Nathan Gray Collective - Until the darkness takes us

Nathan Gray Collective- Until the darkness takes us

Tongues Of Fire
VÖ: 03.03.2017

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Richtig schön evil

Man übersieht ganz leicht, welch ein profilierter Kerl dieser Nathan Gray inzwischen geworden ist. Wirkt es doch, als wäre Gray erst vor ein paar Tagen noch in jugendlicher Leichtigkeit und Songs wie "Rookie" oder "My life in the knife trade" wie aus dem Nichts auf der Bühne aufgeschlagen. Mit Texten, die aus dem Gefühl heraus das Herz und den Kopf auf der guten Seite hatten. Obwohl diese Zeiten inzwischen doch recht fern liegen. Hey: "After the eulogy" wird dieses Jahr 17. Und Gray? Hat sich in den all den Jahren bei Boysetsfire, The Casting Out, The New Recruits und I Am Heresy ausgetobt. Und sich bei Facebook zum Obst gemacht, aber das nur nebenher. Und immer noch genug Inspiration im mittlerweile würdevoll ergrauten Kopf, um gemeinsam mit seinem – sorry – Sidekick Daniel E. Smith als Nathan Gray Collective für Aufsehen zu sorgen. Bügelfalte und Krawattennadel inklusive.

Aber: Die Sache mit dem Aufsehen dürfte sich in Grenzen halten. Nicht nur, weil der Promoaufwand im Rahmen der Veröffentlichung von "Until the darkness takes us" wohl nicht mal in der Unterwelt bemerkbar war. Wer den Output der wiedervereinten Boysetsfire und vielleicht Grays Interviews auch nur ein wenig im Auge hatte, findet auf dem ersten Soloalbum nichts, was man nicht erwarten konnte. Das düstere Pathos, das man vor allem auf "While a nation sleeps" schon überall vorfinden konnte, es kommt jetzt zu seiner vollen Entfaltung. Das Abarbeiten an Religion kennt man hingegen von I Am Heresy. Und es ist hier von abgewandelten Bibelzeilen, die auf der Homepage der Band grüßen, bis in die Songtitel und Texte allgegenwärtig. "When there's no savior / You learn to save yourself." Alles klar so weit? Okay. Für wirkliche Überraschungen war man bei Gray ohnehin fast nie an der richtigen Adresse. Problematisch wird es aber, wenn das Kerngeschäft – genau, die Musik – vernachlässigt wird. Dabei krankt "Until the darkness takes us" gar nicht so sehr unter stilistischem Stillstand.

Im Gegenteil, Smith und Gray versuchen sich hörbar wandelbar und wendig zu geben. Das beginnt bei den angeführten Einflüssen – von Against Me! über Kanye West bis Van Halen ist so ziemlich alles dabei – und endet in Songs, die zwischen Breitwand-Industrial und Klavierballade fast überall vorbeischauen. Dabei aber stets schwarz tragen und eigentlich am liebsten auf der nächsten Gothic-Party versumpfen würden. Ja, das Endergebnis klingt, wie es sich liest. "Until the darkness takes us" ist ein heilloses Durcheinander geworden, dessen stilistische Irrungen und Wirrungen immer wieder mal ihr Potenzial aufblitzen lassen. Interessanterweise immer genau dann, wenn sich die Herren auf eine Idee beschränken und diese konzentriert zu Ende bringen. Oder noch einfacher: immer, wenn es leise wird. Wenn Gray sein immer noch einzigartiges Organ in "Damascus" zur sachten Klavierbegleitung ganz weit vor die Haustür stellt. Dann entfaltet sein gefühlsgeleitetes Herangehen an Musik seine Wirkung. Dann treffen so simple Satze wie "If you're alive / You're still dead to me / And I know / I'm all alone" ins Schwarze. Dann merkt man, welch höllisch berührende Songs dieser Teufelskerl eigentlich schreiben kann.

Und wie empfänglich man sein kann, für die großen musikalischen Gesten. Die etwa "Anthemic hearts" nahe an der Perfektion präsentiert. In der Tradition von Stücken wie "Requiem" wächst das Stück zu einer veritablen Hymne heran. Großes Finale inklusive. Ansonsten aber muss man ehrlich sagen, dass Gray und Smith nicht sonderlich viel gelingt. Das zwischendurch angenehm krachende "At war" schafft es recht locker auf die Habenseite, der Opener "Heathen blood" gerade so. Der Rest nicht. Weil Songs wie "Skin" oder der "Memento mori" orientierungslos und zaghaft sind. Weil die schwere Thematik, die man sich nun mal ausgesucht hat, nicht getragen werden kann. Im Gegenteil, bisweilen wirkt die Religionsabsage durch ihre Kombination mit peinlichem Gesabbel vom Satanismus eher wie eine abgehalfterte Pose. Passend dazu führt die Band ihre Live-Tätigkeiten im Internet unter dem Namen "Ritual". Eine Kinderei, die man eigentlich nicht nötig hat. Bei allem Respekt für Nathan Grays Gesamtwerk: Auf dieses konfuse Album hat ganz bestimmt niemand gewartet. Zum Teufel damit.

(Martin Smeets)

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Highlights

  • Damascus
  • Anthemic hearts

Tracklist

  1. Heathen blood
  2. Lusus naturae
  3. Skin
  4. Desire
  5. Damascus
  6. Set up
  7. Anthemic hearts
  8. At war
  9. Remains
  10. Memento mori
  11. Until the darkness takes us
  12. Jettison
  13. Dark fire

Gesamtspielzeit: 56:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Paegalicious Pete
2017-08-05 12:20:29 Uhr
Wenn man sich nicht damit befasst und mit der Person Nathan Gray auseinander setzt, könnte man ihn wirklich als Teufelsanbeter sehen. Einige Kritiker haben sich die Zeit wohl nicht genommen. Aufschlussreiches Interview:

https://artnoir.ch/talk-nathan-gray-collective-2017-04-20/

Kann persönlich nichts mit der Symbolik anfangen, aber jedem das seine.
ziemlich grey
2017-08-04 18:20:08 Uhr
kann schon jemand was über's buch sagen? lohnt das?
Grzld
2017-08-04 15:50:37 Uhr
Überraschend, für mich eine der besten Platten des Jahres.
DJ
2017-05-19 21:49:17 Uhr
Your so wrong....
Rob
2017-02-24 20:05:26 Uhr
Die Platte ist eine sehr persönliche Platte und gemeinsam mit dem Buch das in ein paar Tagen erscheint, arbeitet Nathan wohl sehr sehr viel auf.
Ich sage nur Facebook Post von gestern. Ich denke das ausprobieren von verschiedenen Einflüssen ist bewusst als Abgrenzung zu BSF und allen anderen Bands in denen Nathan mitgewirkt hat gewollt.

Herzensangelegenheiten können sehr sehr problematisch werden. Trotzdem bin ich sehr auf die Platte gespannt.
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