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Philipp Poisel - Mein Amerika

Philipp Poisel- Mein Amerika

Grönland / Rough Trade
VÖ: 17.02.2017

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Der Schnuffeldeckenfaktor

Akademiker-Töchter der deutschen Sprachgemeinschaft vereinigt Euch! Der unangefochtene König des wohligen Sprech-Flüster-Gesangs ist zurück. Er fragte "Wo fängt Dein Himmel an?", reiste "Bis nach Toulouse" und startete das "Projekt Seerosenteich". Jetzt muss das ferne Amerika für die nie stillbare Sehnsucht nach etwas Wahrhaftigem herhalten. So weit, so polemisch. Es wäre ein Leichtes, überkritisch das Schaffen von Philipp Poisel zu beäugen. Die Angriffsfläche reicht mindestens einmal über den großen Teich und zurück. Aber nein! Allzu drastischer als in der überspitzten Einleitung wird es nicht. Denn eigentlich ist der Stichworthagel aus emotional aufladbaren Begriffen zuweilen wie die Lieblingsdecke: schon tausendmal gesehen, bisschen ausgefranst, aber trotzdem weich, behütend, vertraut und warm.

Es dauerte seine Zeit, bis Poisel diese Platte fertiggestellt hatte. Und tatsächlich ist dem so typisch gewordenen Soundentwurf vom Leidenden mit der Gitarre eine gewisse Weiterentwicklung zu attestieren. Der seichte Elektro-Pop im Bandformat hält an manchen Stellen Einzug und fügt sich überraschend nahtlos in die dennoch gewohnt minimalistischen Strukturen. "Erkläre mir die Liebe" fühlte schonmal Monate vor Album-Release bei der Basis vor. Samt Spielhallen-Retro-Ästhetik im "Video" nimmt der Song all die Schlenker und Raffinessen vorweg, die den Neo-Poisel Anfang 2017 definieren sollen. Geschenkt, dass diese Winkelzüge letztendlich so verwegen erscheinen wie ein neuer Polsterbezug für die durchgesessene Eckcouch.

Manche Zeilen sorgen bei genauem Hinhören immer noch für bescheidenen Grusel auf der Haut. Das muss wohl so sein. Das ist ein einkalkuliertes Risiko. Wer sich traut, Innerstes auf verständliche Pop-Song-Strukturen umzumünzen, der begibt sich immer in die Gefahr der peinlichen Nuancierungen. Schwer zu objektivieren ist, dass Poisel den konkurrierenden deutschen Wuschelfrisuren-Jungs, die das Radio mit überdeutlichem Gefühlszauber dominieren, doch so einiges voraus hat. Ihm gelingt es, dass sich seine skizzenhaften Beschreibungen auf eine angenehme Weise im Kopf festsetzen. Sätze, die vielen anderen Interpreten zum lebenslangen Vorwurf gereichen würden, gelangen hier zu einer poetischen Schönheit, die einzig und allein auf die trademarkige Vortragsweise des Künstlers zurückzuführen sein muss. Vor allem "Mein Amerika" und das bereits erwähnte "Erkläre mir die Liebe" stehen exemplarisch für Einfachheit mit dem undurchschaubaren kathartischen Extra.

Genug von den gefühligen Wow-Momenten. Nüchtern betrachtet zeigt die musikalische Neujustierung die andere Seite der gleichen Medaille oder eben Decke. Spürbare Ausschläge sind noch das durchaus tanzbare "San Francisco nights" mit Grönemeyer-Gedächtnis-Kick-off und das seltsame Gitarren-Luftikus-Experiment "Ein Pferd im Ozean". Ersteres ist auch dank Louis Babarros weiblichem Konterpart ziemlich erfrischend. Zweiteres erweist sich mehr als ein hartnäckiger Fleck mitten im dichten Netz des dramaturgischen Herzpochens. Aber kein Problem: Lässt sich ja skippen oder halt säubern. Bis zum nächsten sonntäglichen Abgelümmel hat man seinen Liebling eh wieder im Ohr oder aus dem Trockner gezogen – und trotz manch bekannter Makel sowieso bedingungslos gern.

(Michael Rubach)

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Highlights

  • Erkläre mir die Liebe
  • Mein Amerika
  • San Francisco nights (feat. Luisa Babarro)

Tracklist

  1. Erkläre mir die Liebe
  2. Roman
  3. Mein Amerika
  4. Zum ersten Mal Nintendo
  5. Geh nicht fort von mir
  6. Wir verbrennen unsere Träume nicht
  7. San Francisco nights (feat. Luisa Babarro)
  8. Wenn die Tage am dunkelsten sind
  9. Für immer gut
  10. Bis ans Ende der Hölle
  11. Das kalte Herz
  12. Ein Pferd im Ozean

Gesamtspielzeit: 53:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Dave Gähn
2017-03-05 12:28:50 Uhr
Musik für bento-Leser
Stroisel
2017-03-05 08:21:07 Uhr
leider ziemlich ödes album. der opener ist recht stark. danach baut das album stetig ab. die musik unterscheidet sich nicht großartig, es ist als ob der produzent auf teufel komm raus alles in eine richtung trimmen wollte. texte eher plakativ/nichtssagend als lyrisch/poetisch. und wenn er bereits nen song mit "geh aus mein herz..." anfängt ist es mir an klebrig-süßem kitsch bereits zuviel. auf emotionaler ebene kickt da gar nichts.

wirklich schade. er ist ja ein guter und ich mag diese nuschelige trotteligkeit in seiner stimme eigentlich. das album insgesamt taugt aber zu nichts.
wenigstens haben teenie-spotifyhörer mit instagram- und kleiderkreiselaccount nun wieder einige schöne kuschelmomente. ist ja auch was.
Mara Baby
2017-02-22 12:59:03 Uhr
Perfekte Songs für den Liebesschlummer. 7/10

Mister X

Postings: 1594

Registriert seit 30.10.2013

2017-02-22 08:56:44 Uhr
die ersten beiden alben fand ich wirklich gut. war zwar schnulze aber mit eigener identitaet. das hier ist einfach komplett angepasst und zum kotzen.
guter Freund Schamanama
2017-02-08 21:28:56 Uhr
Find ich gar nicht mal so verkehrt. Hat was. Hat Melodie, Rhythmus, Harmonien und astreinen Gesang. Hat Gefühl und Prägnanz. Hat Appeal. Was will man mehr? 8/10
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