Marching Church - Telling it like it is

Marching Church- Telling it like it is

Sacred Bones / Cargo
VÖ: 28.10.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Hallo wach!

Elias Bender Rønnenfelt sieht grundsätzlich aus, als sei er mindestens drei Tage wach. Etwa auf dem Cover des neuen Albums seiner kleinen Supergroup Marching Church, bei der unter anderem die dänischen Landsleute von den aufgelösten Post-Punks Lower ein neues Zuhause fanden. Das Motiv zeigt Rønnenfelt eigenen Angaben zufolge in seinem Lieblings-Gay-Club in Kopenhagen, und man könnte in der Tat argwöhnen, der Mann sei schon eine Ewigkeit unterwegs. Nach dem großartigen Debüt "This world is not enough", das somnambul Nick-Cave-Artiges mit zerfetztem Soul und vom Glauben abfallendem Gospel gekoppelt hatte, kamen dem Hörer die überlangen Freejazz-Drones der folgenden EP "Coming down" zuweilen ähnlich endlos vor – und Spuren davon finden sich auf "Telling it like it is" noch in "Let it come down", das den Marching-Church-Zweitling als sumpfiger Torch-Song eröffnet. Runterkommen gilt hier allerdings nicht: Es geht erst richtig los.

Im trefflich betitelten "Up for days" wandelt Rønnenfelt anschließend nämlich nicht nur zwischen Tag und Nacht, sondern auch zwischen Verzweiflung und Euphorie, rohem Punkrock und filigranem Streicher-Arrangement, Gosse und Sternen. Als würden Marching Church den kürzlich verblichenen Leonard Cohen aus dem Reich der Toten zurückholen, noch ohne zu wissen, dass das überhaupt nötig ist, den jungen Peter Doherty in einer abgeranzten Entzugsklinik auf Wasser und Brot setzen oder als hätte Scott Walker in den Sechzigern "The sun ain't gonna shine anymore" auf Schweinehälfte, Furzgenerator und Hauskatze eingespielt. Mit dem Enfant Terrible der Libertines eint Rønnenfelt dabei vor allem ein wüst verzweifelter Weltschmerz, während der Däne Dohertys Hang zur Selbstzerstörung jedoch musikalisch wie inhaltlich mit Scharfsinn und Präzision kontrastiert. Und auch "Telling it like it is" jagt erneut listig jede Menge popmusikalische Querverweise durchs gleißende Neonlicht.

Selbst in "Heart of life", einem trotzigen Gassenhauer von "Don't look back into the sun"-Format, klagt Rønnenfelt, er befinde sich "in some bizarre theatre of loneliness, fist-fucked by destiny" – und will eigentlich doch nirgendwo anders hin. Ein Stück, das auch der weniger krachbeflissenen Seite seiner Hauptband Iceage hervorragend zu Gesicht stünde – und zugleich die fiebrige Bestandsaufnahme eines aus den Fugen geratenen Innenlebens angesichts einer unruhig flackernden Außenwelt. "Lion's den" schwitzt mit klirrendem Western-Groove und Mundharmonika-Reverbs aus jeder Pore Gorillaz' "Clint Eastwood", Rønnenfelt halluziniert im Falsett vom Fressen und Gefressenwerden – ein planvolles psychedelisches Chaos, das nur scheinbar eine kurze Verschnaufpause markiert, nachdem "Inner city pigeon" zuvor die Vogelschar immer wieder mit böse grollenden Bass-Eruptionen aufgescheucht hat. Und spätestens an diesem Punkt wird klar: So greifbar und ausformuliert hat man Marching Church bisher nicht gehört.

Auch in der Folge sorgen dubbiges Gedröhne und rollende Rhythmusschlaufen für gehörig Aufruhr – nebst wütender Stakkato-Eruptionen aus der Gitarre beim aggressiven "2016" oder dem taumelnden "Information", wo Rønnenfelt fast auf dem letzten Loch pfeift: "Information's coming / Through every boy and girl." Eine Zeile, vor deren Hintergrund der Titel "Telling it like it is" beinahe wie eine sarkastische Zuspitzung wirkt: Wenn einem aus jedem Smartphone und jedem Tablet eine andere Wahrheit entgegenplärrt, ist das postfaktische Zeitalter nicht mehr bloß ein Schreckgespenst aus den Gehirnwirrungen populistischer Aluhut-Träger, sondern liebgewonnene Gewohnheit williger Medienjunkies. Öfter mal was Neues halt. Doch wenigstens Rønnenfelt sagt, wie's ist und bleibt trotz gelegentlicher Verpeiltheit souveräner Zeremonienmeister einer zerbeulten Realität: panisch begreifendes Bewusstsein statt superintelligentes Drogenopfer. Runterkommen? Nach einem fantastischen Album wie diesem kaum möglich.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Up for days
  • Heart of life
  • Lion's den
  • Information

Tracklist

  1. Let it come down
  2. Up for days
  3. Heart of life
  4. Inner city pigeon
  5. Lion's den
  6. Florida breeze
  7. 2016
  8. Achilles' heel
  9. Information
  10. Calenture

Gesamtspielzeit: 45:26 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-11-23 20:46:58 Uhr
Frisch rezensiert.

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