Loyle Carner - Yesterday's gone

Loyle Carner- Yesterday's gone

Caroline / Universal
VÖ: 20.01.2017

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

He is family

Die Insel: Nur durch eine Meeresenge von knappen 34 Kilometern vom europäischen Festland getrennt, gehen die Dinge dort ein wenig anders zu. Manchmal ist der Blick hinüber voller Neid. Dort hat man eine Fußball-Liga, in der am zweiten Spieltag der Meister noch nicht feststeht. Ok, manchmal wundert man sich auch. Über die Politik zum Beispiel. Und ganz manchmal fragt man sich, was dort für verrückte Dinge zu sich gehen – zum Beispiel in der Musikwelt. Die englische Musikpresse kann sich rühmen, den Begriff "Hype" auf ein anderes Level gehoben zu haben. So erstellt die BBC beispielsweise seit 2003 zu Jahresbeginn eine Liste von Künstlern, die kurz vor dem Durchbruch stehen und von dort an durch die Hype-Maschine geschleudert werden. Im letzten Kalenderjahr mit dabei: der inzwischen 22-jährige Rapper Loyle Carner. Noch nie gehört? Mit Grund: Sein Debütalbum "Yesterday's gone" steht erst im 13. Monat von 2016 im Plattenladen – was jedoch nichts daran ändert, dass der Londoner die HipHop-Welt schon jetzt verzaubert hat.

Ganze fünf Singles hat Loyle Carner im Vorfeld ausgekoppelt. Mit denen wie einigen weiteren Stücken, die es nicht auf das Album geschafft haben sowie Support-Auftritten für Kate Tempest und Nas, hat er sich einen Namen als neue britische HipHop-Hoffnung gemacht und die Fanschar nun auch lang genug hingehalten. Jetzt ist das Debütalbum da, und es gibt keinen Grund, den Hype runterzukühlen. Das geniale "The Isle of Arran" bildet den Auftakt und ist nicht nur für Carner persönlich ein Schlüsselsong. Auf einem Old-School-Sample rappt der Engländer über seine zerrütteten Familienverhältnisse: "My mother said there's no love until you show some / So I showed love and got nothing." Vom Vater früh verlassen, der auf der titelgebenden Insel lebende Großvater als einzige Männerfigur, die Mutter als Heldin und die Musik als Zuflucht: Die schwierige Kindheit ist nicht weit entfernt für den jungen Carner. "Yesterday's gone" beschäftigt sich daher durchweg mit ihr.

In gedrosseltem Tempo geht es weiter: "Mean it in the morning" flowt mit sanften Gitarrenklängen und dezentem Piano. Überhaupt rappt Carner über sehr organische Beats, die sich irgendwo zwischen Jazz und Soul einpendeln. HipHop, der auch für Indierocker attraktiv ist. Die Produktion ist dabei sehr geerdet, sodass zwischendurch mal ein Alltagsgeräusch wie ein Handyton auftaucht oder kleine Spoken-Word-Interludes Alltagssituationen beschreiben. Kitchen-Sink-Realismus in Musikform. Carner schreckt außerdem nicht vor eingängigen Hooks zurück. Wohingegen "No worries" mit seinen Rap-Features überzeugt, schenkt der junge englische Songwriter Tom Misch "Damselfly" den schönsten Refrain der Platte und zeigt, dass "Yesterday's gone" sein Hitpotential mit den Singles nicht ansatzweise aufgebraucht hat.

Während "No CD" die groovende Hymne für CD-Läden im 21. Jahrhundert ist, beschäftigt sich das herrlich zerbrechliche "Florence" emotional mit Carners Wunsch nach einer kleinen Schwester, für die er die Vaterfigur sein könnte. Insgesamt zu viel Familie? Dem widmet sich das mit Bläsern garnierte "Ain't nothing changed": "They ask why every fucking song's the fucking same / And I tell them it's cause ain't nothing changed." Carner arbeitet seine Vergangenheit auf und meint hier salopp, es habe sich nichts verändert. Dabei wird "Yesterday's gone" in der Abrechnung definitiv eines der spannendsten und ehrlichsten HipHop-Alben 2017 sein und das Leben des 22-Jährigen endgültig auf den Kopf stellen. Im Hidden Track vertont Loyle Carner schließlich singend den Albumtitel – die Vergangenheit ist vorbei. Vielleicht hilft ihm der Erfolg bald auch, diese anders zu betrachten.

(Till Bärwaldt)

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Highlights

  • The Isle of Arran
  • Damselfly (feat. Tom Misch)
  • Florence (feat. Kwes)
  • No CD (feat. Rebel Kleff)

Tracklist

  1. The Isle of Arran
  2. Mean it in the morning
  3. +44
  4. Damselfly (feat. Tom Misch)
  5. Ain't nothing changed
  6. Swear
  7. Florence (feat. Kwes)
  8. The Seamstress (Tooting Masala)
  9. Stars & shards
  10. No worries (feat. Rebel Kleff & Jehst)
  11. Rebel 101
  12. No CD (feat. Rebel Kleff)
  13. Mrs C
  14. Sun of Jean (feat. Mum and Dad)

Gesamtspielzeit: 42:52 min.

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User Beitrag

MopedTobias

Postings: 8028

Registriert seit 10.09.2013

2017-04-30 17:31:56 Uhr
Definitiv!

Loketrourak

Postings: 532

Registriert seit 26.06.2013

2017-04-30 13:58:04 Uhr
Immer noch eine der besten 2017er Alben so far

MopedTobias

Postings: 8028

Registriert seit 10.09.2013

2017-02-18 16:03:34 Uhr
Finds auch ziemlich super. Entspannte, aber trotzdem einnehmende Atmosphäre, organischer Sound, tolle Bläsersamples und gute, unprätentiöse Texte. Florence ist mein Highlight.

Yndi

Postings: 1

Registriert seit 23.01.2017

2017-01-23 09:37:36 Uhr
Mmh, wäre schön, wenn da etwas mehr Uptempo drin wäre, das zieht doch recht stark an einem vorbei. Aber ich hör ihm gerne zu.

diggo

Postings: 42

Registriert seit 02.09.2016

2017-01-23 08:47:22 Uhr
Nach einem Wochenende auf Dauer-Rotation lege ich mich fest: 9/10! Grossartige Beats, guter Flow und starke Texte. Ich wäre überrascht, wenn dieses Jahr noch ein besseres Hip-Hop-Album kommt.
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