Sailor & I - The invention of loneliness

Sailor & I- The invention of loneliness

Skint / PIAS / Rough Trade
VÖ: 03.03.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 10/10

Stockbrot und Wiederholung

Pop, Du Nimbus der ewigen Wiederholung, lass Deine Kinder frei! Zumindest sehen uns die beiden Kulturwissenschaftler Mark Fisher und Simon Reynolds gefangen. Trunkene Nostalgie, die uns in die Arme solcher Suppenkasper wie die Arctic Monkeys treibt. Bei solcher Musik macht niemand eine gute Figur auf der Tanzfläche. Also, aus kulturtheoretischer Sicht. Doch was ist der Sound des 21. Jahrhunderts? Wie klingt das Jahr 2017? Mutmaßlich lässt sich die Antwort eher bei den ausufernden wie experimentellen Künstlern finden und nicht beim erzkonservativen Indie mit Gitarre. Die nächste Runde zur Rettung der Musik läutet Sailor & I mit seinem Album "The invention of loneliness" ein, ob Alexander Sjödin das nun will oder nicht.

Alleine die Ankündigung verspricht eine große Platte, soll sich der Bogen doch hier vom balearischen Techno-Sound zum Songwriting von Bon Iver und Sigur Rós spannen. Vorweg: Der schwedische Produzent kann dieses Versprechen nicht halten. Die Beschreibung liest sich dafür zu sehr nach unerreichbarer Zukunftsmusik, die Sjödin ja schon mit seinen beiden EPs "Turn around" und "Tough love" abgeliefert hat. So dominiert auf seinem Debüt das elektronische Moment, die Rekapitulation als melodischer Aspekt. Ein Track wie "Chameleon" schraubt sich an seinem Rhythmus hoch, fährt seinen blechernen Beat vor mehreren Vocalspuren und breiten Synthies aus. Spätestens bei den Lyrics ist klar, dass Bon Iver da ganz weit weg sind: "I’m not afraid to touch the flame." Sätze, die Justin Vernon nicht einmal über die Lippen kommen würden, fiele ihm sein Stockbrot ins Lagerfeuer.

Doch das ist zwei Schritte zu weit, denn die Botschaft ist die Musik selbst. In "Fire on the moon" verknüpft Sjödin all seine Aspekte zu einer astreinen Dance-Pop-Hymne, die im Hintergrund sogar noch mit einem Klavier arbeitet. Der Entwurf von Sjödins elektronischem Sound ist wesentlich fragiler und filigraner als bei vielen anderen Kollegen und trotzdem verliert sie nicht ihre Tanzbarkeit. Ein wenig Berlin, ein wenig Ibiza, ein wenig Melancholie. Und das alles so zusammengebaut, dass sich niemand über Leidenschaftslosigkeit beschweren braucht. "Next to you" treibt ein paar Streicher in die Höhe, um dann tief bei den Achtzigern abzuschöpfen. Und da wären wir wieder beim Anfang.

In "Paramount" finden sich Versatzstücke aus den Neunzigern, "Supervisions" flötet munter seine Beats runter, die um die Jahrtausendwende im Club niemanden gestört hätten. Doch Hornbrille abgesetzt! Denn mit "The invention of loneliness" lässt sich trotzdem sehr gut auskommen. Denn Sjödin hat einen eigenen Sound, in dem er all dies einbaut. Spätestens in "Black stars" zeigt sich sein Können als Produzent und Musiker, wenn der Track aus dem Rauschen in den Himmel auffährt. Auf siebeneinhalb Minuten liegen da viel Schmerz und Wehmut. Wen interessieren da schon popkulturelle Fragen?

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Free your mind from me
  • Black stars

Tracklist

  1. Black swan
  2. Chameleon
  3. Fire on the moon
  4. Free your mind from me
  5. Flickering lights
  6. Next to you
  7. Paramount
  8. Rivers
  9. Supervisions
  10. Black stars

Gesamtspielzeit: 62:08 min.

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