Bing & Ruth - No home of the mind

Bing & Ruth- No home of the mind

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 17.02.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Nach dem Goldenen Zeitalter

Vielleicht ist es die Zeit, in der wir leben. Eine Zeit, in der das Einschalten in die Tagesnachrichten einer nervlichen, zum Fingernägelkauen animierenden Tour de Force gleicht. In der man stets mit dem nächsten schlimmen Schlag gegen die Zivilisation rechnet. In der man denen da oben noch weniger traut als bisher und doch umso mehr Angst davor hat, schon allzu bald zu denen ganz unten zu gehören. Fakt ist: Eigentlich gehts uns gut. Wir leben mit der Angst, klar. Aber wir müssen nicht vor ihr wegrennen. Wir können auf die Straße gehen und gegen sie demonstrieren. Wir haben Mittel und Wege, um sie zu bekämpfen. Und wenn wir nur durch etwas im Grunde Banales wie Musik tun. Musik heilt womöglich keine Wunden. Aber sie hilft dabei, Verletzungen zu ertragen.

Und dazu gehört auch jene Form der Musik, die oft fast schon dystopische Züge hat. Gerade im neoklassischen Instrumental-Bereich vermitteln sie oft eher ein Gefühl von Verzweiflung, von Sehnsucht, von Zartheit. Und doch geht damit auch Hoffnung einher: Wiederaufbau, Neufindung, die Suche nach dem Glück. Bing & Ruth, das Ambient- und Klassik-Projekt des New Yorker Pianisten David Moore, hat ein besonderes Händchen für diese Art der Musik. Deren Debütalbum erschien 2014 mit einer Auflage von gerade mal 250 Exemplaren. Im Jahr darauf wurde "Tomorrow was the Golden Age" aufgrund der hohen Nachfrage neu veröffentlicht. Mit "No home of the mind" erscheint nun das zweite Album des siebenköpfigen Ensembles bei 4AD. Auch wenn es merkwürdig, gar pathetisch klingt, aber: Nicht nur deshalb liegt das Goldene Zeitalter bereits hinter uns

Die Stimmung, die auf "No home of the mind" vorherrscht, ist finster, melancholisch. Der große Sturm ist vorbei, das damit einhergehende Chaos Teil des Alltags. Ruhe kehrt ein. Und: Pläne werden geschmiedet. "Form takes" lässt die Finger flink über die Klaviatur gleiten, die Streicher wirken fast wie Beiwerk, es kann nur nach vorne gehen. Licht am Ende des Tunnels. "As much as possible" nimmt der Suche danach ihre lähmende Hektik, findet einen ruhigeren Weg und damit auch eine Art inneren Frieden. Zwei Jahre hat Moore mit seinen Kollegen am Album gearbeitet, auf 17 Klavieren über ganz Nordamerika und Europa verteilt gespielt und aus jedem genau den Ton herausgeholt, den er haben wollte. Denn jedes Piano klingt anders, sagt er: "Is drop" etwa wirft einen dichten Ambientmantel über die sachten Tastenanschläge, die viel vorsichtiger daherkommen als das routinierte, selbstbewusste und doch zurückhaltende "The how it sped", das fast schon für sich allein zu spielen scheint.

Man muss sich aber auch darauf einlassen. Mit zehn Stücken in fast einer Stunde ist das Album ein Brocken, der kürzeste Track dauert fünf Minuten. Der längste, "Flat line / Peak color", fast sieben – als vorletzter Titel kommt es einem Aufbäumen gleich, das sich über seine gesamte Spielzeit langsam aufbaut, sodass man als Hörer kaum merkt, wie sich da ein ordentliches Donnerwetter zusammenbraut. Die Schönheit dessen entfaltet sich dementsprechend auch nicht sofort, sondern in mehreren Schichten, Stück für Stück, gar bis in den Abschluss in Form von "What ash it flow up" hinein. Es braucht den einen oder anderen Hördurchgang, bis man zu schätzen weiß, was es hier zu hören gibt. "No home of the mind" kann für Leute, die mit neoklassischer Musik nichts anfangen können, zunächst wie Fahrstuhlmusik klingen. Melodien für nebenher. Aber es ist genau der vertonte Aufschwung, den man sich wünscht – und könnte der schöne Soundtrack für eine andere, bessere Zeit werden.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • As much as possible
  • Form takes
  • Flat line / Peak color

Tracklist

  1. Starwood chocker
  2. As much as possible
  3. Scrapes
  4. Chronchos
  5. The how of it sped
  6. Is drop
  7. Form takes
  8. To all it
  9. Flat line / Peak color
  10. What ash it flow up

Gesamtspielzeit: 59:22 min.

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AndreasM

Postings: 385

Registriert seit 15.05.2013

2017-05-17 14:02:28 Uhr
Danke für den Tipp per Rezension, gefällt mir sehr gut!
Pflanzenunheilkunde
2017-03-31 23:56:38 Uhr
Ich finds geil

Armin

Postings: 14507

Registriert seit 08.01.2012

2017-02-01 22:03:15 Uhr
Frisch rezensiert.



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