Nicole Sabouné - Miman

Century Media / Sony
VÖ: 06.01.2017
Unsere Bewertung: 8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10

Odyssee im Welttraum
Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Nicole Sabouné bestimmt nicht. Sie erweist der amerikanischen Schriftstellerin im Video zu "Bleeding faster" vielmehr die Ehre – und macht auch sonst einen recht furchtlosen Eindruck. Wer in der schwedischen Ausgabe von "The voice" ausgerechnet mit Originalen von Kate Bush und Sinéad O'Connor bis ins Halbfinale vorstößt, scheint sich seiner Sache zumindest sehr sicher zu sein. Bald wurde klar: Diese Stimme braucht dringend eigene Songs. Doch was nun auf Sabounés zweiten Album passiert, war beim trocken-pointierten 2014er Debüt "Must exist" noch nicht abzusehen. Dieser Umstand eint "Miman" mit dem Schicksal des außer Kontrolle geratenen Raumgleiters Aniara aus der gleichnamigen Verserzählung des Dichters Harry Martinson, in der ein allwissender Bordcomputer der Besatzung auf ihrer immerwährenden Odyssee Ablenkung verschafft – sein Name inspirierte den Albumtitel. Und die Abenteuer von Welttraumforscherin Sabouné erweisen sich als nicht weniger dramatisch.
Mit dem Unterschied, dass im musikalischen Gedächtnis der 25-jährigen Schwedin keine dystopischen Science-Fiction-Gleichnisse, sondern gravitätische Echos von Gothic, New Wave, Torch-Song und Post-Punk verankert sind und sie zudem so exakte Vorstellungen vom eigenen Sound hat, dass sie ihren Zweitling auf eigene Faust produzierte. Und das so voller auf den Punkt gebrachter Wucht, dass der Hörer nicht umhin kommt anzuerkennen, dass er es sowohl mit einer vollendeten Sängerin als auch mit einer hervorragenden Musikerin zu tun hat, die sich bereits in verhältnismäßig zartem Alter als große Dame melancholischer bis düsterer Klangerzeugung profiliert. Da zockelt selbst der erfahrene Kollege und Co-Autor Nicklas Stenemo, einst Bassist der neongrellen Retro-Revue Melody Club und heute eine Hälfte des Synthie-Pop-Duos Kite, mit tieffrequenzig wühlender Gitarrenarbeit folgsam hinterher, während Sabouné beeindruckend über den donnernden, elektronisch grundierten Songs thront. Sie brachte sogar das renommierte "Wir machen eigentlich nur Metal"-Label Century Media dazu, eine Ausnahme zu machen und ihre Platte zu veröffentlichen.
Schon der schwer atmende, perkussive Shuffle "Right track" befindet sich mit voluminös wogender Rhythmik und entfernt orientalisch anmutenden Keyboard-Kaskaden auf ebendiesem, während "Bleeding faster" ansatzweise bei Doom-Metal in Superzeitlupe andockt – das Stimmengewirr im letzten Drittel wirkt dabei, als würden sich Siouxsie Sioux und Zola Jesus wortreich über ihre bevorzugten Kajalstifte austauschen. Dunkler Zauber im wahrsten Sinne des Wortes, aber wie das flehende "Under stars (For the lovers)" gleichzeitig von einer traumversunkenen Romantik durchdrungen, aus der zeitlos elegante Popmusik erwächst. Bei der es aber auch ein ums andere Mal ungemütlich knirscht: "Lifetime" rotiert bassig um sich selbst und steht mit aufgeregt klackerndem Beat immer kurz vor einem vernichtenden Ausbruch, ohne diesen je wirklich zu vollziehen. Noch mal Glück gehabt.
Die Apokalypse jedoch ist nah: "Rip this world" beschwört den gerechten Zorn einer höheren Macht, drohende Electro-Fanfaren fegen menschliche Zerstörungswut und religiösen Wahn beiseite, bis Sabounés Wehklagen in der endlich befriedeten Stratosphäre verraucht. Das hypnotisch um ein ähnlich wälzendes Stakkato wie Peter Gabriels "Rhythm of the heat" herumgebaute "Withdraw" schmeißt zwischen Resignation und Aufbruchsstimmung klirrend die letzten Flaschen um, ehe "Miman" pompös den Rückzug antritt – und als Dreingabe eine Coverversion des Madonna-Hits "Frozen" dalässt. Ein Stück, an dem man schwerlich etwas besser machen kann, das aber so respektabel wie gebührend ein imposantes Meisterwerk beschließt, das auf der nächsten Weltraumirrfahrt tunlichst in Dauerschleife laufen sollte. Irgendwann sind die alten Virginia-Woolf-Schinken schließlich auch ausgelesen.
Highlights
- Right track
- Rip this world
- Withdraw
Tracklist
- The body
- Right track
- Bleeding faster
- Under stars (For the lovers)
- Lifetime
- Rip this world
- We are no losers
- Withdraw
- Frozen
Gesamtspielzeit: 43:28 min.
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Referenzen
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- Nicole Sabouné - Miman (2 Beiträge / Letzter am 11.01.2017 - 22:18 Uhr)