The Notwist - Superheroes, ghostvillains + stuff
Alien Transistor / Indigo
VÖ: 14.10.2016
Unsere Bewertung: 9/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
Luft weg
Puh. Erstmal durchatmen. Selbst der Kopfhörer scheint noch im Rausch, wenn sich The Notwists Darbietung ihrer Songs "Neon golden" und "Pilot", letzterer allein 13 Minuten und 16 Sekunden lang, dem Ende zuneigt. Was zuvor war? Knapp 20 Minuten Brillianz, Ekstase. Und natürlich Atmosphäre. Aus jener, die der Titelsong des Meilensteins "Neon golden" in der hiesigen Version durch pointierten Gitarreneinsatz entfacht, erwächst zunächst ein Fiepen, ein Zucken, ein Rauschen. Und dann ein Beat. Markus Achers Stimme wird gesampelt, hängt bald schon auf dem bekannten Vers "Different cars and trains" fest, der langsam zu "Pilot" überleitet. Das ohnehin fantastische Stück beginnt zunächst fast vertraut, mündet dann in einen minimalistischen Techno-Rausch, windet sich ein paar Mal um sich selbst, um die verstörten Anwesenden mit Refrain und Gitarrenfinale wieder mit in die Realität zu nehmen. Gänsehaut.
Live-Veröffentlichungen per se haben diese Wirkung nicht so häufig. Wer allerdings in den letzten Jahren einmal in den Genuss eines The-Notwist-Konzerts kam, der ist nicht überrascht, dass gerade die Weilheimer Indie-Institution ein solches Monster von Live-Album wie "Superheroes, ghostvillains + stuff" geschaffen hat. Klar, der musikalische Maßanzug der Mannen um die Gebrüder Acher sitzt – besonders in der aktuellen Besetzung mit Max Punktezahl (Gitarre), Karl Refseth (Vibraphon) und Christoph Beck (Elektronik, Keyboard). Ob psychedelisch, poppig, jazzig-progressiv, indie-rockig oder elektronisch: The Notwist können alles tragen. Und so scheint es die absolut beste Idee, all die Facetten ihrer Karriere in einer fesselnden Momentaufnahme festzuzurren: Man darf dieses Album beinahe als Best-of-Release ansehen, nur eben live.
"Superheroes, ghostvillains + stuff" ist der Mitschnitt des Leipziger Konzerts aus dem Dezember 2015. Und als Nicht-Anwesender dieses Abends kann man nur froh sein, dass man dem Spektakel nun im Nachhinein beiwohnen kann. Wie die Höreindrücke eingangs bereits andeuteten: Die spezielle DNA ihrer Songs erhalten Acher und Co. zumeist aufrecht, lassen gleichzeitig aber doch kaum einen Stein auf dem anderen. Andauernd zuckt es, pluckert es, hier grätscht ein Synthesizer rein, dort schreddert eine Gitarre unversehens in ein paar wummernde Beats hinein, oder rutscht aus auf den vielen flirrenden Keyboard-Flächen. Durch intelligente Verzahnung und perfektes Zusammenspiel der Musiker jedoch gelingt es, selbst vermeintlich unlogische Set-Abfolgen erstrahlen zu lassen. Wie etwa das Wagnis, gleich zum Auftakt dem sphärischen "They follow me" das avangardistisch-krautige Elektro-Biest "Close to the glass" in den Nacken zu stellen.
Als Hörer ist man mitunter zunächst leicht angestrengt, denn selbst ein Hit wie "Kong" vom jüngsten Album "Close to the glass" umarmt zunächst nicht, muss sich in der Sound-Wucht erst zurechtfinden. The Notwist fordern. Doch alsbald versinkt man mit ihnen in den Kompositionen, vertraut sich der eigenwilligen, aber auf den Punkt gebrachten Darbietung an. Spätestens das Sample des hypnotischen "Into another tune" vermag es, die anwesenden Beine und Becken in ekstatisches Zucken zu versetzen, und bald schon wägt man sich mittendrin in einem Minimal-DJ-Set. Selbst das ruhige "Trashing days" kann sich dem elektrisierenden Sog nicht entziehen, wird nach vier Minuten unter Strom gesetzt, ähnlich wie "Run run run" gegen Ende loszurrt und fast implodiert. Der Kontrast jedoch ist The Notwists Zauberformel: Quittiert mit einem regelrechten Aufschrei der Menge, wenn im unzerstörbaren "One with the freaks" nach 2:37 Minuten die E-Gitarre einsetzt. Dass sich die Härchen beim in jeder Klanglage majestätisch schönen "Consequence" wie von selbst aufstellen? Müßig zu erwähnen.
Auch "Gloomy planets" sorgt für willkommene Abwechslung. Im Vergleich zur Albumversion legt das Stück an Glanz zu, schwingt sich über tolle Harmonien im Mittelteil hinüber in Richtung Finale, wo es Gitarrenwände aufschichtet und in einem Schlagzeuginferno badet. Einziger Song aus der prä-"Neon golden"-Ära ist übrigens das polternde Kleinod "One dark love poem", mit dem man sich vorzüglich an die schnodderige Noise-Zeit der Truppe Anfang der 90er-Jahre zurückerinnert. Was The Notwist auch drehen und wenden – es passt einfach unglaublich gut. "Superheroes, ghostvillains + stuff" ist nicht nur das Zeugnis einer famosen Live-Darbietung, nein, hier verschmilzt Vieles, was The Notwist bis dato in ihrem Sound-Kosmos gedeihen ließen, zu einer leuchtenden Symbiose aus Musik, Zeit und Raum. Und nachdem "Gone gone gone" uns entlassen hat, nehmen wir die linke Hand, führen die Kinnlade wieder langsam nach oben. Und schnappen nach Luft.
Highlights
- Into another tune
- One with the freaks
- One dark love poem
- Gloomy planets
- Neon golden
- Pilot
- Consequence
Tracklist
- They follow me
- Close to the glass
- Kong
- Into another tune
- Pick up the phone
- One with the freaks
- This room
- One dark love poem
- Trashing days
- Gloomy planets
- Run run run
- Gravity
- Neon golden
- Pilot
- Consequence
- Gone gone gone
Gesamtspielzeit: 99:57 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
| User | Beitrag |
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fakeboy Postings: 6768 Registriert seit 21.08.2019 |
2026-04-30 00:02:37 Uhr
Ich wünschte mir nachwievor noch ein, zwei ältere Songs auf dem Album. Z.B. Chemicals und Puzzle... Und vor allem wünsche ich mir nach der laufenden Tour ein neues Live-Album, denn die letzten beiden Alben haben das Notwist-Repertoire schon nochmals gehörig aufgemischt und bereichert. |
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 37172 Registriert seit 07.06.2013 |
2026-04-29 22:31:36 Uhr
Die "Live at Red Rocks '22" z.B. würde ich da schon auf gleicher Höhe sehenJa, die zwei sind absolute Meilensteine der Livegeschichte. |
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Gomes21 Postings: 6216 Registriert seit 20.06.2013 |
2026-04-29 06:24:49 Uhr
Besser geht nicht! |
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Mayakhedive Postings: 2831 Registriert seit 16.08.2017 |
2026-04-29 05:53:47 Uhr
Die "Live at Red Rocks '22" z.B. würde ich da schon auf gleicher Höhe sehen, die geht halt nur in der Flut der - meiste ebenfalls geilen - KGLW-Live-Alben irgendwie unter. Aber ja, besser geht's im Grunde wirklich nicht. |
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The MACHINA of God User und Moderator Postings: 37172 Registriert seit 07.06.2013 |
2026-04-28 23:41:24 Uhr
Ja. |
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Referenzen
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