Klimt 1918 - Sentimentale Jugend

Klimt 1918- Sentimentale Jugend

Prophecy / Soulfood
VÖ: 02.12.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schönheit 2016

Musik. Allein das Wort sorgt vielerorts für ein Lächeln im Gesicht. Und das nicht erst seit kurzem – seit jeher ruft Musik dieses gewisse Kribbeln im Bauch hervor. Schwitzige Hände, rasende Herzen, nickende oder gar sich schüttelnde Köpfe, feuchte Augen, springende Beine – die Reaktionen gehen oftmals durch den ganzen Körper. Und auch im womöglich nicht vollends fantastischen, aber mindestens spannenden Musikjahr 2016 gab es diese Momente. Manchmal reichte es gar, wenn sich alte, fast schon abgeschriebene Helden auch nur ankündigten.

Diese Reaktion glich jedenfalls einem Aufatmen: Da ließen die Italiener von Klimt 1918, deren letztes Album "Just in case we'll never meet again (Soundtrack for the cassette generation)" 2008 erschien, ihre Hörer seit gut einem halben Jahrzehnt mit vagen Info-Häppchen am ausgestreckten Arm verhungern – nur um sich auf der Zielgeraden noch für einen Platz in den Jahreslisten 2016 zu bewerben. Und obgleich das Cover des lange angekündigten Doppelalbums "Sentimentale Jugend" eine nasskalte Atmosphäre zu vermitteln versucht, sorgen die insgesamt 19 Stücke zumindest klanglich für einen goldenen Spätherbst.

Es wird schnell klar: Auf "Sentimentale Jugend", das nach dem gemeinsamen Musikprojekt von Alexander Hacke (von Einstürzende Neubauten) und Christiane F. (vom Bahnhof Zoo) benannt wurde, kommt die wahre Schönheit von innen. Natürlich gibt es geradezu offensichtliche Lichtblicke: Die Neu-Interpretation von "Take my breath away" öffnet die Tür mit seinem reduzierten, verhuschten Beginn zunächst nur zögerlich und fällt anschließend mit ihr und seinem verstrahlt-shoegazigen Finale einfach ins Haus. Die gleich doppelte Berlin-Referenz ist beabsichtigt: Klimt 1918 ließen sich bei den Aufnahmen unter anderem von David Bowies Hauptstadt-Trilogie aus "Low", "Heroes" und "Lodger" inspirieren.

Im besten Sinne revolutionär präsentiert sich auch die Vorab-Single "Comandante": Üppig produziert, ausladend, maßlos – das Quartett aus Rom setzt auf seinem fünften Album noch mehr denn je auf imposante Instrumenierung und große Gesten. Selbst vermeintlich zurückhaltendere Songs wie das herzzerreißende "Once we were" oder auch die nachhallende Post-Rock-Nummer "It was to be" brechen früher oder später aus sich heraus und servieren ihre Intensität auf einem Silbertablett. "Sentimentale", der Titeltrack der ersten CD, geht einen anderen Weg und hält sich nicht lange mit Höflichkeiten auf. Zwischen Post-Punk, Dream-Pop und Indie-Rock nimmt er stattdessen mehr und mehr Fahrt auf, bis an irgendeine Form von Steuerung ohnehin nicht mehr zu denken ist.

"Jugend", die zweite CD, lässt sich davon mitnichten beeindrucken. Hier offenbart sich die Schönheit jedoch erst, wenn man den Blickwinkel ändert: Das Donnerwetter von "Fracture" scheint mit fast sechseinhalb Minuten Spielzeit zunächst fast zu lang, um die Stimmung wirklich halten zu können, bohrt sich aber doch nachhaltig ins Ohr. Das brachiale Schlachtschiff "Resig-nation" gönnt sich selbst sogar mitten im Gefecht die eine oder andere Verschnaufpause, schafft aber jedesmal wieder den Kaltstart – und der hektische Math-Rock von "Sant'Angelo (The sound & the fury)" macht seinem Klammerzusatz alle Ehre. Mit dem knappen Zehnminüter "Stupenda e misera città", der neben Post-Rock-Elementen vor allem mit einem Spoken-Word-Vortrag von Pier Paolo Pasolinis Gedicht "Le ceneri di Gramsci" aufzutrumpfen weiß, setzen Klimt 1918 nicht nur ihrem heißersehnten Album die Krone auf, sondern tanzen einmal mehr den schmalen Grat zwischen Hell und Dunkel entlang. Sie haben einfach recht, diese Italiener: La vita è bella.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Comandante
  • Once we were
  • Sentimentale
  • Fracture
  • Resig-nation
  • Stupenda e misera città

Tracklist

  • CD 1
    1. Montecristo
    2. Comandante
    3. La notte
    4. It was to be
    5. Belvedere
    6. Once we were
    7. Take my breath away
    8. Sentimentale
    9. Gaza youth (Exist / resist)
  • CD 2
    1. Nostalghia
    2. Fracture
    3. Ciudad Lineal
    4. Sant'Angelo (The sound & the fury)
    5. Unemployed & dreamrunner
    6. The hunger strike
    7. Resig-nation
    8. Caelum stellatum
    9. Juvenile
    10. Stupenda e misera città

Gesamtspielzeit: 106:51 min.

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User Beitrag
Donti
2017-04-21 20:04:59 Uhr
Die beiden Alben unterscheiden sich schon etwas. Die Sentimentale is eigentlich reiner Shoegaze, die Jugend etwas abwechslungsreicher und eingängiger. Ich find die Sentimentale besser.
Pivo
2017-04-21 12:46:37 Uhr
Okay, danke... Dann bin ich a) beruhigt und b) mit noch mehr Spannung gefüllt.... Meine Befürchtung war, dass so circa 19 Songs drauf sind die alle mehr oder weniger nach "Commandante" klingen.... Ist zwar ein starker Song, aber 19x am Stück dann doch ermüdend bei 100 Minuten Albumlänge...

Gomes21

Postings: 758

Registriert seit 20.06.2013

2017-04-21 12:18:01 Uhr
bei mir hat sie auch erst vor kurzem so richtig Gezündet 9,5/10
Donti
2017-04-21 12:13:40 Uhr
Läuft bei mir inzwischen seit 5 Tagen in Dauerrotation. Einfach nur geil, auch jetzt im Frühling. 9,5/10

Gomes21

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Registriert seit 20.06.2013

2017-04-21 11:45:58 Uhr
dito
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