Calexico - Feast of wire

Calexico- Feast of wire

Quarterstick / City Slang / Labels / Virgin / EMI
VÖ: 10.02.2003

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Grenzsänger

Irgendwo da draußen, in den unendlichen Weiten der Wüste, liegt Tucson. Früher nannte man das den "Wilden Westen". Doch mit Karl Mays Indianerromantik hat die staubtrockene Wirklichkeit in Arizona nicht viel gemein. Es ist eine Einöde. Langweilig. Eigentlich gibt es für die Bewohner nur drei Möglichkeiten: Sie lernen Schießen, werden Alkoholiker oder gründen - zur sinnvollen Abwechslung - eine Band. Gerne auch mehrere. Und so kommt es, daß Joey Burns und John Convertino, beide auch bei Giant Sand, OP8 und einem halben Dutzend anderer Projekte aktiv, seit ein paar Jahren mit Calexico immer wieder ihrem Hang zu atmosphärischer Melancholie erliegen.

"Feast of wire", eingespielt mit ein paar waschechten Chicanos, zwei Deutschen und diversen Abkömmlingen des amerikanischen Melting Pots, ist Calexicos jüngster Beitrag zur Völkerverständigung. Abgerissene Flüchtlinge warten hinter dem Drahtzaun, der die Welten trennt. Die dritte und die erste. Arm und reich. Mexiko und die Vereinigten Staaten. Und doch stellen die Brüder Alberto und Hermano in "Across the wire (Widescreen)" fest, daß es dort drüben auch nicht besser ist. "The future looks bleak / With no sign of change." Die Mariachis lächeln schief, und Burns croont voller Mitgefühl. Er weiß eben, daß enttäuschte Hoffnungen kein Privileg der armen Seelen jenseits des Rio Grande sind. Kummer findet sich auch in seiner eigenen Umgebung. "All the blossoms are buried 'neath the waste."

Die Suche nach dem Ausweg, nach der Flucht ist allgegenwärtig auf "Feast of wire". Die Zukunft ist ungewiß, der Glaube stirbt zuletzt. Da werden sogar verlebte Ikonen des Showbiz zu Göttinnen der Hoffnung. Doch auch Stevie Nicks, "the priestess with her wrenches and secret powers", kann die Verzweifelten nicht retten. Die Tragik wird zu schwermütigem Pop. Trost finden Calexico in zutiefst atmosphärischem Folk, der immer ein wenig nach Tijuana duftet. In staubigem Country und durchscheinendem Jazz, in süßlichem Mariachi und dezentem Rock. All das fließt auf "Feast of wire" in ein ganz eigenes Bild zusammen. Landschaftsmalerei mit Gitarre und Jazzbesen.

Es ist offensichtlich kein leichtes Brot, dieses Leben im amerikanischen Südwesten. Doch Calexico fühlen sich wohl. Sie genießen die kleinen Nadelstiche, das Salz der Tränen und die vielen Seufzer, die fast schon Bestandteil der Landschaft sind. Dort finden sie ihre traurigen Geschichten von Ausreißern, Träumern und den Desperados mit den zusammengebissenen Zähnen. Dort warten gebrochene Melodien und leidenschaftliche Harmonien nur darauf, für düstere Songs wie "Woven birds" oder "Black heart" entführt zu werden. "Can't find no poison, now I've got no cure" klagt Burns über traurig gestrichenes Moll. Die Romantik der Verlierer singt die schönsten Lieder.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Quattro (World drifts in)
  • Black heart
  • Not even Stevie Nicks...
  • Woven birds

Tracklist

  1. Sunken waltz
  2. Quattro (World drifts in)
  3. Stucco
  4. Black heart
  5. Pepito
  6. Not even Stevie Nicks...
  7. Close behind
  8. Woven birds
  9. The book and the canal
  10. Attack el robot! Attack!
  11. Across the wire (Widescreen)
  12. Dub latina
  13. Güero canelo
  14. Whipping the horse's eye
  15. Crumble
  16. No doze

Gesamtspielzeit: 47:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Herder
2013-03-20 14:44:34 Uhr
Höre ich gerade mal wieder: "Black Heart" ist wirklich ein tolles Lied und das ganze Album ist - insbesondere atmosphärisch - sehr gut gelungen!
schwedenhappen
2009-08-07 23:21:08 Uhr
Ignorant. :)
Ruhestörung
2009-08-07 23:16:39 Uhr
Die Ruhestörung ist eine recht nette Kneipe... die Cocktails sind sehr billig, das Essen auch! Publikum ist auch eher alternativ (aber nicht so richtig).

Calexico mag ich überhaupt nicht.
schwedenhappen
2009-08-07 23:04:23 Uhr
Um es nach gut 4 Jahren mal wieder zu erwähnen: Sehr toll!

Quattro

Und sowas ist es wohl, was man sein Leben lang als Erinnerung bewahrt:

Wunderbar. Ein so toller Abend. Die Verrücktesten Sachen erlebt man, wenn man gar nicht damit rechnet. Wir kommen an in Nürnberg, nach fünfmaligem Verfahren und netten Menschen, die beim Wegerklären an den Hindernissen des eigenen Dialektes scheiterten. Und mit dem Setzen des ersten Schrittes auf Nürnberger Boden beginnt der Regen, ein solches Gewitter habe ich lange nicht mehr erlebt. Der Nässe zum trotz fragen wir uns an den Hauptmarkt vor, kommen klitschpatschenass dort an - Calexico haben soeben ihr Konzert abgebrochen. In unsrer untrüblichen guten Laune suchen wir einen Mexikaner um die Ecke auf und trocknen uns Haut und Haar und Kleider auf der Toilette unter dem Handföhn. Dann erreicht uns das Gerücht, Calexico spielten in einer Bar namens 'Ruhestörung', die wir klamm erreichen um dann in Unsicherheit wartend und frierend davor zuzubringen. Keiner glaubt mehr daran, als ich das unkonventionellste Konzert meines Lebens miterlebe: kein Eintritt, kein Mikro, keine Security. Calexico nur eine Armlänge von mir entfernt ('Wenn ihr alle einen Schritt zurückgeht, spielen sie auch draußen') spielen direkt auf meiner achtlosen weggeworfenen Schachtel durchnässter Zigarillos... ich kann's noch gar nicht fassen.


kent.
2005-07-31 01:18:54 Uhr
Sunken Waltz
Quattro
Across the wire


Jetzt kann ich wohl wieder 4 Jahre warten, um die Band mal zu erleben.
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