Tinariwen - Elwan

Tinariwen- Elwan

Wedge / PIAS / Rough Trade
VÖ: 10.02.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von Wegen

Tinariwens Vergangenheit liefert Stoff für ganze Filme. Kurzfassung: Eine Gruppe Tuareg, die teils in die Wirren von Guerilla-Kämpfen in den 1990er-Jahren verstrickt war, entdeckt die Musik für sich. Die Männer paaren die traditionelle Musik ihres Volkes mit westlichem Blues und schicken sich an, die Welt zu erobern. Spätestens mit "Emmaar" gelingt ihnen der internationale Durchbruch. Zahlreiche Tourneen führen die Band rund um den Globus. Nur die Heimat gerät dabei immer weiter in die Ferne. Das Grenzgebiet zwischen Algerien und Mali ist mittlerweile eine tief gebeutelte Region, in der jihadistische Milizen und Schleuserbanden das Leben bestimmen. An eine Rückkehr ist nicht zu denken.

Bleibt also nur das Exil. Tinariwens neues Album entstand nicht in Mali, sondern in Kalifornien. Der Musik hört man das aber kaum an. Immer noch bilden polyrhythmische Grooves die Basis für freifließende Gitarrenmotive. Und auch der stilprägende Call-and-response-Gesang ist wieder mit von der Partie. Selbstverständlich singen die Herren weiterhin in ihrer Muttersprache, was dem Genuss ihrer Songs jedoch nicht im Wege steht. Vielmehr entfaltet auch "Elwan" jene meditative Kraft, die auch die früheren Werke der Band einzigartig gemacht hat. Die Tatsache, dass die Kernbesetzung in den letzten Jahren um einige jüngere Mitglieder erweitert wurde, tut dabei der Musik sehr gut. Obwohl die Bausteine die gleichen geblieben sind, weiß jeder Song mit mindestens einem cleveren Einfall zu überzeugen.

Die Stimmen der älteren Bandmitglieder sind brüchig geworden, was ihren Worten zusätzliches Gewicht verleiht. Sehnsucht und Leere bilden dabei die emotionalen Extreme. Es geht weiter, immer weiter, doch letzten Endes nirgendwohin. Diese Erkenntnis wiegt schwer. Songs wie "Tiwàyyen" oder "Assàwt" kennen nur eine Richtung: vorwärts. Andere Tracks zelebrieren hingegen den völligen Stillstand. Besonders das erschütternd karge "Ittus" entfaltet auf diese Weise eine immense Wucht. Und dann singt plötzlich doch jemand Englisch: Niemand Geringerer als Mark Lanegan hat den Weg ins Studio gefunden, um einige Zeilen in dem melancholischen "Nànnuflày" zu hinterlassen. Eine Kombination, die absolut Sinn ergibt. Wenn es einen Westler gibt, der die Wüste stimmlich zum Klingen bringen kann, dann Lanegan.

"Elwan" ist ein Album ohne Schwächen. Der Überraschungseffekt früherer Werke ist freilich dahin, sich darüber zu beschweren, erscheint jedoch unsinnig. Tinariwen ist eine Band, die ihren Stil gefunden hat und nun in Perfektion zelebriert. Alleine der satte Gitarrensound ist das Eintrittsgeld wert. Eine Anbiederung an den internationalen Massenmarkt findet gottlob nicht statt. Die Herren leisten weiterhin Pionierarbeit, indem sie beweisen, dass kulturelle Grenzen in der Musik keine Rolle spielen. In Zeiten des postfaktischen Irrsinns ist so ein kleines bisschen Humanismus vielleicht nicht ganz verkehrt. Nicht von Zielen ist die Rede, sondern von Wegen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Hayati
  • Ittus
  • Assàwt
  • Nànnuflày

Tracklist

  1. Tiwàyyen
  2. Sastanàqqàm
  3. Nizzagh Ijbal
  4. Hayati
  5. Ittus
  6. Ténéré Tàqqàl
  7. Imidiwàn n-àkall-in
  8. Talyat
  9. Assàwt
  10. Arhegh ad annàgh
  11. Nànnuflày
  12. Fog Edaghàn (Intro flute)
  13. Fog Edaghàn

Gesamtspielzeit: 46:24 min.

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myx

Postings: 371

Registriert seit 16.10.2016

2017-02-20 07:36:05 Uhr
Sehr schöne Neuentdeckung, jawohl. Bin in der Bandgeschichte zurückgereist und habe mir zunächst mal das Album "Amassakoul" bestellt. Freue mich!
Pinguinealsdosenöffner
2017-02-17 06:47:07 Uhr
Sehr schönes Album.

Und Plattencover des bisherigen Jahres.

Armin

Postings: 10594

Registriert seit 08.01.2012

2017-02-15 21:17:20 Uhr
Frisch rezensiert.

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