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Laura Marling - Semper femina

Laura Marling- Semper femina

More Alarming / Kobalt / Rough Trade
VÖ: 10.03.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der wunderliche Semperlativ

Für eine Tätowierung bietet der Oberschenkel ein recht merkwürdiges Fleckchen Körper. Meist hosenbedeckt, ist unleserlich, was da schwungvoll auf der Haut geschrieben steht. Und pustet der Sommerwind den Rock irgendwann beiseite, ist auch nicht garantiert, dass man die Zeichen entziffern kann. Dort hat sich Laura Marling rötlich "Semper femina" stechen lassen, kopfüber, sodass sie es lesen kann, wenn sie die blanken Beine hochlegt. Was wohl selten geschieht, ist das hier doch ihr sechstes Album in neun Jahren. Und mit einem Podcast über Frauen und Musik sowie mit ihren Tourneen ist die Britin auch recht gut beschäftigt. "Semper femina" also, Marling trägt das schon jahrelang mit sich herum, als Zierde, Memento oder Schutzaura. Vergil! Aeneis!, ruft der unter Artenschutz stehende Altphilologe dazwischen, nicht ohne mit gerecktem Zeigefinger das vollständige Zitat zu dozieren: "Varium et mutabile semper femina", was soviel bedeutet wie: "Etwas Unbeständiges und immer Veränderliches ist die Frau." Bei Marling wird es lakonisch zu "Immer Frau."

Dieses Konzeptalbum umrandet zwar Feminismus, fabuliert aber viel lieber und lieblicher über die Weiblichkeit. Marling sammelt und zitiert frei heraus, etwa den überempfindlichen Rilke, dann sinniert sie über ein verruchtes Aktgemälde von Gustave Coubert oder psychoanalysiert nach Lou Andreas-Samolé, die ja Rilke, Nietzsche und Freud gleichermaßen den Kopf verdrehte. Mühselig ist es nicht, wie Marling diese Literaturliste eines frei assoziierenden Proseminars verarbeitet. Denn mit 27 Jahren schreibt sie Songtexte wie nur wenige – smart, geistreich und nachdenklich. Mal schleift sie die Worte in britischem English aus dem Mund, dann wiederum trägt sie kartoffelmampfend amerikanisch vor, was affektiert affig wirkt – aber auch egal ist, denn Marling war schon immer die Frau mit zwei Gesichtern.

Oder man beschreibt ihr Naturell wirklich als unbeständig und veränderlich – dergestalt weht zumindest "Soothing" dem Hörer entgegen. Ein jazziger Groove schlendert durch eine dreiteilige Spur aus E-Bass, Kontrabass und einem gluckernden mexikanischen Guitarron – diese sperrigen Noten paaren sich mit abstrakten Beats. Und sogar Radiohead lugen aus diesem Song hervor, wenn Marling unterkühlt singt: "Oh my hopeless wanderer / You can't come in / You don't live here anymore / I banish you with love." Unstet eben? Das gruselt milde, diese hart abweisende Gestalt, die sperrige Musik, aber begeistert durch sublime Arrangements. Blake Mills hat produziert und an einigen Instrumenten gebastelt, Rob Moss hat die Streicher arrangiert, und diese Seite von "Semper femina", fortgeführt in "Don't pass me by", ist wirklich superb. Darin tickern Beats aus einer Maschine, Harmonien hallen wider, dabei klingt der Song wie eine postmoderne Flickoper, die an Led Zeppelins "Babe, I'm gonna leave you" herumexperimentiert. Eine neue Seite der Britin.

Das andere, das vertrautere Gesicht, orientiert sich an Folkpop der Güteklasse Leonard Cohen, Bob Dylan, Nick Drake und Joni Mitchell. "The valley" läutet diese bekannteren Spuren ein, dick von Streichern begleitet, "Wild once" zärtelt am Purismus entlang, und all diese intimen Songs huschen vorbei am Fingerpicking an der Gitarre. Marling philosophiert weiter über Weiblichkeit und zirkelt um sich selbst: "Lately I'm wondering / If all my pondering / Is taking up too much ground." Grübeleien machen "Semper femina" aus, ein Selbstgespräch von Frau zu Frau, das sich im harten Rockabilly von "Nothing, not nearly" entlädt. Wirklich obskur ist an "Semper femina", wie Marling einige für sie typische Songs anstimmt, die genauso von einem ihrer früheren Alben stammen könnten, dabei aber kurzzeitig neuartig vertrackt, merkwürdig formt – etwa im Opener und bei "Don't pass me by". Gerade diese zwei Stücke überraschen und verkörpern eine Genese, die Marling besser steht als jedes Tattoo. Aber auch besser als das, was sie in ihrem bisherigen Werk beinahe perfektioniert hat. Mehr davon.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Soothing
  • Don't pass me by

Tracklist

  1. Soothing
  2. The valley
  3. Wild fire
  4. Don't pass me by
  5. Always this way
  6. Wild once
  7. Next time
  8. Nouel
  9. Nothing, not nearly

Gesamtspielzeit: 42:15 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 8133

Registriert seit 08.01.2012

2017-03-15 17:23:58 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Leatherface

Postings: 1491

Registriert seit 13.06.2013

2017-03-12 20:09:26 Uhr
Die Meisterwerke sind offenbar immer die mit der geraden Nummer (I Speak, Eagle, die Neue), während die dazwischen "nur" sehr sehr gut sind. Ob die Neue besser ist als das Überwerk Once I Was An Eagle wird sich zeigen.

Quirm

Postings: 181

Registriert seit 14.06.2013

2017-03-12 11:13:52 Uhr
Sehr schönes Album geworden. Gefällt mir wieder besser als der Vorgänger.

Takenot.tk

Postings: 430

Registriert seit 13.06.2013

2017-03-09 11:40:51 Uhr
Ich finde keiner der anderen Songs ist so ein Übersong, auch weil die anderen nicht so "spannend" produziert/arrangiert sind. Insgesamt finde ich sie aber sehr auf den Punkt, deutlich mehr als bei den früheren Werken von Laura Marling, und immer noch wirklich gut. So ein bisschen mehr in Richtung 60er Bob Dylan.

myx

Postings: 225

Registriert seit 16.10.2016

2017-03-09 09:02:44 Uhr
Leider können nach meiner Meinung die übrigen Songs nicht mit "Soothing" mithalten.
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