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Bruce Springsteen - Chapter and verse

Bruce Springsteen- Chapter and verse

Columbia / Sony
VÖ: 23.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Hungry art

"Born to run". Einen anderen Namen konnte Bruce Springsteens Biographie nicht tragen. Der Song löste die Handbremse in der Musikerkarriere des Mannes aus New Jersey, bildet aber freilich nicht das erste Kapitel seines künstlerischen Handelns. In dem dicken Buch, an dem Springsteen seit dem Superbowl-Auftritt 2009 immer wieder sporadisch gearbeitet hatte, erzählt er, wie prägend der italienische Teil seiner Familie war, und wie aus einem schüchternen Jungen in den Straßen von Freehold einer der größten Rockstars des Hier und Heute wurde. Und ein Entertainer mit unbändiger Energie und Ausdauer bis ins hohe Alter. Trotz Depressionen. Noch 2016, auf der jüngsten Tour zum 35-jährigen Jubiläum von The River, verausgabte sich der Boss – wer ernsthaft als erstes an Kollegah denkt, hat die Musik nie geliebt – standesgemäß über knapp dreieinhalb Stunden. Sich ständig übertrumpfend, erlebte Philadelphia mit einer Spielzeit von vier Stunden und vier Minuten das bislang längste US-Set Springsteens.

"Born to run" liest sich phasenweise wie ein ausgeschmückter Springsteen-Song, weshalb jedem empfohlen sei, sich dieses Buch zuzulegen. Die Biografie kommt nicht ganz alleine daher. Quasi parallel – vier Tage vor dem Schmöker und pünktlich zu seinem 67. Geburtstag – erschien "Chapter and verse", das bereits im Titel auf die Gleichberechtigung von Text und Ton hinweist. Bruce Springsteen hat Songs herausgepickt, die verschiedene Etappen seiner Karriere widerspiegeln und konform gehen mit Abschnitten im Buch. Daher ist das hier keine typische Best-of-Veröffentlichung – die ohnehin unter mindestens vier CDs nicht ansatzweise vollständig geriet –, auch wenn es selbstredend Überschneidungen mit anderweitigen Kompilationen gibt. "Chapter and verse" enthält fünf bislang nicht zuvor veröffentlichte Songs. Es sind Springsteens Anfänge, noch bevor 1973 "Greetings from Asbury Park" den Aufschlag machte.

Als er 16 Jahre alt war, nahm er mit seiner ersten Band, The Castiles, und Beatles-Handschrift "Baby I" auf sowie das Willie-Dixon-Cover "You can't judge a book by the cover". In beiden Fällen teilte sich Springsteen das Mikrofon mit George Theiss. Anders bei Steel Mill. Angespornt durch härtere Spielarten des Rock stürzte sich ein langhaariger Springsteen mit energischem Rock'n'Roll in den Orgelwust von "He's guilty (The judge song)". The Bruce Springsteen Band existierte nicht lange – kurze Zeit später formte sich daraus die legendäre E-Street-Band –, legten aber gemeinsam in "The ballad of Jesse James" mit bluesigem Country-Rock Springsteens "Outlaw"-Herz offen. Und auch die allein von ihm vorgetragene Akustiknummer "Henry boy" gerät klasse, trotz oder gerade weil sich hier der Vorläufer für "Rosalita (Come out tonight) verbirgt. Die chronologische Anordnung der fünf erstmals veröffentlichten Titel zeichnet mehr als deutlich Springsteens Entwicklung als Songwriter und sukzessive Annäherung ans Rampenlicht.

Kann man den Rest als gesetzt voraussehen? Vielleicht. Aber sicher nicht einfach überfliegen. Sonst ginge Springsteens eigenwilliger Gang in die Erwachsenenwelt von "Growin' up" unter: "But when they said 'Sit down', I stood up." Akkordeon und Bläser begehen den Nationalfeiertag in "4th of July, Asbury Park (Sandy)" an der Jersey-Shore, ehe der Sound satter, breiter, lauter wurde: "Born to run". Aus dem gleichnamigen Meisterwerk, eine der besten Platten aller Zeiten. "Tramps like us, baby, we were born to run." Springsteen zog weiter. Durch die "Badlands" zu dem göttlichen Stück für seine Schwester, "The river", entdeckte schwarzgraue Seelen auf den "Nebraska"-Demos und knüpfte später in minimalister Art und Weise bei "The ghost of Tom Joad" und "Devils & dust" daran an. Der Kontrast zu DEM Hitalbum, "Born in the U.S.A.", könnte kaum frappanter ausfallen: Stadionrock par excellence. Danach gingen Springsteen und die E-Street-Band bis zur Jahrtausendwende wieder getrennte Wege, auch wenn einzelne Musiker bei seinen Nachfolgeproduktionen mit von der Partie waren.

Ende der Achtzigerjahre freundete sich Springsteen mit synthetischer Instrumentierung an und spielte für "Tunnel of love" auch "Brilliant disguise" ein, das vertonte Credo "Drum prüfe, wer sich ewig bindet". Die frühen Neunziger streift "Living proof", mit dem Post-9/11-Song "The rising" spendete Springsteen schockstarren Amerikanern eine tröstende Stimme und appellierte gleichsam, den Blick nach vorn zu richten. Aus den jüngsten Veröffentlichungen schafft es die Ode ans abgerissene Giants-Stadium "Wrecking ball" auf "Chapter and verse". Thematisch kulminieren hier Historie und Vergänglichkeit mit Beständigkeit und Freude. Und auf dem Schutt steht Springsteen. Spielt. Lacht. Das ist nicht das Ende.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • He's guilty (The judge song)
  • Growin' up
  • 4th of July, Asbury Park (Sandy)
  • Born to run
  • The river
  • The rising

Tracklist

  1. Baby I (The Castiles)
  2. You can't judge a book by the cover (The Castiles)
  3. He's guilty (The judge song) (Steel Mill)
  4. The ballad of Jesse James (The Bruce Springsteen Band)
  5. Henry boy (Bruce Springsteen)
  6. Growin' up (Album version)
  7. 4th of July, Asbury Park (Sandy)
  8. Born to run
  9. Badlands
  10. The river
  11. My father's house
  12. Born in the U.S.A.
  13. Brilliant disguise
  14. Living proof
  15. The ghost of Tom Joad
  16. The rising
  17. Long time comin'
  18. Wrecking ball

Gesamtspielzeit: 77:51 min.

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musie

Postings: 1732

Registriert seit 14.06.2013

2017-01-03 21:52:56 Uhr
sehr schöne rezi! hab das buch verschlungen, wirklich zu empfehlen

Armin

Postings: 8145

Registriert seit 08.01.2012

2016-12-22 21:07:56 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Stephan

Postings: 492

Registriert seit 11.06.2013

2016-07-29 19:48:54 Uhr
23.09.
Parallel zur Autobiographie erscheint eine Compilation namens "Chapter & verse".
Also wichtige Songs seiner Karriere plus fünf unveröffentlichte Tracks. Darunter auch Songs von The Castiles/Steel Mill und der Bruce Springsteen Band.

http://brucespringsteen.net/
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