Avenged Sevenfold - The stage

Avenged Sevenfold- The stage

Capitol / Universal
VÖ: 28.10.2016

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Metal nach Zahlen

Könnte dem Griffbrettbohrer mal bitte jemand den Saft abdrehen? Eine ganze drei viertel Feuerzeugballade haben Avenged Sevenfold vorgebaggert, sich mit Schmuse-Pickings und Samenzieher-Akkorden in Richtung Höhepunkt vorgetastet. Sänger M. Shadows durfte sich ungebremst als Layne-Staley-Imitator versuchen, um im Countdown zum Chorus alle Fallhöhen und Oktaven zu ignorieren wie sein Idol Bruce Dickinson. Und jetzt, zum Showdown, legt er die Käsefüße hoch, tritt aus dem Rampensaulicht und lässt seinen Kollegen an der Leadgitarre drauflosgniedeln, wie sich das Rudi "Scorpions" Schenker zu seinen unerträglichsten Zeiten nicht traute. In all das rülpsen Cellos rein, aus dem Hintergrund müsste der Chor schießen, steigert mit seinem "Ooooh" und "Aaaah" den brühwarmen Schwulst aber ins Fortissimo con grande merde. "Roman sky" haben Avenged Sevenfolds das alles betitelt. Dabei klingt es eher nach Hölle als nach Himmel, um ehrlich zu sein. Eine Ewigkeit geht das so, man hätte in der Zwischenzeit etwas Sinnvolles tun können. Etwa ein Rührei mit Schinken auf einem heißgelaufenen Auspuffrohr braten – oder flüchten. Zugegeben: "Roman sky" ist fast das einzige Stück an verschreibungspflichtigem Pudelfrisösen-, Mopedfahrer- und Feuerzeugschwenker-Metal, den sich Avenged Sevenfold hier leisten. Trotzdem bleibt der Beziehungsstatus zwischen ihrer Platte "The stage" und Metal-Hammer-Abonennten kompliziert. Sie hätten sich nicht mal darauf vorbereiten können.

"The stage" erschien fast aus dem Nichts. Kein Vorab-Hype, der dem Gedöns um das nächste Star-Wars-Spinoff den Rang ablaufen könnte, kein Werbe-Marathon, nichts. Avenged Sevenfold enthüllten "The stage" auf einer Show, die sie live auf ihrer Facebook-Seite streamten. Das erste Stück an klassischer Promotion hört ebenso auf den Namen "The stage" und ist ein mittlerweile millionenfach geklickter Videoclip zur Albumnummer gleichen Namens. Eine, die unfallfrei den Bogen zwischen Stadionmetal und Luftgitarren-Schlössern spannt, die so ausladend wie die Hüften von Kim Kardashian sind. Überhaupt der Umfang: Mit Zahlen ist "The stage" nicht beizukommen. Wenn der vorletzte Track "Fermi paradox" seine mindestens achtzig XXL-Gitarrenspuren gleichzeitig in den Fadeout schaltet, haben wir bis dahin: mindestens 34 zerlegte Trommeln gezählt. Uns mehr Gitarrenlicks gegeben, als jemals in eine Edition "Rock Band" auf unseren PlayStations passen würden. Und uns während mindestens einer Million dazwischengeschalteter Thrashmetal-Riffs die Haare durchschütteln lassen. Zehn Songs sind bis dahin durchgelaufen, der längste in der Tradition alter Metallica-Instrumentals und King-Crimson-Abfahrten kommt erst noch. Am Ende stehen mehr beunruhigende Minuten Spielzeit auf der Uhr als bei manchem Abstiegskracher des VfB Stuttgart. Sehr viel mehr geht nicht, rein quantitativ, versteht sich.

Auch technisch ist "The stage" für Lagerfeuer-Gitarristen eine deprimierende Grenzerfahrung: Die Tonleitern, die Flitzefinger Synyster Gates im Thrash-Störfeuer "Paradigm" rauf- und runterklettert und dabei selten im Dunkeln tappt, sie sind im Abendkurs für Luftgitarre nicht zu stemmen. Später kommt auch noch Gates' Papa Brian Haner dazu, ein Comedian und Sessionmusiker, dem schon Frank Zappa ein Honorargeld wert war – verdammt! Trotzdem bleibt es bemerkenswert, wie viel Stückwerk in "The stage" enthalten ist. In jeder einzelnen Nummer stecken mehr Melodien als in einem Werbeblock mit Klingeltonwerbung. Aber immer wieder können sich Avenged Sevenfold nicht entscheiden, wo Anfang und wo Ende ist. Halbe Nummern wie "Creating god" tönen wie B-Seiten aus "...and justice for all"- und "Dirt"-Sessions, wie Nachholmusik für Zu-spät-Geborene. Hinter vielen geilen Riffs lauert ein Abtörner und Bauerntrick. Etwa, wenn der Hauptteil von "Sunny disposition" immer wieder genrefremde Saxophone aufblasen lässt, um einen lahmen Groove zu kaschieren, der sich wie ein Zombie-Kadaver durch die Takte schleppt. Ihr Sänger M. Shadows ist die Personifizierung dieser Platte. Er ist Anheizer und Schmusekater, Brüllwürfel und der Mann, der die Vokale neben seinen Idolen von Alice In Chains bis Iron Maiden am längsten dehnt; und von allem oft ein bisschen zu viel. Ein Konzeptalbum über Künstliche Intelligenz ist "The stage" übrigens sowieso. Auch das noch!

(Sven Cadario)

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Highlights

  • The stage
  • Exist

Tracklist

  1. The stage
  2. Paradigm
  3. Sunny disposition
  4. God damn
  5. Creating God
  6. Angels
  7. Simulation
  8. Higher
  9. Roman sky
  10. Fermi paradox
  11. Exist

Gesamtspielzeit: 73:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Markus Kirchler
2017-03-05 15:09:04 Uhr
Sorry Sven Cadario, aber ich muss Ihnen da heftigst widersprechen. Avenged Sevenfold und insbesondere ihr Album "The stage" sind innerhalb des Mainstreams eine absolute Ausnahme in Punkto Talent und der Qualität des Songwritings. In Zeiten, in denen Metallica sich mangels neuer Ideen mehr und mehr auf die guten alten Tage besinnen (und dabei mit langweiligsten Monotonriffs ein extremst mieser Abklatsch ihrer selbst sind), werden Avenged Sevenfold von Album zu Album immer experimentierfreudiger und besser. Was ist denn z.B. verkehrt daran, Arrangements mit Begleitungen von Bläsern zu erstellen? Das was Sie an dieser Platte nicht verstehen, Herr Cadario, nennt man wahres Talent abseits des mittlerweile leider schon gewohnten Massenmülls.

MasterOfDisaster69

Postings: 373

Registriert seit 19.05.2014

2017-01-25 17:10:43 Uhr
Die Rezension ist wirklich genial, hat schon Unterhaltungswert, auch wenn einem das Album und die Band / Musik gar nicht interessiert...
Toxia
2017-01-17 07:32:42 Uhr
Sven:
Für Fans klarer Worte & Wortwitz findest Du Wortbilder von solch gewaltiger, gleißender Klarheit, die mit sezierender Ironie auch noch in den letzten Albumwinkel scheinen, dass es nur so knallt! Ein ohrenbetäubender Leseschmaus :-))

Spiegelwesen

Postings: 1

Registriert seit 08.12.2016

2016-12-08 15:37:11 Uhr
Ich finde das Album nicht hervorragend, aber auch nicht schlecht. Exist, Higher, Fermi Paradox oder Sunny Disposition sind ganz interessante Lieder. Klarer Ausfall für mich ist Creating God. Andere Lieder haben auch einige Höhepunkte.

Was mir manchmal missfällt, dass das Vocal von M. Shadows nicht richtig in die Songstrukturen passt. Aber OK, jeder hat Recht auf künstlerische Experimente.Von meiner Seite 8/10.
Finde den Fehler
2016-11-24 18:43:44 Uhr
schwache voruteilsbehaftete Rezension [...] deutlich dass der Reviewer die Band nicht ausstehen kann

vs

den 7/10 Bruno Mars Scheiss oder den 5/10 Side Dreck
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