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Ryan Adams - Prisoner

Ryan Adams- Prisoner

PAX-AM / Capitol / Universal
VÖ: 17.02.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Hölle friert zu

Ankündigung und Erwartung führten auf die falsche Fährte: Vor zwei Jahren sprach Ryan Adams noch über sein letztes Album "1989" und den Versuch, den skelettartigen Songs von Taylor Swift, in denen sie langsam erwachsen wird und mit so großen Augen aufs Leben glupscht, viel Schwermut und Kummer abzugewinnen. Klang spiegelte Gemüt, hatte sich Adams doch just von seiner Ehefrau getrennt. Als er also damals über "1989" sprach, rutschte ihm heraus, dass er eigentlich ein völlig anderes Doppelalbum aufgenommen habe. Sein angeblich zerbrechlichstes Werk, eins für diejenigen, welche die beiden "Love is hell"-Parts liebten. Man konnte also eine Fortführung erwarten, einen vergleichbar schweren Schlag, ein Kapitel drei und vier seines eigenen Weltschmerzes, um dieses geflügelte Wort von Jean Paul zu bemühen. "Prisoner" verwundert aber nun. Zu kurz für ein Doppelalbum, und zerbrechlicher klang Adams schon häufig. Ein Zwischending als Aufschub? Hat er das Ersehnte umgearbeitet? Führt er einfach den Swift-Mittelweg fort, der ein wenig bemüht, doch sehr oberflächlich ist? Ein bisschen von allem.

Ein auffälliger Film haftet auf den Songs: Pop, im Sinne einer sehr mainstreamigen Ästhetik. Die Instrumente klingen gedämpft und erinnern an den Kuschelrock der blondierten 70er. E-Gitarren tupfen nur noch, haben ihre Kanten verloren, die Drums sind sanft. Die härtesten Töne zischt noch die Mundharmonika. Warmer Hall prägt die Produktion. Adams singt offenherzig über sein Liebesaus, viel übers Vermissen von Berührungen und Umarmungen, was ihn zittern und beben lässt. Ein Gefängnis ist nicht die Liebe, sondern das Gefühl, isoliert zu sein, dauerbeschäftigt von und mit sich selbst, während die Welt da draußen heiter pulsiert. Dass diese zwölf Songs kaum aus klassischen Adams-Terrain ausscheren, zeigt nur, wie vollständig er den Heartland Rock ausgekundschaftet hat. Und dass man ihn wirklich nicht beim Wort nehmen sollte. Meinte Adams zu "1989", das Album sei im Geiste von The Smiths interpretiert, wovon jedoch keine Spur zu hören war, erklärte er zu "Prisoner", er habe Inspiration bei AC/DC gefunden.

Mit viel Gutdünken könnte man sich darauf einlassen, im Rockriff des eröffnenden "Do you still love me?" zumindest einen Deut von AC/DC zu vermuten – wobei hier Wohlwollen vonnöten wäre. Sonst lässt sich Bruce Springsteen heraushören, gerade "Tunnel of love". Darin feiert Springsteen die Liebe an sich, doch Adams singt über das Leid in ihr, wobei Stoff und Form nicht vollends zusammenpassen. "Love is hell" hatte eine schmerzhafte Rohheit, klang abgehalftert, Adams hatte genug von Liebe, Einsamkeit, Sex, eigentlich von allem. Das selbstbetitelte Album von 2014 bediente zumindest mehrere Tempi, ließ erahnen, wohin es noch gehen könnte. Und das unterschätzte "Ashes & fire" erprobte sich wenigstens an einer Form des akustischen Gospels. Die Themen von "Prisoner" jedoch hat Adams schon zuhauf durchwatet, und bis auf den Opener sind die Songs allzu gemächlich.

Womöglich hätte man es ahnen können, als die "End of world edition" des neuen Albums verkündet wurde. Die Möglichkeit, Ryan Adams mitsamt Band als Pappkameraden nachzustellen, sie mit Instrumenten und Boxen über eine Bühne zu schieben – dieser Firlefanz passt eben nicht zum "zerbrechlichsten" Album. Die Verpackung lenkt ab, wie auch die Produktion in "Prisoner" beim Wesentlichen stört. "Outbound train" klingt dadurch blutleer, erdrückt vom müden Hall der E-Gitarre. Aus einer Liebeshölle kriecht wenigstens "Broken anyway". "Shiver and shake" baut Spannung auf, weil nicht, wie bei einigen anderen Songs dieses Albums, bereits nach wenigen Takten alle Instrumente zusammenkommen. Ein Clarence-Clemons-Gedächtnissaxophon säuselt durch "Tightrope" und erinnert wiederum an Springsteen. "We disappear" deutet gar an, wie viel besser dieses Album gewesen wäre, hätte Adams mehr Akustikgitarren und weniger Fuzz gewählt. "Prisoner" ist keine schlechte Platte, doch sie stammt eben aus einer Hölle, die langsam zufriert.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Shiver and shake
  • Tightrope
  • We disappear

Tracklist

  1. Do you still love me?
  2. Prisoner
  3. Doomsday
  4. Haunted house
  5. Shiver and shake
  6. To be without you
  7. Anything I say to you now
  8. Breakdown
  9. Outbound train
  10. Broken anyway
  11. Tightrope
  12. We disappear

Gesamtspielzeit: 42:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Dr. Reineke

Postings: 28

Registriert seit 01.09.2013

2017-02-23 16:46:04 Uhr
ICH VERMISSE DIESEN ADAMS:

https://www.youtube.com/watch?v=zjtUJTwbjWs

Verdammt war das gut. Und schon fast 20 Jahre her... :-(
Aber
2017-02-23 15:49:47 Uhr
Da ich die Diskussion ja nicht initiiert habe, hätte ein Heraussuchen des Interviews durch die beiden Beteiligten ebenfalls Sinn :).

Und ja, Album ist mindestens "ganz gut".
Cardinal
2017-02-23 15:43:22 Uhr
Ganz gutes Album übrigens
Alex
2017-02-23 15:22:34 Uhr
Natürlich musst du nicht, aber es würde die Diskussion deutlich sinnvoller machen.
Aber
2017-02-23 14:28:51 Uhr
Das muss ich nicht. Ich beziehe mich ja nur auf hier getätigte Aussagen. Wenn die jemand überprüfen will: bitte. Wenn sich jemand darüber lustig machen will: auch bitte. Ich mache beides nicht. Könnte aber beides nachvollziehen.
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