Van Holzen - Anomalie

Van Holzen- Anomalie

Warner
VÖ: 03.03.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Dreikäsetief

Hochrote Birnen und geschwollene Kämme vor den Tastaturen übers ganze Land verteilt. Endlich darf alles raus. Alles, was scheiße ist. Oder sich so anfühlt. Ist ja auch egal. Da gibt's doch was von Rati... – nee, da gibt's das Netzwerk mit dem kleinen blauen F. Da wird man noch gehört! Ob Hetze gegen Minderheiten, das Verbreiten von fadenscheinigen Fakten, das brutale Beschimpfen anderer, oder um dem Chips-Hersteller nebst Produkt-Beschwerde noch eben mit dem Anwalt zu drohen: Im Reich des kleinen F tobt er sich so richtig aus, der Wutmichel. Wer anno 2017 öffentliche Facebook-Kommentare liest, muss gute Nerven haben. Hat man in seiner Timeline eher Musik im Blick, so konnte einem der Hype um die Newcomer Van Holzen wahrhaftig kaum entgehen.

Ob führende Musikmagazine, kleine Campus-Radios, der Bayerische Rundfunk oder eine Schar bekannter Indie-Musiker: Die Szene feiert das Dreikäsehoch-Trio aus dem beschaulichen Ulm. Wie bitte? Okay, von vorn: Van Holzen sind Florian Kiesling, Jonas Schramm und Daniel Kotitschke. Sie mischen Blues-Rock und Post-Punk. Ihr Debüt "Anomalie" erscheint auf dem Majorlabel Warner. Zu diesem Zeitpunkt ist keiner der drei Musiker volljährig. Haben die Hypes jetzt britische Ausmaße? Jein. Van Holzen sind schon seit 2009 als Teenie-Band Rockfish unterwegs, tragen also reichlich Bühnenerfahrung auf ihren schmalen Schultern.

Aus dem juvenilem Pop-Punk von einst erwuchs drückender, düsterer Alternative-Rock. Aus Frohsinn erwuchs Scharfsinn, ein Bauchgefühl, seine Unzufriedenheit durch die Musik sprechen zu lassen. Das Spannungsfeld zwischen Resignation und Agitation ist vielleicht die treffendste Beschreibung für die Stimmung dieses Albums, nicht nur für Songs wie das Düster-Riff-Monster "Masquerade" oder das wuchtige "Jagd", das neben allem Poltern die Gitarren zwischen Stoner- und Bluesrock einjustiert. Die Riffs sind stets tief gepolt, der Bass wummert in bester Post-Punk-Manier. Dazu einzelne Chöre, ein wenig Hall und eine Portion Pop, wie im atmosphärischen "Schüsse", einem der nachhaltig stärksten Stücke.

Von Egoismus und Selbstüberschätzung handeln einige Songs auf "Anomalie", die Kiesling mal angewidert, mal apathisch-genervt und abwesend ins Mikro sprechsingt und nölt. Schon mit dem Opener machen Van Holzen jedenfalls klar, dass sie keine Idee schmähen, vor keinem radikalen Experiment halt machen: "Herr der Welt" prustet in Hochgeschwindigkeit los, die Gitarrenriffs krallen sich tief in den Grund und tönen, als seien Royal Blood in den Metalcore-Teich geplumpst. "Ich bin Herr der Welt / Stützt mir meinen Stolz / Bringt mir seinen Kopf / Legt ihn auf das Holz." Der Refrain gräbt sich derart prominent ins Hirn, dass auch das fulminante Riff-Gewitter gegen Ende des Stücks nichts mehr zerstören kann. Mut, den man sich von vielen aktuellen Gruppen erhoffen würde, aber nicht unbedingt von 17-Jährigen erwartet.

Ganz stark auch die Spannungsbögen, wie sie das destruktiv-verträumte "Karneval" offenbart: In Trance erhebt sich der zweite Refrain zu Worten, die alles höchstens matt erstrahlen lassen: "Schieß mir in den Kopf / Und dann bleib' bei mir." Solche Zeilen verraten auch: Die Texte auf "Anomalie" sind nicht direkt greifbar, Van Holzen offenbaren Fragmente, schildern Emotionen wie einzelne Gedanken und Beobachtungen. Trotzdem bilden sich Grundthemen ab, zeichnet das Trio eine Welt voller Zweifel, Schmerz, Gier und Neid. Ein Schema, das mit dem Hörer erst einmal frontal gegen die Wand fährt. So klingt also Musik von Jungspunden, aufgewachsen im surrealen Spannungsfeld zwischen Bio-Wahn und Germany's Next Topmodel auf der einen, Finanzkrise, Wirtschaftskriege, Terror und Armut auf der anderen? "Anomalie" ist eine Art Pamphlet, ein Zeugnis des Unwohlseins mit den Zuständen einer Gesellschaft im Ich-Wahn, und der Sorge vor der Zukunft. Die unreflektierte und angepasste Generation Merkel? Nicht mit Van Holzen. "Wenn normal sein Ihr sein heißt / Steig ich jetzt selbst ins Grab." Für diese eigenständige Art und Weise des Protests gebührt der jungen Band Respekt. Es gibt da draußen so viel Hass und Missgunst wie lange nicht. Mögen sich mehr Künstler dem entgegenstellen – friedlich, aber mit Rückgrat.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Herr der Welt
  • Schüsse
  • Karneval
  • Masquerade

Tracklist

  1. Herr der Welt
  2. Erfolg
  3. Reichtum
  4. Schüsse
  5. Karneval
  6. Nie
  7. Masquerade
  8. Jagd
  9. Hyäne
  10. Kopfgeld
  11. Keine Zeit
  12. Leichenschmaus

Gesamtspielzeit: 35:08 min.

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User Beitrag
Respekt
2017-03-06 12:35:34 Uhr
Rezi und Wertung passen imo sehr gut. Schon beeindruckend was die Bürschchen hier abliefern.
Kernone
2017-03-05 14:58:59 Uhr
Also ich finde das Album klasse, vor allem wenn man das Alter der Jungs betrachtet. Kann ich mich dafür begeistern. Es wird sowieso viel zu viel Mist veröffentlicht. Viele Bands versuchen die Musik neu zu erfinden, anstatt sich auf Bewährtes zu verlassen und das dann eben besonders gut zu machen. So funktioniert gute Rockmusik. Finde die Nörgelei unangebracht.

Affengitarre

Postings: 1746

Registriert seit 23.07.2014

2017-03-05 14:07:57 Uhr
Ich seh da auch schon ein paar Unterschiede. Heisskalt frühstückt halt so ziemlich alle guten amerikanischen Post-Hardcore und Emobands ab (einfach mal "Das bleibt hier" anhören), während Van Holzen schon straighter und roher daherkommen. Aus zwei verschiedenen Welten kommen beide aber nicht.

The MACHINA of God

Postings: 8034

Registriert seit 07.06.2013

2017-03-05 13:54:48 Uhr
Hmm, naja, ich seh da nicht den großen Unterschied. Ist halt etwas straighter. Aber da gibts auch genug Songs von Heisskalt (zwar nicht die genannten von mir).
Hör es dir trotzdem mal an.

noise

Postings: 507

Registriert seit 15.06.2013

2017-03-04 21:54:55 Uhr
@Machina
Habe mich mal über "Heisskalt" schlau gemacht.
Sicherlich keine schlecht Band aber der Vergleich zu "Van Holzen" hinkt doch. "Heisskalt" sind melodischer und Emo mäßig angehaucht, während "Van Holzen" sich mehr... knarzig oder so anhört. Gefällt mir dann doch besser.
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