Alasdair Roberts - Pangs

Drag City / Rough Trade
VÖ: 24.02.2017
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 10/10

Oh weh
Treffen sich zwei im Museum. Sie schauen auf ein Kunstwerk. Der eine meint, damit nichts anfangen zu können. Der andere verliert sich in einem Geplapper über Monet. Und aha, ja, schon klar, der eine ist eben pragmatisch und der andere ein unerträglicher Angeber. Das ist ein Kniff von Drehbuchautoren, die keine Lust auf eine subtile Erkundung ihrer Figuren haben. Grundidee ist, über die Menschen zu erfahren, während man ihnen dabei zusieht, wie sie auf ein Kunstwerk sehen und darüber reden (oder es lassen). Auch über Alasdair Roberts kursiert eine solche Geschichte: Vor einiger Zeit spazierte er unbeeindruckt durch ein Londoner Museum. Die Exponate, darunter Ölportraits irgendwelcher Dukes und Landschaftsmalereien, erzählten ihm nichts. Ganz anders verhielt es sich mit einem zerbrochenen Ring, der unversehens vor ihm lag. Was für eine Geschichte!
Jeder hat oder hatte mal einen Ring, es ist ein universelles Symbol, Hochzeit, Liebe, undsoweiter, trotzdem ist er zerbrochen, etwas ist kaputt gegangen, das nahezu unkaputtbar ist. Das hat Symbolwert, das ist dramatisch, darüber muss gesungen werden. So ist zumindest überliefert, wie Roberts euphorische Reaktion ausgefallen ist. Und apropos überliefert: Sollte es jemals einen Songwriter geben, der es verdient hat, Überlieferungskünstler genannt zu werden, weil er das Alte konserviert, je nachdem mit oder ohne die eigentümliche Behäbigkeit ins Heute hievt, dann sollte es Alasdair Roberts sein. Anachronistischer geht es kaum, schmerzlicher wohl auch schlecht.
"Pangs" heißt daher sein neues Album, Mitzählen ist sinnlos, veröffentlicht er doch so viele Kollaborationen, Stücke für Film, Theater oder spielt Liederabende in memoriam. Schmerz war stets ein Thema bei ihm, das liest sich in der Diskographie so: "Crook of my arm", "Farewell sorrow", "Too long in this condition". Weh und Leid sind für Roberts die Anknüpfungspunkte. Universelle Empfindungen, die vor hunderten Jahren schon die Tage bestimmten, ob in den Highlands oder der Savanne. Ästhetisch ist Roberts ein Purist. Er klingt auch alt, auch zart, wie ein Wandersänger dazu gezwungen, kaum mehr als die Laute mit auf den Weg zu nehmen.
Sein voriges Album "Alasdair Roberts" versuchte er auf eine Essenz zu reduzieren. Was "Pangs" von Roberts' anderen Werken unterscheidet: Es ist bekömmlicher, weit rhythmischer, daher auch lebhafter. Oboen und Klarinetten schnörkeln um die Schlichtheit der Melodien. "The angry laughing god" ist in seinem Drumstaccato ein viriler Protestsong, Rock aus Folk. Dabei besingt Roberts Eltern, deren Kinderwunsch unerfüllt geblieben ist. Ein Chor lugt inmitten von "Wormwood and gall" schüchtern hervor, einige Bogenschwünge krakeln sich durch "Vespers chime". Und eine Kindertröte wird auch noch verarbeitet. Ob als Scherz oder dem Plastischen wegen, bleibt offen.
Songs von Alasdair Roberts strahlen eine enorme Vertrautheit aus. Jeder kennt Folk in irgendeiner Form, verpoppt oder auf Diät zur Massentauglichkeit. Dieser Schotte hier springt allerdings in die Ursprünge zurück und klingt auch einmal schief in seinem stimmlichen Auf und Ab. Gerade im großen "Songs of the marvels" bricht der Gesang beinahe entzwei. Diese Unfertigkeit, auch das Sich-rücklings-voran-Bewegende, fasziniert. "Pangs" ist dabei eine gute Mischung, halb gegenwärtig, halb verstaubt, halb Folk, halb Indie. Ganz Roberts eben.
Highlights
- Pangs
- The angry laughing god
- Songs of the marvels
Tracklist
- Pangs
- No dawn song
- An altar in the glade
- The breach
- The angry laughing god
- Wormwood and gall
- The downward road
- Scarce of fishing
- Vespers of chime
- Songs of the marvels
Gesamtspielzeit: 43:38 min.
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