Cloud Nothings - Life without sound

Cloud Nothings- Life without sound

Wichita / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 27.01.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nackt und Nebel

Ist das Nebel? Auf den ersten Blick mutet das Artwork des vierten Cloud-Nothings-Albums mit seinem Grau-Blau-Stich wenig farbenfroh an. Passt ja grundsätzlich prima zu Dylan Baldi, der oft pessimistischen Stimme des Garage-Quartetts aus Ohio, machte dieser doch in der Vergangenheit nicht selten Frustration zum Ventil seines künsterlischen Tuns. Als Katalysator wählten Baldi und Co. zur Freude der Hörerschar stets wunderbar lärmige, scharfe Gitarrenkanten, wie sie nur wenige Bands derzeit pflegen. Und jetzt dieser Titel? Ein Alltag ohne Geräusche? Womöglich taub oder gehörlos leben, gänzlich ohne Musik? Eine Horrorvorstellung. Geradezu sehnsüchtig melancholisch wagt sich der Opener "Up to the surface" zaghaft hervor, und die Befürchtungen verdichten sich: Hat Baldi beim Komponieren der neuen Stücke eine mentale Krise durchlebt?

Weiterhören und genaueres Hinsehen aber klärt den Blick und wandelt die Interpretation. Der Ozean auf dem Cover steht vielleicht für die Weite der Welt, das vergleichweise winzige Ufer-Fleckchen mit Schirm für die eigene Komfortzone, aus der man sich nicht hinauszuschauen wagt. Doch manchmal braucht es die Vorausschau. Am Horizont und jenseits davon können sich neue Versatzstücke auftun, von denen man bisher nicht wusste, dass sie guttun. Die kleinen Dinge, die man nicht mehr missen will. Trübsal-Baldi als Aufmunterer? "It's time for coming-out / No use in life without a sound / Give up what you know / Walk on to a new sourrounding" , fordert dieser in "Things are right with you" zum Arschhochkriegen auf, einem für diese Band geradezu optmistischen Refrainmonster.

Verglichen mit dem eher verborsteten, schmutzigen Garagenbesen namens "Here and nowhere else" gibt auch die Single "Internal world", dieses hymnisch-poppige Tanzflächen-Biest, den fröhlich beschwingten Staubwedel. Doch Baldi wäre nicht Baldi, hätte er nicht den Strohhalm zum Kauen und Nachdenken mit im Gepäck. "When you feel like an ocean / Coming out of a creek / (...) When you're out and around / And all you ever see are people looking away? / It's nothing new to me / I have a life / But all alone", beklagt der Sänger im tollen "Modern act", der nicht nur ins Ohr geht, sondern vor der bescheidenen Weltpolitik und Religionskriegen nicht abtaucht: "Can't stand the modern act / Whose war is this, what God is that?!" Eben.

So catchy hörte man Cloud Nothings mindestens seit "Stay useless" und "Fall in" vom starken "Attack on memory" nicht mehr. Im Vergleich zum Vorgänger indes sind viele Stücke tatsächlich verdammt clean produziert – eine merkliche Neuerung und Resultat der Aufnahmen mit John Goodmanson (Sleater-Kinney, Death Cab For Cutie). Aufs erste Ohr mag das nicht jedem schmecken, legt dies den Pop-Appeal der Truppe doch blank wie einen Nacktmull unter der Laborlampe. Warum tun die das? Weil sie es können. Und weil es solche verdammten Hymnen wie "Enter entirely" gar nicht genug geben kann – Midtempo hin oder her.

"Life without sound" drückt, raunt und pustet auch so aus allen Rillen. Nicht nur, weil das schnelle "Sight unseen" zum Ende hin aus allen Nähten platzt. Auch Drummer Jayson Gerycz setzt im ruppigen "Darkened rings" mit rasendem Puls die Akzente – und nicht nur dort. Und wer die Garage wirklich nur dreckig mag, für den halten Cloud Nothings die lärmigsten neun Minuten bis zum Schluss auf. "Strange year" schippt als schräges, krachiges Etwas nochmal Sand auf, bevor das destruktive "Realize my fate", inspiriert vom letzten Iceage-Release, von seinem eigenen Staub eingeäschert wird, samt Baldis Organ: "I believe in something bigger / But what? / I can't articulate", japst Baldi zum Schlussakkord und verschwindet langsam wieder in Staub und Nebel. Zum Glück nicht ohne uns ein weiteres großartiges Album zu hinterlassen.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Internal world
  • Enter entirely
  • Modern act
  • Sight unseen

Tracklist

  1. Up to the surface
  2. Things are right with you
  3. Internal world
  4. Darkened rings
  5. Enter entirely
  6. Modern act
  7. Sight unseen
  8. Strange year
  9. Realize my fate

Gesamtspielzeit: 38:26 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 9784

Registriert seit 08.01.2012

2017-09-22 13:12:20 Uhr - Newsbeitrag
Cloud Nothings | 03. - 04.12.2017

Man könne Platten am besten beurteilen, meint Dylan Baldi, wenn man mit dem Auto durch die Gegend fahre und sie sich dabei anhört. Was der Frontmann von Cloud Nothings da sagt, stimmt in vielen Fällen schon so einigermaßen. Die Wahrheit aber ist, dass man sich die Musik der kratzbürstigen Indie-Rocker aus Cleveland selbst am besten anhört, wenn sie live gespielt wird. Die Band, die einmal Baldis Ein-Mann-Projekt war, kommt erst dann so richtig zur Geltung, wenn sie auf die Bühne steigt und die Songs noch einen Dreh lauter spielt, mit dem Effektgerät noch eine Verzerrung mehr aus der Gitarre drischt, den Sound noch ätzend-schärfer macht.







Die Konzerte werden präsentiert von VISIONS und WhiteTapes.

03.12.2017 Berlin - Bi Nuu
04.12.2017 Köln - Gebäude 9

eric

Postings: 1571

Registriert seit 14.06.2013

2017-02-13 10:25:00 Uhr
"Modern act" nutzt sich null, null ab. Mein Song des Jahres bisher. Jetzt muss nur der Frühling her!

MartinS

Postings: 367

Registriert seit 31.10.2013

2017-02-12 18:06:48 Uhr
Finds leider auch ziemlich langweilig. Zeug wie "Modern act" oder "Internal world" nutzt sich wahnsinnig schnell ab. Der Opener, der Schlusstrack und "Enter entirely" sind super, ansonsten ist nicht viel zu holen.

Gomes21

Postings: 1508

Registriert seit 20.06.2013

2017-02-12 14:06:24 Uhr
Ich hab mir das auf dringenste Empfehlung meines Bandkollegen abgehört.
Ich finde da aber wirklich nichts außer langweiligstem Geschrammel-Pop-Punk.
Gar nicht meine Art Musik. 4/10

Elektrolyte

Postings: 194

Registriert seit 20.09.2016

2017-01-30 12:11:50 Uhr
Ich finds langweilig leider. Kein Vergleich zu den ersten 3 Alben.
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