Bohren & Der Club Of Gore - Bohren for beginners

Bohren & Der Club Of Gore- Bohren for beginners

PIAS / Rough Trade
VÖ: 21.10.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Dunkel schlägt die Nacht

Christiaan Huygens spürte mutmaßlich als erster Mensch dieses Gefühl der Beklemmung und Ratlosigkeit. Der niederländische Mathematiker hatte sich in seinem Leben mit dem Trägheitsprinzip, dem Universum und dem Licht befasst – allerdings machte er eine seiner kuriosesten Entdeckungen, als er im Februar 1665 krank im Bett lag. Denn die Pendeluhren in seinem Zimmer liefen genau gleich. Erreichte das Pendel der einen Uhr ihren höchsten Punkt, stand das Pendel der anderen Uhr am Umkehrpunkt. Er hielt das für Zufall, brachte die Uhren aus dem Takt. Doch kurz darauf schlugen sie wieder im Gleichklang. Wie sollte auf diese Zeit nur Verlass sein?

351 Jahre später: ein rotes Album, wieder das Gefühl, zwischen die Minuten gefallen zu sein, dem Mahlstrom der Zeit zu lauschen. Bohren & Der Club Of Gore, die bekannteste unbekannte Band Deutschlands, die sich im bekanntesten unbekannten Genre der Welt bewegt, reduziert ihr Werk für "Bohren for beginners" auf einsteigerfreundliche 17 Songs. Zwei Platten, gefüllt mit Dunkelheit und Saxophon. Es stellt sich jedoch die Frage: Funktioniert das? Denn Bohren & Der Club Of Gore bauten ihren Werken des brachialen Stillstands stets eine eigene Unruhe ein, die den eigenen Takt vorgab, das innere Leben der Alben bestimmte. Ihre Songs auf "Black Earth" waren das Knarren der Wurzeln beim Wachsen im Boden des düstersten Waldes, die Stücke auf "Sunset mission" die aufgekehrten Töne der Morgenstunden, die nach einer langen Nacht zurückblieben. Doch es fügt sich, jeder Schlag im Rhythmus sitzt an der richtigen Stelle, alles passt zusammen.

Allerdings klammern Bohren & Der Club Of Gore für diese Zusammenstellung ihr Frühwerk fast gänzlich aus. Erst an den letzten beiden Positionen der zweiten Platte stehen "Titel 2" und "Dandys lungern durch die Nacht". Aber vielleicht ließ sich aus „Midnight radio“ kein anderer Song für diese Zusammenstellung abzwacken – zu sperrig, zu geschlossen war dieses Album. Und das will bei der Band aus Mülheim an der Ruhr was heißen. "Dandys lungern durch die Nacht" bildet dann das Verbindungsstück zwischen der einstigen Hardcore-Truppe, die sich aus Langeweile von ihrem Sound löst, um mal eben den Horror-Jazz zu erfinden.

Mit "Der Angler" gibt es ein neues Stück, das sich bereits wieder von der Stimmung des letzten Albums "Piano nights" entfernt. Ein paar karge Gitarrensaiten geben die Richtung vor, der Rhythmus manifestiert sich deutlicher. Das ist eher wieder beim Sound von "Dolores". Ebenfalls auf der Habenseite: zwei Tracks von der grandiosen "Beileid"-EP, darunter "Catch my heart", das einzige Bohren-Stück mit Vocals – eingesungen von Mike Patton. Wer trotzdem etwas bekritteln mag, darf das Fehlen von "The art of coffins" und "Dead end angels" bemängeln.

Doch trotzdem stellt sich der gleiche Effekt wie bei allen Alben der Band ein: Das schwarze Loch dreht sich unaufhaltsam im Uhrzeigersinn, so langsam, dass es der Mensch nicht einmal spürt, sondern nur weiß, dass es sich dreht. Die Zeit verkommt zum losen Netz über dem Raum. Die Langsamkeit schlägt mit jedem Takt unfairer zu. Wenn dieses Album läuft, bleiben die Uhren nicht stehen, sondern nehmen seinen Rhythmus, seine Dunkelheit an. Ob Christiaan Huygens dieser Sound gefallen hätte? In den letzten Jahrem seines Lebens beschäftigte er sich mit der Musiktheorie, konnte das Haus aufgrund seines Gesundheitszustands kaum verlassen. Er starb 1695 unverheiratet und kinderlos. Es ist nicht auszuschließen, dass er in den letzten Takten seines Lebens im Nichts einen Ton gehört hat, den eine Band aus Mülheim in knapp 350 Jahren wieder aufgreifen sollte.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Prowler
  • Maximum black
  • Kleiner Finger
  • Catch my heart
  • Der Angler

Tracklist

  • CD 1
    1. Karin
    2. Prowler
    3. Constant fear
    4. Maximum black
    5. Ganz leise kommt die Nacht
    6. Unrasiert
    7. Still am Tresen
    8. Black city skyline
    9. Kleiner Finger
    10. Zombies never die
  • CD 2
    1. Daumen
    2. Catch my heart
    3. Mitleid lady
    4. Der Angler
    5. Schwarze Biene (Black Maja)
    6. Titel 2
    7. Dandys lungern durch die Nacht

Gesamtspielzeit: 126:59 min.

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Gomes21

Postings: 2905

Registriert seit 20.06.2013

2017-02-27 22:48:47 Uhr
Fantastisches Konzert heute in Bochum!
Elan
2016-12-02 09:01:52 Uhr
Boring & Der Club Of Bore...mehr gibt es zu dieser Laschzock Kombo nicht zu sagen. Wirkt besser als jedes Schalfmittel.

Armin

Postings: 14505

Registriert seit 08.01.2012

2016-11-30 23:16:03 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

dreamweb

Postings: 120

Registriert seit 14.06.2013

2016-10-21 17:18:37 Uhr
Neues Lied: "Der Angler"
http://www.youtube.com/watch?v=TrQkz_vL0B4
Fiep()
2016-10-07 14:31:47 Uhr
Is hier der erste April? Bohren mit nem Best of? Am besten noch als "Greatest Hits" bezeichnen... find ich fast schon amüsant abwegig das ganze.

Aber he, Sunset Mission auf Vinyl alleine ist hat schon was , dann noch ne kleine tour? jupie. =D
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