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Japandroids - Near to the wild heart of life

Japandroids- Near to the wild heart of life

Anti / Epitaph / Indigo
VÖ: 27.01.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ausweitung der Kampfzone

Never change: Die beiden Japandroids-Boys Brian King und David Prowse bleiben sich in weiten Teilen treu und vertrauen auf einige ihrer bekannten Stärken. Ihr drittes Album könnte man zumindest äußerlich auch mit den ersten beiden Platten, "Post-nothing" oder "Celebration rock" verwechseln. Schwarz-weißes Cover mit bromantischem Motiv, acht Songs in einer guten halben Stunde Spielzeit: Die beiden Jungs mögen es geradlinig. Etwas interessanter wird es indes, wenn man eintaucht in die Welt der zwei. Wenn man sich vor Augen führt, wie sich die Band vom erfrischend lärmenden Garagenrock-Duo zu einem der gefragtesten Indie-Acts dieser Tage gemausert hat. Und wenn man sich mit ebenjenen Veränderungen beschäftigt, die trotz aller Konstanz, "Near to the wild heart of life" prägen und zu einem Album machen, bei dem man vielleicht ein wenig genauer hinhören sollte. Lohnenswert ist dies allemal.

Auf den ersten Blick fallen sie nämlich nicht unbedingt auf. Sie, die Zwischentöne. Sie, die kleinen Verschiebungen im Soundkosmos der Band. Sie, die Gedankensprünge, die man den lyrischen Ausführungen entnehmen kann. "Near to the wild heart of life" ist zwar, ähnlich wie die beiden Vorgänger, zweifelsfrei ein Album des Aufbruchs, der Freiheit und der Ungezwungenheit, vollzieht jedoch den schwierigen Schritt ins Tageslicht, tritt aus den Bars und Spelunken dieser Welt und betrachtet auch die eigenen Unzulänglichkeiten. Zu behaupten Japandroids würden mit diesem Album "erwachsen werden", wäre selbstredend ziemlicher Mumpitz, sie rüsten sich nur für die Zeit nach dem Tumult. Der noise-verliebte Rock bleibt die Grundlage, wähnt sich aber – mehr als zuvor – inmitten großzügiger Songstrukturen, die King und Prowse mehr Raum zur Entfaltung geben. Raum, den sie zu nutzen wissen: Das Album ist ohne jeden Zweifel die bis dato ideen- und facettenreichste Platte der Jungs aus Vancouver.

Schon der titelgebende – und James Joyce zitierende – Opener möchte sich so gar nicht für eine der möglichen Schubladen entscheiden, schmeißt stattdessen das gesamte Regal um, leert die Fächer und wirft alles auf einen großen Haufen: Enthusiastischer Indie-Rock trifft hier auf ein angenehmes Maß an Noise, während man sogar ein wenig Foo-Fighters-Eingängigkeit zu vernehmen glaubt und sich dabei verwundert die Ohren reibt. Keine Frage: Die ohnehin schon immer sehr prägnanten Melodien werden hier nicht mehr zugeparkt, bleiben eher an der langen Leine. Ähnliches gilt für das folgende "North east south west", das in seinen vier Minuten nicht nur unsere vier Himmelsrichtungen in korrekter Reihenfolge aufzuzählen weiß, sondern ebenso stürmisch Herzen erobern kann. "Nie ohne Seife waschen" war gestern! Auch wenn ein wenig Seife nicht schaden würde, spätestens, wenn nach dem fantastischen Energiebündel "True love and a free life of free will" auch das letzte Holzfällerhemd durchgeschwitzt ist.

Anschließend loten die beiden Kanadier ihre Möglichkeiten aus: "I'm sorry (for not finding you sooner)" knallt mächtig viel Emotion in knackig-frische zweieinhalb Minuten, ohne dabei aus dem Ruder zu laufen, während das etwa dreimal so lange "Arc of bar" zum Kernstück der neuen Platte avanciert, dabei mutig den Pfad des Todes beschreitet und mal so nebenbei den Wechselgesang von King und Prowse perfektioniert. Zum Ende hin ziehen Japandroids ein wenig das Tempo an: "No known drink or drug" lässt seine Drums durch die Großstadtsteppe galoppieren und mutiert so zum lebensbejahenden Schmachtfetzen: "Streets all abandoned, bars barely breathing / A whirlwind, a woman and a famous feeling." Und auch "In a body like a grave", die letzte Nummer des starken "Near to the wild heart of life", sammelt noch einmal alle Kräfte für eine letzte Offensive, auch wenn der Titel eher fatalistisch wirkt. So intensiv und dynamisch, dabei aber fokussiert haben die beiden Jungs noch nie geklungen. File under: a winning team.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Near to the wild heart of life
  • True love and a free life of free will
  • In a body like a grave

Tracklist

  1. Near to the wild heart of life
  2. North east south west
  3. True love and a free life of free will
  4. I'm sorry (for not finding you sooner)
  5. Arc of bar
  6. Midnight to morning
  7. No known drink or drug
  8. In a body like a grave

Gesamtspielzeit: 36:49 min.

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