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Desperate Journalist - Grow up

Desperate Journalist- Grow up

Fierce Panda / Cargo
VÖ: 24.03.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Fast eine Jugend

Vor dem Schimpfen immer dran denken: Auch Jugendliche sind es irgendwann leid, ziellos durchs Leben zu stolpern. Da hilft nur eins: "Grow up." Aber als ob das so einfach wäre. Auch Jo Bevan, Sängerin von Desperate Journalist, kommt sich auf dem Cover im adoleszenten Tüllkleid vermutlich ähnlich deplatziert vor wie einst The Smiths' "Vicar in a tutu". Ein Name, der auch in Zusammenhang mit dem Nachfolger des exzellenten "Debüts" der Londoner fallen muss. Praktischerweise finden viele Anhänger der Britpop-Säulenheiligen um Morrissey und Marr die aufgelösten kanadischen Indie-Wave-Ladies The Organ genauso klasse, zumal die auf "Grab that gun" wiederum von "Steven Smith" sangen. Womit die Pole, zwischen denen sich auch "Grow up" bewegt, schnell abgesteckt wären und weiteren Songs der Güteklasse "O" oder "Cristina" nichts im Wege steht.

Im Grunde war das schon bei der Vorabsingle "Hollow" klar – einem bassgetriebenen, durch sämtliche weichgezeichneten Post-Punk-Instanzen marschierenden Stampfer, der nach anfänglichem Midtempo in einem gewaltig tosenden Stakkato-Refrain kulminiert. Caz Hellbent rüttelt ihr Drumkit ordentlich durch, Rob Hardys Riffs schrauben sich wurmartig in die Tiefe des doppelbödigen Songs. Alles andere als eine hohle Sache, wie die vier Briten klarstellen, dass es ihnen ernst ist mit monochromer Teenage-Angst und den Gefühlsschwankungen zwischen bleierner Schwermut und empörtem Aufbegehren, die in Bevans Stimme immer mitschwingen. Und diese klingt oft in der Tat, als würde The Organs Katie Sketch zornig mit dem Fuß aufstampfen – oder auch, als wäre Savages-Frontfrau Jehnny Beth nie ein schmutziges Wort über die Lippen gekommen.

Entsprechend kann "Resolution" im Titel einen noch so entschlossenen Eindruck machen – in Wirklichkeit verhandelt dieses perlende Prachtstück zu hymnischen Harmonien die Unverbindlichkeit überzogen gut gelaunter Silvesterfeierlichkeiten. Bussi links, Bussi rechts, viel Party, wenig dahinter – da wird der Refrain "Five, four, three, two, one and it's over" schnell vom Neujahrs-Countdown zum Fluchtreflex angesichts der zwanghaft oberflächlichen Zusammenkunft. Auch "All over" zischt rasant durch die angespitzte Indie-Pop-Mitte ab, während Hardy die Gitarre in den Breaks immer wieder scharf auf links zieht und den Song mit kreisenden Leads beschießt. Bevans kleinlautes "I hope you don't mind all the stupid things I put you through" aus dem Schleicher "Be kind" ist zu diesem Zeitpunkt schon fast vergessen – doch das Schlimmste kommt noch. Zumindest inhaltlich.

Musikalisch sind etwa der schlanke Dreiminüter "Why are you so boring?" oder das aufgewühlte "Lacking in your love", das sich stets einer befreienden Eruption verweigert, wunderbare Mini-Dramen und treiben ein hinreißend gekipptes Spiel mit Versatzstücken von New Wave, Brit-Pop und latenter Gothic-Düsternis. Allerdings legen sie auch ein bedrücktes Zeugnis von den Verfehlungen aller Jungmenschen ab, die es mit der Liebe überstürzen, statt sie und sich selbst reifen zu lassen und sich am Ende "buried in my nightclub" fühlen. Auch die kleinen Jangle-Köstlichkeiten "I try not to" und "Oh Nina" halten den Standard dieses vorzüglichen Albums problemlos, bis die Klavierballade "Radiating" zum wenig überraschenden Schluss kommt: Es bleibt schwierig mit dem Erwachsenwerden und -sein. Aber irgendwie auch schön. "Grow up" sei Dank.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Hollow
  • Resolution
  • All over
  • Lacking in your love

Tracklist

  1. Hollow
  2. Resolution
  3. Be kind
  4. All over
  5. Purple
  6. Why are you so boring?
  7. Lacking in your love
  8. Your genius
  9. I try not to
  10. Oh Nina
  11. Radiating

Gesamtspielzeit: 45:05 min.

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User Beitrag

Stephan

Postings: 490

Registriert seit 11.06.2013

2017-03-25 09:04:58 Uhr
Eine super Platte ist das wieder geworden. Mit "Lacking in your love" als derzeitigem Highlight.

tjsifi

Postings: 10

Registriert seit 22.09.2015

2017-03-16 10:38:00 Uhr
Freue mich sehr darauf, sowohl Hollow, Resolution als auch Be Kind sind schon mal gute Songs. Karten fürs Stuggi Konzert sind auch schon am Start.

Armin

Postings: 8133

Registriert seit 08.01.2012

2017-03-15 17:22:25 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 8133

Registriert seit 08.01.2012

2017-03-03 18:53:47 Uhr - Newsbeitrag
DESPERATE JOURNALIST, die Sensation des Frühjahres kommt auf Tour!

Neues Album „Grow Up“ erscheint am 24. März bei Fierce Panda!

Desperate Journalist


Es lässt selbstredend tief blicken, wenn man seine Band nach einem – ähem – Song von THE CURE benennt. Und natürlich kann man bei DESPERATE JOURNALIST schon allein deswegen Death Metal und Gangsta Rap als möglichen Stil ausklammern. Ein Fehler wäre es jedoch, sie deswegen auf Wave, Gothic oder Shoegaze festzulegen, viel mehr spielt sich ihr Repertoire im weit breiteren Feld des Postpunk, Indie-Rock und Alternative ab. Quod erat demonstradum mit „Grow Up“. Dem Titel des Albums entsprechend wächst die Band auf ihrem zweiten Album aus den Kindertagen ihres Daseins heraus und etabliert sich als die momentan angesagteste Underground Band, die London im ersten Quartal 2017 zu bieten hat.



Was nach einer leicht dahinzusagenden Relativierung klingt, ist bei genauerer Betrachtung eine Veröffentlichung, dessen Echo locker auch über 2017 hinaus nachhallen kann. Denn DESPERATE JOURNALIST ist ganz ohne Zweifel eine der aktivsten und wichtigsten DIY-Bands der aktuellen britischen Szene. Als im November 2016 ihre erste Singleauskopplung des neuen Albums „Hollow“ veröffentlicht wurde, etablierte sich der Track aus dem Stand in den deutschen Indie Disko Top 40 Charts und erreichte dort nicht nur Platz 6 sondern blieb auch die erlaubten 10 Wochen in den Charts. Und auch der Folgetrack „Resolution“, der im Januar 2017 folgte, konnte sich in den Indie-Charts festsetzen.



Es ist ein bisschen so, als hätte die Welt auf eine Band gewartet, die die Lücke zwischen den EDITORS, SAVAGES, THE ORGAN, THE CURE und THE SMITHS schließt. Es ist sicher kein Zufall, dass Sängerin Jo Bevans & Co. nicht nur mit dem Bandnamen Referenzen enthüllen, so hieß auch ihre zweite EP „Organ“ und ihr selbstbetiteltes Debütalbum (2014) startete mit dem Track „Closer“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.



„Grow Up“ baut zwar auf die unterschwellig gereizte, schwankende Stimmung ihres Debüts und die EP „Good Luck“ auf, aber im weiteren Verlauf garnieren sie ihren Postpunk mit einem frischen klanglichen Glanz. Insgesamt klingen sie so 2017 voller und mutiger, ganz so wie eine Band klingen muss, die von einer leidenschaftlichen Pop-Sensibilität angetrieben wird.



Hier könnt ihr euch das „Resolution“ Video und hier das „Hollow“ Video anschauen.



08.04. Darmstadt – Bedroom Disco

09.04. Freiburg – Slow Club

11.04. Stuttgart – Goldmarks

12.04. Köln – Blue Shell

13.04. Hamburg – Grüner Jäger

14.04. Leipzig – Ilses Erika

15.04. Bremen – Kulturzentrum Lagerhaus

03.06. Berlin – Schokoladen
Neuer Song
2017-01-05 22:07:16 Uhr
https://www.youtube.com/watch?v=vVBuKKf3mmA
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