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Julie Byrne - Not even happiness

Julie Byrne- Not even happiness

Basin Rock / Indigo
VÖ: 20.01.2017

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Wanderlust

Komm, setz' Dich zu mir, winkt Julie Byrne auf ihrem neuen Album entgegen. Sie hat zu erzählen, ziemlich vieles sogar. Denn sie musste sich schon früh damit abfinden, dass sie zu denjenigen gehört, die unstet und unruhig sind, durchtrieben von einer besonderen Melancholie, dass sie zu diesen gehört, die glauben, das wahre Leben, das glückliche und erfüllte sei immer anderswo zu finden. Wo immer es auch ist, war sie nicht oder noch nicht: New York, Buffalo, Pittsburgh, Chicago, New Orleans – es sind nur einige ihrer Stationen, durch die sie als Nomadin gezogen ist. Immer nach Liebe suchend, sie kurzzeitig findend, schnell wieder von ihr fortziehend.

Natürlich zeichnet sich das in ihren Songs ab. Sie sind voller Eindrücke, von der Natur mit Rosenblüten, dem Himmelblau, den Baumrinden oder dem Meeresrauschen in "Sea as it glides". Sie sind selbstanalytisch bis ins Mark, denn beim Reisen bleibt Zeit fürs Grübeln, wie in "Sleepwalker", wenn Byrne in ihrer Einsamkeit wehleidig wird, aber genauso weiß, dass sie nicht so recht lieben kann. Weil sie sich allzu schnell anpasst, um nicht mehr einsam zu sein, diese angepasste Byrne aber nicht ihrem Wesen entspricht. Sie traumwandelt sich dann weiter, in den nächsten Ort, vorbei an irgendwelchen Monumenten, deren Bedeutung sie links liegen lässt. Sie traumwandelt, weil sie nicht so recht verantworten möchte, was sie sich immer wieder antut. In "Follow my voice" beichtet Byrne früh: "I've been called heartbraker / For doing just this to my own."

Wie es sich für jemanden ziemt, der andauernd unterwegs ist, hat sie auf "Not even happiness" mehr Skizzen als Fertiggeschriebenes zu bieten. Es sind vorbeihuschende Melodien, die sich anfühlen, als wären sie schon immer da gewesen. Gesungen mit einer rauchigen Stimme, die müde und leiderprobt klingt, allerdings auch schmerzlich ächzen kann, gleich den aufkommenden Erinnerungen im Schlaf. "Natural blue" oder "Morning dove" haben die räumliche Weite, wie man sie von Natur und Straße kennt. Sie klingen intim, gleichzeitig schwer greifbar, was an diesem weichen Gitarrenpicking liegt, wie in "Melting grid", das an "Bleecker street" von Simon & Garfunkel erinnert oder an Bob Dylans "Don't think twice, it's all right", ehe dann Holzbläser diese Erinnerungen austreiben.

Engstirnig wird es nicht. Obwohl es einzig diese Heimatlose an ihrer Gitarre ist, die wispert und streichelt. Kein großes Gehabe. Viel Undeutliches, was nicht ihre Stimme beschreibt, denn die bleibt stets klar, also Cat-Power-klar, sondern ihre Bilder und sprunghafte Melodien. "I live now as a singer" sticht hingegen vollkommen aus diesem Album: flächenbreite Synthesizer, eine besonders rumorende Stimme. Dafür, dass zuvor alles im Fluss war, wirkt es hier merkwürdig gefestigt. Was wohl für Byrne nur ein Zeichen ist, sich auf den nächsten Weg zu machen.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Sleepwalker
  • Sea as it glides
  • I live now as a singer

Tracklist

  1. Follow my voice
  2. Sleepwalker
  3. Melting grid
  4. Natural blue
  5. Interlude
  6. Morning dove
  7. All the land glimmered beneath
  8. Sea as it glides
  9. I live now as a singer

Gesamtspielzeit: 31:37 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

11.01.2017 - 21:54 Uhr
Frisch rezensiert.

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