Waving The Guns - Eine Hand bricht die andere

Waving The Guns- Eine Hand bricht die andere

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 27.01.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Bis der Baum fällt

Männlichkeit kann sich in Vielem niederschlagen: Brusthaar, Spinning Wheels, Biertrinkgeschwindigkeit. Oder aber, und auch vor allem, in einem festen Händedruck. Beim Erstkontakt mit dem Alphatier werden so gleich zur Begrüßung die Schwänze verglichen. Und dann, das soll es wirklich gegeben haben, knacks: Handbruch. Da hilft nur Eines: Unumwunden mit der anderen Hand in die Fresse boxen. Das genau tun Waving The Guns aus Rostock, wenn sie gegen Patriarchat und Establishment anrappen. Schon auf ihrem 2015er "Torschlagargumente" lieferten die Rostocker glasklaren linken Polit-HipHop. Das nun erscheinende "Eine Hand bricht die andere" verteilt weiter fröhlich Schellen in die richtige Richtung.

Schon im Intro positionieren sich Waving The Guns deutlich: "WTG haben Dein Wiking-Jugend-Zeltlager zerstört", heißt es da. Jede Odal-Rune wird mit einem Anarcho-A übertaggt. Gleich anschließend steigen die beiden Rapper tiefer in die Materie ein: "Ich will Unterdrücker jeglicher Couleur ins Schambein schießen", erklären die Herrschaften in "Endlich wird wieder getreten". Der Beat gliedert eine wabernde Bassgitarre ein, macht ansonsten keine Experimente und dient als schlichte Bettung der kraftvollen Lines der Vierer-Crew. "Mülltonne" romantisiert das Aussteigertum, kritisiert Verteilungsungerechtigkeiten genauso wie rechte Attitüden und hatet zwischen klirrenden Becken und E-Gitarre geradewegs nach oben. Mit K.I.Z-Zitaten untermauert präsentiert sich "Identifikationsfigur" kritisch gegenüber politischer Apathie. Dazu grooven Funk-Gitarre und Soul-Samples, bis ein Maschinengewehr sie unterbricht.

Wo WTG zumeist gewillt auftreten, offenbaren sie in "Zapfhahn" auch ihre melancholische Seite. Synthies und Piano prägen die Stimmung des Songs. So bewahrt der Blick ins Glas die Hoffnung auf bessere Zeiten: "Solange Du noch den Zapfhahn bedienst, hab ich Dreams." Revolte ohne Bier? Undenkbar. Mit einem Louis-C.K.-Sample eröffnet "Open mic", welches schlicht weg klarstellt, dass beim Konzert keine dümmlichen Zwischenrufe erwünscht sind. Als "obligatorischer Viele-Features-Track" kündigt sich zurecht "Es war nicht alles schlecht" an, schließlich geben sich mit Pöbel MC, Sketch One, Haszcara, Toni Starter und Cheddar Mike gleich fünf Gäste die Ehre. In den dementsprechenden achteinhalb Minuten, wird ein reflektierterer Umgang mit dem Leben in der Deutschen Demokratischen Republik gefordert. Nahe am Tabubruch, aber keineswegs zu weit bewegen sich die Aussagen des Titels. Schließlich wird schlicht die politische Wackness vieler Genrekollegen angegangen: "In der DDR war nicht alles schlecht. Das unterscheidet sie von Deinem Album." Die Haszcara-Strophe sticht dabei flow-technisch hevor.

Waving The Guns haben eine Mission. Die Musik dient dabei als Medium, bleibt aber vergleichsweise hintergründig. Alles andere würde die Wirkung der WTG-Aussagen abschwächen. Die Beats präsentieren sich durch die Bank eher gechillt, als dass sie versuchen zusätzlich zu fronten. Wer's verdient hat, bekommt auf's Maul: Rassisten, Homophobe, Reiche – die Liste kann man quasi endlos fortführen. In Zeiten, in denen selbst eine konservative Kanzlerin für Pegidisten als "linker Gutmensch" gilt, ist "Eine Hand bricht die andere" ein harter Schlag ins Gesicht ebensolcher Vollpfosten. Die Rapper nutzen ihr Sprechorgan zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der nötigen Penetranz und bringen es in "WTG für alle" selbst auf den Punkt: "Bis der Baum fällt, muss man in die selbe Kerbe schlagen."

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Endlich wird wieder getreten
  • Zapfhahn
  • Identifikationsfigur
  • Es war nicht alles schlecht (feat. Pöbel MC, Sketch One, Haszcara, Toni Starter & Cheddar Mike)

Tracklist

  1. Intro
  2. Endlich wird wieder getreten
  3. An einem Strang
  4. Kornflasche
  5. Zapfhahn
  6. Open mic
  7. Mülltonne
  8. Charlie / Abwasserkanal
  9. Identifikationsfigur
  10. Es war nicht alles schlecht (feat. Pöbel MC, Sketch One, Haszcara, Toni Starter & Cheddar Mike)
  11. Überlegen (feat. Genosse Soselo)
  12. Schloss und Riegel
  13. WTG für Alle

Gesamtspielzeit: 47:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
hbt
2017-01-29 10:58:05 Uhr
Hört sich extrem nach Creutzfeld & Jakob an, Gottes Werk und Creutzfelds Beitrag.

MopedTobias

Postings: 10617

Registriert seit 10.09.2013

2017-01-27 18:02:42 Uhr
Hm, würde das eher als Gegenposition zu den von dir genannten Alben betrachten. Sowas wie ZM oder Audio88 & Yassin hat zwar inhaltlich ähnliche Messages, geht aber sehr viel offensiver vor und bedient in gewisser Weise auch einen "Spaßfaktor" (vor allem ZM), nicht nur textlich, sondern vor allem auch musikalisch und was Flow und Delivery angeht. Das höre ich bei WTG in dem Sinne nicht, das Ganze ist eine weitaus nüchternere, dunklerere und irgendwie auch rohere Angelegenheit. Würde aber unabhängig davon auch den von dir genannten ne 8 geben, vor allem Alles Brennt kam hier viel zu schlecht weg.
Schwarz (der echte)
2017-01-27 17:07:08 Uhr
Hab mir jetzt auch mal das ganze Album angehört. Klingt mir einfach immer noch zu sehr nach gerappten Indymedia-Texten auf Boom Bap Beats. An die offensichtlichen Vorbilder, sowas wie "Normaler Samt" oder "Alles Brennt", kommt das bei weitem nicht ran und die hatten hier nur 7/10 bzw. 6/10.

MopedTobias

Postings: 10617

Registriert seit 10.09.2013

2017-01-27 16:18:24 Uhr
Feier das sehr, auch wenn ich auch nicht der größte "Zeckenrap"-Fan bin (hab jetzt aber auch keine prinzipielle Abneigung dagegen). Das hier hat textlich mehr Punch als die meisten anderen Genrevertreter, ist musikalisch angenehm zurückhaltend, ohne dabei mit großartigen Samples oder anderen guten Ideen zu geizen, und hat einen sehr geschlossenen, düsteren Vibe. 8/10 geht auf jeden Fall klar, ist von den paar Alben, die ich 2017 bisher gehört hab, das Beste.
Schwarz (der echte)
2017-01-26 00:02:55 Uhr
Meine Meinung: Musikalisch deutlich weniger wack als der durchschnittliche Zeckenrap aber irgendwie halt auch nicht so richtig geil. ZM tauchen in den Referenzen übrigens doppelt auf, dafür fehlen Retrogott & Hulk Hodn an die mich das irgendwie am meisten erinnert.
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