A Tribe Called Quest - We got it from here... Thank you 4 your service

A Tribe Called Quest- We got it from here... Thank you 4 your service

Epic / Sony
VÖ: 02.12.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Äpfel und Orangen

Von 1998 bis 2016: 18 Jahre sind vergangen, seit A Tribe Called Quest ihr vermeintlich letztes Album "The love movement" veröffentlicht haben. Und auch wenn eigentlich alles anders kommen sollte – alles anders sein sollte –, könnte der Zeitpunkt für ein Comeback für ihre Anhänger doch kaum noch besser sein. Nach jahrelangen internen Unstimmigkeiten fand die Band am 13. November 2015 in der von Jimmy Fallon moderierten "Tonight show" zusammen – und entschied sich, geschockt von den schrecklichen Ereignissen in Paris am gleichen Abend, zu einem neuen Album. Das neue Gemeinschafts-Idyll erlitt aber alsbald einen herben Rückschlag: Noch vor dem endgültigen Abschluss der Aufnahmen verstarb Gründungsmitglied Phife Dawg am 22. März 2016 im Alter von gerade mal 45 Jahren an den Folgen seiner Diabetes-Erkrankung.

Fast forward, knapp neun Monate später: Während die eine Hälfte der USA eine in ihrer Intensität schon irritierende Angst vor der ausländischen, speziell aber schwarzen Bevölkerung hat, fürchtet die andere Hälfte die orangefarbene Schreckensfigur an der obersten Stufe zur Macht. Dass "We got it from here... Thank you 4 your service" pünktlich zur Wahl des professionellen Angstmachers und Aggressors Donald Trump zum nächsten Präsidenten der USA auf den Markt kommen würde, schien außerhalb jeglichen möglichen Rahmens zu sein. Das von Phife Dawg benannte sechste und finale Album der New Yorker ist, im weitesten Sinne, die Rückkehr des "Love movement" und nicht nur aufgrund der weltpolitischen, sondern auch der emotionalen Umstände bitter nötig. A Tribe Called Quest schüren hier keine Angst. Q-Tip, das extra zurückgekehrte Ur-Mitglied Jarobi White, Ali Shaheed Muhammad und Phife Dawg, der hier noch quicklebendig, bärenstark und mit gewohnter Wortgewandtheit am Mikrofon zu hören ist, vermitteln Hoffnung. Sie rufen nicht den Notstand aus, sondern zur Einheit auf.

Über ein Vierteljahrhundert nachdem ihr Debütalbum "People's instinctive travels and the paths of rhythm" mit ewigen Klassikern wie "Bonita Applebum" und "Can I kick it?" den Weg für Alternative- und Conscious-Rapper ebnete, nehmen A Tribe Called Quest das Ruder also wieder selbst in die Hand. Der Vergleich zu gegenwärtigen HipHop-Helden wie Kendrick Lamar oder auch Kanye West liegt auf der Hand und ist doch unnötig: Die vier Herren rappen und musizieren wie eh und je in ihrer eigenen Welt. In dieser dürfen die Nachfolger höchstens ein wenig mitmischen. So misst sich Lamar in "Conrad Tokyo" mit Phife Dawgs Wortwitz und Bissigkeit und gibt zu dessen smoothem Flow eine kampfhundartige Attacke ab: Wütend spuckt der 29-Jährige seinen Senf zur politischen Lage der USA auf den Goldteller des Establishments und macht auch nicht vor der Ignoranz und Engstirnigkeit des Volkes Halt. West teilt sich hingegen in "The killing season" mit den Gästen Consequence und dem unverkennbaren Talib Kweli das Gast-Mikro, belässt es aber bei der sich wiederholenden Zeile "They sold ya." Die phonetische Ähnlichkeit zu Begriffen wie "soul" und "soldier" wurde dabei sicher nicht zufällig gewählt.

Obwohl die Feature-Liste mit solch illustren Namen durchaus interessant ist, sind A Tribe Called Quest mitnichten auf sie angewiesen: Sowohl Q-Tip, der sich in den letzten Jahren klammheimlich als einer der spannendsten und verlässlichsten Produzenten etabliert hat und auch hier an den Reglern sowie hinter diversen Instrumenten saß, als auch Phife Dawg wissen um ihre Stärken. So beißt sich die grandiose Single "We the people..." nicht nur dank ihres astreinen Beats fest, sondern auch wegen des kontrastreichen Wechselspiels ihrer beiden Protagonisten. "VH1 has a show that you can waste your time with / Guilty pleasures take the edge off reality / And for a salary I'd probably do that shit sporadically", rümpft Q-Tip noch die Nase, bevor sein Partner losfegt: "You bastards overlooking street art / Better yet, street smarts but you keep us off the charts / So motherfuck your numbers and your statisticians / Fuck y'all know about true competition?" Im Refrain setzt das Duo dann mal eben Schwarze, Mexikaner, Arme, Moslems und Homosexuelle vor die Tür – nicht der einzige mittelfingerzeigende Wink in die Richtung der Trump-Anhänger.

"The Donald" bildet jedoch, anders als es der Titel suggeriert, keinen solchen Wink: Der von Busta Rhymes und Katia Cadet unterstützte Abschlusstrack markiert, in Anlehnung an seinen Spitznamen "Don Juice", eine Hommage an Phife Dawg. Es ist nicht die einzige Überraschung auf dem Album: Das sanft groovende "Melatonin" bietet Jack Whites Gitarrenspiel eine angemessene Plattform, der zudem in "Solid wall of sound" nebst Elton John zu hören ist. Anderson Paak gelingt es hingegen fast, seine Kameraden im elektrifizierten Funk von "Movin backwards" die Show zu stehlen, und Outkasts André 3000 schlängelt und schlägt sich mit aller Geschmeidigkeit und Geisteskraft durch das aufrührerische "Kids...". "We got it from here... Thank you 4 your service" mag als Comeback von vier Freunden, die sich seit ihrer Kindheit kennen, gestartet haben. Und es mag nebenbei spielerisch zum ersten Protestalbum gegen den 45. Präsidenten der USA und seiner Schergen geworden sein. Im Kern ist und bleibt es aber ein Vermächtnis, eine Huldigung auf die Freundschaft und auf jene, die das Leben in all seinen Sonnen- und Schattenseiten nicht mehr miterleben dürfen. A Tribe Called Quest haben dieses Album gebraucht – ihre Hörer wohl aber noch etwas mehr.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • We the people...
  • Kids...
  • Lost somebody
  • Movin backwards
  • Conrad Tokyo

Tracklist

  1. The space program
  2. We the people...
  3. Whateva will be
  4. Solid wall of sound
  5. Dis generation
  6. Kids...
  7. Melatonin
  8. Enough!!
  9. Mobius
  10. Black spasmodic
  11. The killing season
  12. Lost somebody
  13. Movin backwards
  14. Conrad Tokyo
  15. Ego
  16. The Donald

Gesamtspielzeit: 60:19 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
pimperle butterfliege
2016-12-19 01:51:17 Uhr
tolles album. nichts für trappige autotune-idioten. nach den ganzen peinlichen lilgucciuzipoochieschießemichtotspinnern tut dieses album recht gut.
zweite hälfte schwächelt zwar etwas und busta rhymes geht einem wie gewohnt auf den sack, aber ansonsten ist es durchgehend stark. der track mit andre3000 ist leider einer der schwächsten. gleichs bei kanye. wenigstens kenny liefert. aber war zu erwarten. hat er eigentlich je ein mieses feature gemacht? und auch wenn viele über paak meckern, ich finde seinen part hier recht genial.

Loketrourak

Postings: 507

Registriert seit 26.06.2013

2016-12-05 18:44:02 Uhr
Ich warte aufs vinyl.
wattestäbchen
2016-12-05 17:13:02 Uhr
Warum so wenig Aufmerksamkeit hier für dieses Album?

Großartige Scheibe mit ganz vielen Highlights und nur zwei etwas schwächeren Songs (Mobius und Black Spasmodic). Q-Tip sticht für mich besonders heraus, klingt so fresh wie nie. 9/10 und für mich sehr wahrscheinlich das Album des Jahres.

MM13

Postings: 1187

Registriert seit 13.06.2013

2016-11-17 19:06:44 Uhr
schöne rezi,habs jetzt ein paar mal durch und sehs so bei 7/10.
gefällt mir zusammen mit de la soul besser als jeder jüngere möchtegern hype rapper.

Armin

Postings: 9242

Registriert seit 08.01.2012

2016-11-16 21:20:52 Uhr
Frisch rezensiert.

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