Santa Barbara wohnhafte Gore in seiner zeternden Nonchalance vielmehr: "Our minds are messed up / Our consciences bankrupt / Oh, we're fucked / Our dignity has sailed, oh, we failed."

Nach drei Alben mit Produzent Ben Hillier vollzogen Depeche Mode glücklicherweise auch einen personellen Wechsel an dieser Stelle. James Ford, selbst Teil der Elektro-Duos Simian Mobile Disco und gefragter Mann für Arctic Monkeys und Florence & The Machine, steht dem Synth-Pop-Trio bei. Das hymnische Element, die Pop-Grandezza – davon bietet "Spirit" wenig. Und vielleicht wäre es für den einen oder anderen Anhänger der Band an der Zeit, Lob und Abgesang nicht mit einem Hitalbum gleichzusetzen oder die Abstinenz Alan Wilders zu bemängeln. Dafür ist "Spirit" so rund wie lange nicht mehr, integriert vergessene Trademark-Sounds und -Referenzen und entpuppt sich mindestens als beste Platte seit "Playing the angel". Ob es gar für mehr taugt, wird die Zeit zeigen.

"So much love" möchte live auf "A question of time" folgen, obwohl die simple Rhythmik im EBM-Bereich der frühen Achtzigerjahre fischt, "You move" fährt eine erdrückende synthetische Bassline auf und selbst die anfängliche Kinderreimlyrik von "Poorman" verblasst unter dem Eindruck des starken Outros. "Spirit" funktioniert, weil sich kein Battle zwischen Fords Arbeitsweise und Gores Analog-Tüfteleien entspinnt und Gahan die Blues-Variante seines geliebten Seitenprojekts Soulsavers harmonisch einbindet. "The worst crime" etwa unterlegt die Soul-Blues-Licks mit Hall und pendelt zwischen Western-Lullaby und "True detective"-Soundtrack. Auch das spährisch dampfende "Cover me" scheint zunächst ein Soulsavers-Song zu werden, dann aber betört die Pedal-Steel-Gitarre nur noch technoide Stilistik im instrumentalen Raum – ehe abrupt Schluss ist.

Die ersten Töne von "Scum" sind bekannt seit dem anderthalbminütigen Snippet der Pre-Release-Pressekonferenz, zu der Band und Tourveranstalter öffentlichkeitswirksam in murmeltierartiger Verlässlichkeit laden. Der Ausschnitt der federnden Faustschläge und aufblinkenden Sequenzertöne hatte allerdings weder den Schlachtruf "Pull the trigger" noch die Melange aus kratzbürstigen Störgeräuschen und synthetischem Dröhnen erahnen lassen. By the way: Das Stück ist ein Hit. Ford belegt Gahans (und auch Gores) Stimme mit Distortionseffekten und schleppt den windschiefen Blues nur durch "Poison heart", um ihn am Ende über die Klippe zu stürzen. Es sind viele kleine Stellschrauben, die Depeche Mode aus dem Winterschlaf der Gemäßigten herausholen. Und es sagt ja niemand, dass man beim Frühlingserwachen nicht unheilschwanger aus der Wäsche gucken darf.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Going backwards
  • Scum
  • Cover me

Tracklist

  1. Going backwards
  2. Where's the revolution
  3. The worst crime
  4. Scum
  5. You move
  6. Cover me
  7. Eternal
  8. Poison heart
  9. So much love
  10. Poorman
  11. No more (This is the last time)
  12. Fail

Gesamtspielzeit: 49:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Knackschuhs Bannstrahl der ewigen Verdammnis
2017-04-02 16:33:10 Uhr
Seit den letzten drei DM-Alben war es doch eigentlich so, dass die Bonus-Tracks immer die originellsten Vertreter neuen DM-Outputs waren. Ich erachtete manche zumindest als mindestens durchschnittlich kreativ.
@klotzimotzi
2017-04-02 16:28:56 Uhr
es gibt bonussongs!!!
Bläkk-Metaller
2017-04-02 16:22:28 Uhr
Ich höre Musik von Menschen , die in ihren Texten unverhohlen, und vollends befreit von jeglicher Ironie, das Böse lobpreisen, finde aber das, was mir Guido Knopp Abends im TV über die Taten der National-Sozialisten erzählt, voll widerwärtig.
Angelo MerteIo
2017-04-02 16:14:19 Uhr
Ist mir leider nicht hart genug. Metal on!
alando
2017-04-02 16:13:39 Uhr
sounds of the universe - 5/10
delta machine - 5/10
spirit - 8/10, kein ausfall, okay vlt. eternal, und jeder song hätte 1 oder 2 minuten länger und atmosphärischer ausgebaut werden können. ich kann das album an einem stück durchhören und freue mich auf jeden weiteren song.
doch vorsicht, nur 1x pro woche anhören, dann bleibt auch langzeitwirkung
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