Worried Man & Worried Boy - Ruhig bleiben

Worried Man & Worried Boy- Ruhig bleiben

Problembär / Rough Trade
VÖ: 14.10.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Es sind alte Männer, die Deine Fehler ausmerzen

Auf der Liste der Personen, die ein junger Mensch eher ungern in seine neu gegründete Band aufnehmen will, steht der eigene Vater wohl zumeist an oberster Stelle. Das gilt selbst dann, wenn der Vater Herbert Janata heißt und eine Ikone des Austropop ist. Wohl deshalb wurde sein Sohn Sebastian Janata erst mal Schlagzeuger der sehr guten Band Ja, Panik. Man kann also sagen, dass Janata junior mittlerweile seine Lässigkeit und künstlerische Selbstständigkeit hinreichend unter Beweis gestellt hat, und so fand letztes Jahr die naheliegende Fusion der Musikalität in der Familie statt, mit einer Neuaufnahme einiger Klassiker von Vaters Band, der Worried Men Skiffle Group. Name des Duos und des Albums: Worried Man & Worried Boy.

Das Sich-Sorgen-Machen spielt auch in vielen der neu komponierten Songs auf der jetzt erschienenen Platte "Ruhig bleiben" eine große Rolle. Die Tracks werden ungefähr je zur Hälfte von Vater oder Sohn vorgetragen, die in ihren Beiträgen deutlich als zwei unterschiedliche Charaktere erkennbar werden. Der Sohn gerät im täglichen Kleinkrieg mit Versagens- und Entscheidungsängsten sowie der eigenen Trägheit leicht aus dem Tritt und bewundert "Die Coolness von den Toten", die sich um all das nicht mehr scheren müssen. Ein ganzes Lied, "Von Gschissn auf Oasch", ist der schreckenerregendsten aller Nächte gewidmet: der zwischen Sonntag und Montag. Da will man sich freuen, dass die allwochenendliche depressive Leere endlich vorüber ist, wenn man sich darüber bewusst wird, dass das Grauen des Montags heimtückisch hinter der Ecke lauert. Der Vater ist schon deutlich gelassener. Er genießt sein häusliches Glück so sehr, dass er schon mal "Bett" auf "nett" reimt. Dafür ist er gegenüber den Ereignissen in der Welt da draußen völlig abgestumpft. Terror, Hunger, Klimawandel: Nichts davon interessiert, solange die Motten seine Kleider in Ruhe lassen und sein "Wiener Schnitzel und a Krügerl Bier" auf dem Tisch stehen.

Stilistisches Hauptmerkmal von "Worried Man & Worried Boy" ist die launige bis vulgäre Sprache, vorgetragen in einem Dialekt, der Uneingeweihten mitunter einiges an Konzentration und Fantasie abverlangt (hiermit entschuldigt sich die Rezensentin für etwaige Fehler in der phonetischen Transkription). Musikalisch ist das ganze genregerecht vorhersehbar gehalten. Bei manchen Liedern ahnt man schon beim ersten Mal Anhören, dass man davon einen tierisch hartnäckigen Ohrwurm bekommen wird. Der schnodderig-schiefe Gesang kommt der Schmerzgrenze bisweilen gefährlich nahe. Aber das ist wohl Absicht: Nicht zu viel feilen, Perfektionismus vermeiden, sodass ein handgemachter und unmittelbarer Sound entsteht. Fans von Ja, Panik werden dieses Album jedenfallt nicht automatisch feiern. Kurz gesagt: Austropop mag man oder eben nicht. Dennoch, etwas mehr Raffinesse abseits eingängiger Rockformeln und schunkeltauglicher Rhythmen hätte manchem Song vielleicht gut getan.

Überhaupt fragt man sich hier oft, wie oberflächlich oder doch kompliziert verschränkt die Lieder des Duos wirklich sind. Handelt es sich um ein paar Geschichten aus dem Leben der Männer unterschiedlichen Alters, oder steht dahinter die generationsübergreifende Diagnose eines Problems? Vielleicht das Verhaften des Individuums in der Passivität, gefangen zwischen einem ungerechten System und der eigenen Unzulänglichkeit? Oder, wie der Mann und der Junge es formulieren: "Wer ist Schuld an meinem Verdrängungsmechanismus? / Wirklich ich selbst oder doch der Scheiß-Kapitalismus?" Und kennen Worried Man & Worried Boy einen Ausweg aus diesem Dilemma? Das einzige Lied, in dem beide Männer zu Wort kommen und das Hinweise auf die Antwort beinhalten könnte, ist gleich das erste und gleichzeitig das optimistischste des Albums. Der Appell in "Frühling" richtet sich an Jung und Alt, Gscheit und Dumm, Reich und Arm: "Stell Dich net so an und schau nach vorn."

(Eva-Maria Walther)

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Highlights

  • Frühling
  • Handkuss
  • Von gschissn auf Oasch

Tracklist

  1. Frühling
  2. Handkuss
  3. Gartenfest
  4. Von gschissn auf Oasch
  5. Alle Luken zu
  6. Die Coolness von den Toten
  7. Lavendellied
  8. Skiffle Rock
  9. Nimm die Finger weg
  10. Mein Wiener Schnitzel

Gesamtspielzeit: 34:22 min.

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User Beitrag

Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2016-11-09 21:03:34 Uhr
Frisch rezensiert.

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