Rhiannon Giddens - Freedom highway

Rhiannon Giddens- Freedom highway

Nonesuch / Warner
VÖ: 24.02.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Gegen das Schwarzweiß

Warum ist Talent nur so lächerlich ungerecht verteilt auf dieser Welt? Nehmen wir zum Beispiel Rhiannon Giddens. Obwohl sie ihren Lebensunterhalt auch als Naturwissenschaftlerin oder Grafikdesignerin hätte verdienen können, entschied sie sich für eine Ausbildung zur Opernsängerin. Doch auf der Bühne immer nur Koloraturen trällern? Laangweilig! Zum Glück spielt die 40-Jährige auch noch virtuos Geige und Banjo. So gründete sie 2005 die American Roots sowie die Old-Time-Band Carolina Chocolate Drops, und heimste immerhin schon einen Grammy ein. Doch das war erst der Anfang. 2013 wurde Giddens von Joseph "T-Bone" Burnett eingeladen, bei "Another day, another time" aufzutreten, einer Konzertshow der Coen-Brüder, inspiriert durch ihren "Inside Llewyn Davis"-Film. Als sie den gälischem Sprechgesang "S'iomad Rid" vortrug, hätte man im Saal eine Stecknadel fallen hören können, später überschlugen sich die Kritiker mit Lob und Preis, und Burnett bot an, Giddens Soloalben zu produzieren.

Obwohl sie fest in den Americana-Genres verwurzelt bleibt, zeichnet sich Giddens Werk durch eine große stilistische Bandbreite und ihre stimmliche Wandelbarkeit aus. "Freedom highway" heißt ihr zweites Album, die meisten Songs schrieb sie diesmal selbst. Die Themen sind jedoch die gleichen wie auf dem Debüt "Tomorrow is my turn". Dort huldigte sie vor allem weiblichen musikalischen Idolen wie Nina Simone, Sister Rosetta Tharpe und Jean Ritchie – starke Frauen mit ungewöhnlichen Biographien, die ihren Weg aller Widerstände zum Trotz gingen. Auch auf "Freedom highway" beschäftigt sich Giddens mit Ungleichheit und Widerstand. Als Tochter eines Weißen und einer Schwarzen fand sie in der Roots Music ihre Heimat und Bestimmung, und nicht erst die jüngsten politischen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten überzeugten sie davon, warnend auf Verbringungen zwischen dem Gestern und dem Heute hinzuweisen, wie es schon immer Tradition in der Folkmusik ist. So passen die zwei Songs aus der Zeit Bürgerbewegung, "Birmingham Sunday" und "Freedom highway", thematisch bestens zu den anderen Titeln und ins 21. Jahrhundert. "There is just one thing I can't understand, my friend / Why some folks think freedom is not designed for all men", sangen The Staple Singers schon 1965.

Um die Ignoranz einer weißen Mehrheit gegenüber den Sorgen und Problemen aller anderen Gruppen zu illustrieren, greift Giddens auf noch viel ältere Geschichten zurück: "Julie", ein Song in bester melancholischer Bluegrass-Manier, gibt den Dialog zwischen einer Sklavin und ihrer Herrin wieder; die Dame des Hauses beteuert der Sklavin zwar Zuneigung und verspricht ihr Schutz, freilich hindert sie dies nicht daran, die Kinder ihrer Untergebenen zu verkaufen. In "We could fly" erzählt Giddens in Form einer intimen Countrynummer von der Legende, die sich die Sklaven untereinander erzählten; nämlich dass die Seelen ihrer geliebten Verstorbenen wie Vögel in ihre Heimat zurückfliegen. Gospelhafte Töne finden sich in "The angels laid him away", nach New-Orleans-Jazz klingt "The love we almost had".

"Better get it right the first time" ist Giddens' Beitrag zur #Blacklivesmatter-Bewegung. Das Stück handelt von einem jungen Mann, der fleißig zur Schule geht und seiner Mutter hilft; aber dann, weil er sich in die falsche Gesellschaft begibt, der amerikanischen Polizeiwillkür zum Opfer fällt. "Maybe they'd shoot you anyway", schreit Giddens fast zu ausdruckstarken Bläserfanfaren. Der Song enthält sogar einen Rap-Part, sodass der unschätzbare Einfluss schwarzer Künstler auf die amerikanische Musik fast in seiner gesamten Bandbreite auf diesem Album vertreten ist. In dem Nebeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, von musikalischen Stilen, weiß und schwarz, traurigen und hoffnungsvollen Tönen, Mythen und alltäglichen Kämpfen wird vor allem eines klar: Es war und ist die Vielfalt, die Amerika ausmacht - und für die Giddens einsteht.

(Eva-Maria Walther)

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Highlights

  • At the purchasers option
  • Julie
  • The love we almost had

Tracklist

  1. At the purchasers option
  2. Miss Collins
  3. Julie
  4. Birmingham Sunday
  5. Better get it right the first time
  6. We could fly
  7. Hey bebe
  8. Come love come
  9. The love we almost had
  10. Baby boy
  11. Following the North Star
  12. Freedom highway

Gesamtspielzeit: 49:49 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2017-02-22 21:16:30 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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