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The Flaming Lips - Oczy mlody

The Flaming Lips- Oczy mlody

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 13.01.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wiedersehen macht Freunde

Es ist, als stünde ein ganzes Universum zwischen dem Damals und dem Jetzt. Ein ganzes Leben. Als The Flaming Lips im Sommer 2002 ihr konzeptionelles Meisterwerk "Yoshimi battles the pink robots" veröffentlichten, ahnte man noch nicht, welche streckenweise haarsträubenden Experimente Wayne Coyne und Kollegen anschließend wagen würden. Nach einer Reihe sperriger bis unhörbarer Soundtracks und kaum ernstzunehmenden Cover- und Kollaborations-Alben und, ja, gelungenen Studiowerken geht es im Jahr 2017 zurück zu Yoshimi: 15 Jahre sind vergangen, das junge Mädchen von einst ist längst erwachsen geworden. Dass wir uns nicht missverstehen – erwähnt wird die Gute auf dem neuen Album "Oczy mlody" nicht ein einziges Mal. Aber ihr Geist ist fast überall spürbar anwesend.

Bei allen kühnen Versuchen, sich von der Masse abzuheben und verrückte Spielchen auf die Spitze zu treiben, hätte man in den letzten Jahren fast vergessen können, dass The Flaming Lips nicht nur melodisch versierte Künstler, sondern auch hervorragende Geschichtenerzähler sind. "Oczy mlody" kehrt zurück zu diesem Gedanken. Yoshimis Kampf gegen die Maschinen ist vorbei, der Kampf der Menschheit gegen sich selbst geht weiter und hinterlässt nicht nur offensichtliche, sondern vor allem versteckte, tiefe Spuren. The Flaming Lips warten nicht darauf, bis es vorbei ist, sondern stürzen sich mit offenen Armen ins Getöse. Der instrumentale Opener und Titeltrack bringt das bestens rüber: Mit einer geradezu enervierenden Mischung aus Neugierde und Lebensmüdigkeit begibt es sich auf eine unheilvolle Reise ins Ungewisse.

Die melancholische Stimmung von 2002 wirkt auch eineinhalb Jahrzehnte später aktuell wie eh und je, nicht nur im hochsensiblen frühen Highlight "Sunrise (Eyes of the young)", dessen Klammerzusatz die Übersetzung des polnischen Albumtitels ist und das die Ambivalenz des Erwachsenwerdens verdeutlicht: "Now you're showing me the truth / But I don't want to believe you", säuselt Coyne, nur Sekunden später folgt die 180-Grad-Kehrtwende: "Oh, if I could go back and find you / I'd kiss your glowing head / And hear the things you said / And always believe you." Es ist irgendwie auch der rote Faden des Albums: Ein wirkliches Konzept verfolgt die Band nicht, stattdessen geht es um die nur allzu menschlichen Irrungen und Wirrungen: die Freude über die Unabhängigkeit, die Traurigkeit ob des Alleinseins, der Drang nach Veränderung, die Angst vor Enttäuschung.

"Oczy mlody" durchleuchtet diese Emotionen und Geschichten stets von oben und hat dabei alles im Blick – ein musikgewordener Schmetterling, dessen hauchzarte Flügelschläge ihn mal langsamer, mal schneller vorantreiben. Tief in einer nebligen, düsteren Sumpf-Landschaft dröhnt "Listening to the frogs with demon eyes" geradezu unheimlich vor sich hin und erstickt beinahe jedes Leben im Keim, nur um zynisch zu fragen: "Have you ever seen someone die?" In eine ähnlich bizarr anmutende Richtung zieht es den Space-Western "Galaxy I sink", während Coyne im synthiegeschwängerten Pop des Abschluss-Tracks "We a famly" zum Glück seine Freude wiederentdeckt. Es könnte an seiner Busenfreundin Miley Cyrus liegen, die hier als Gastsängerin vorbeischaut und noch eine Extra-Schippe naiver Euphorie drauflegt – ein gelungenes, schönes Wiedersehen.

Es passt zum Rest dieses wundersamen Albums, das ohnehin auch dank der steten Erinnerungen an Yoshimi wie ein erneutes Zusammenfinden klingt. Das sehnsüchtige Flehen in "How??", der verträumte Blick zurück in "The castle" und vor allem das trotz aller elektronischen Künstlichkeit herzenswarme "Almost home (Blisko domu)" – all das macht "Oczy mlody" zum intimsten, nahbarsten Album der Flaming Lips seit, ja, "Yoshimi battles the pink robots". Der Kreis schließt sich: Nicht nur das Mädchen von einst ist zurück, sondern auch die Band von damals, zumindest für einen Moment. Und zwar genau dann, als man sie am meisten brauchte – ohne es zu wissen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Sunrise (Eyes of the young)
  • The castle
  • Almost home (Blisko domu)
  • We a famly (feat. Miley Cyrus)

Tracklist

  1. Oczy mlody
  2. How??
  3. There should be unicorns
  4. Sunrise (Eyes of the young)
  5. Nigdy nie (Never no)
  6. Galaxy I sink
  7. One night while hunting for faeries and witches and wizards to kill
  8. Do glowy
  9. Listening to the frogs with demon eyes
  10. The castle
  11. Almost home (Blisko domu)
  12. We a famly (feat. Miley Cyrus)

Gesamtspielzeit: 58:05 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
alex
2017-02-01 13:03:24 Uhr
Ich bin ja "Galaxy I sink" sehr verfallen.

Bei "Unicorns" muss ich tatsächlich immer dran denken, wie mir dieses Einhorn so langsam entgegen kommt.:)

The MACHINA of God

Postings: 7540

Registriert seit 07.06.2013

2017-02-01 13:00:42 Uhr
Ist schon einfahc ein Erlebnis, diese Band. Seit dem Konzert mausert sich "Unicorns" fast mit zum Lieblingslied der neuen. Herrlich subtil.

Ansonsten bleibt "The castle" mein bisheriger Song des Jahres.
Floyd
2017-02-01 10:53:38 Uhr
Nein, Superman war leider in Zürich nicht dabei. Aber trotzdem ein fantastisches Konzert!!!

Felix H

Postings: 895

Registriert seit 26.02.2016

2017-02-01 09:34:23 Uhr
:-O

musie

Postings: 1699

Registriert seit 14.06.2013

2017-02-01 09:30:02 Uhr
Ich hab die Setlist, Superman ist drauf aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es nicht gespielt haben. Feeling Yourself Disintegrate kam.

Race
Yoshimi
Unicorns
Pompeii
Light
Observer
How
Space Oddity
Disintegrate
Castle
Hypnotist
WAND
Spoonful
-
Superman
Realize
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