Sting - 57th & 9th

Sting- 57th & 9th

Interscope / Universal
VÖ: 11.11.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Wer bin ich – und wenn ja wie viele?

Wir haben Sting wieder! Nach 13 Jahren! Gordon Sumner hat in dieser Zeitspanne zu Hause zwar weder Kornkreise aus Oliven gelegt noch Sofakissenbezüge genäht, aber sein musikalischer Output glich mehr einer Selbstverwirklungsreise und prätentiösen Zuckungen eines musikalischen Globetrotters. Klassische Stücke aus dem 16. Jahrhundert mit einem bosnischen Lautisten, die von keltischer Kälte gezeichneten Weihnachts- und Winterstücke auf "If on a winter's night", symphonische Interpretationen seiner bekanntesten Songs und schließlich Nummern zum nach drei Monaten abgesetzten Broadway-Stück "The last ship". "Letztendlich", sagte Sting im Interview mit der Zeitschrift "Rolling Stone", "habe ich den Scheiß gemacht, den ich machen wollte." Eine Percussion-Platte mit einem kaukasischen Conga-Klopfer wäre kaum überraschend gewesen, stattdessen nun ein (Pop-)Rockalbum. Und bei aller Wertschätzung seines multi-musikalischen Interesses – so etwas steht ihm immer noch am besten.

Stings zwölftes Studioalbum trägt den Namen der Kreuzung "57th & 9th", die der "Englishman in New York" täglich auf dem Weg zur Arbeit passiert und entlangschlendert. Während des bodenständigen Fußmarschs durch die Upper West Side entwickelt der 65-Jährige Song-Ideen. Und irgendwie passt da die erste Single ganz gut rein. Die schneeblinde Suche nach der geliebten Unbekannten in "I can't stop thinking about you" schlägt als knackiger Dreieinhalbminüter die Brücke von "Brand new day" zu The-Police-Zeiten und entwickelt sich zu einem der eingängigsten Songs von Sting in den vergangenen 15 Jahren. Bei dessen Hang zum Orientalischen und der Konstellation "Wir gehen mal ins Studio und gucken, was rauskommt" war das nicht unbedingt zu erwarten. Aber dieser einfache, effektive Pop-Rock klingt unverwechselbar nach ihm und machte als Vorabsong nach langer Zeit noch einmal neugierig auf eine Sting-Veröffentlichung.

Es braucht aber einen Moment, bis "57th & 9th" danach wieder in Fahrt kommt. "50000", geschrieben nach dem Tod von Prince, aber gerade im Jahr 2016 mit den verstorbenen Lemmy, Glenn Frey und David Bowie mühelos erweiterbar, beschäftigt sich mit dem Ableben von Rockgrößen. "50000 voices rising every time he sings / And every word he ever wrote reflected back to him." Sting erwähnt auch den Ritt auf Amphetaminen und sendet einen tröstenden Gruß nach oben: "Rockstars don't ever die / They only fade away." Was der 65-Jährige nicht verhehlt: die Todesanzeigen stimmen ihn nachdenklich. "I'm feeling a little better today / Although the bathroom mirror is telling something else." Da sind Falten, wo vorher keine waren – aber auch keine Hooks, wo früher welche waren. "50000" stupst den Hörer nur höflich an, "Down down down" wirkt beinahe träge. Erst als Sting für "One fine day" den Handlungsbedarf beim Klimawandel anmahnt, fließt die Energie behutsam zurück und dient als Startschuss für ein starkes Track-Quartett.

Bei der romantischen Geschichte des "Pretty young soldier" und dessen Einfluss auf den befehlshabenden Captain mischen Country-Töne mit; "Petrol head" tankt Diesel und Benzin gleichzeitig: Mit der Rohheit eines Monstertruckfahrers auf dem Standstreifen eines Highways lässt sich Sting von treibenden Drums, hihi, anstacheln, während die Rock- und Rock'n'Roll-Gitarren auch Fuzz-Gabelungen kreuzen. Das komplette Gegenteil widerfährt "Heading south on the Great North Road". Darin kehrt der Mann aus Wallsend in seine britische Heimat zurück und schneidet, lediglich von Akustikgitarre begleitet, in Zeilen wie "In promise of a better life" bereits unterschwellig das Flüchtlingsthema des perkussiven "Inshallah" an. Zwischengeschaltet kümmert sich "If you can't love me" um Gefühlskälte, auch wenn das Piano warmherzig empfangen wird. Am 12. November 2016 präsentiert Sting Songs von "57th & 9th" bei der Wiedereröffnung des Pariser Clubs Bataclan – ein Jahr nach dem Blutbad. Dann ist musikalisch wie geografisch der Broadway weiter weg als je zuvor.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • I can't stop thinking about you
  • Pretty young soldier
  • Petrol head
  • Heading south on the Great North Road

Tracklist

  1. I can't stop thinking about you
  2. 50000
  3. Down down down
  4. One fine day
  5. Pretty young soldier
  6. Petrol head
  7. Heading south on the Great North Road
  8. If you can't love me
  9. Inshallah
  10. Empty chair

Gesamtspielzeit: 37:04 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

kapomuk

Postings: 49

Registriert seit 25.08.2014

2016-11-28 19:09:03 Uhr
Nur dass die Flüchtlinge häufig genug VOR den Islamisten fliehen …

Und: Natürlich müssen wir sie "alle reinlassen" – denn in Europa haben alle Menschen ein Recht auf ein Asylverfahren.
Ach Sting...
2016-11-28 01:08:10 Uhr
Genau, lasst sie alle rein. Islam ist "Religion des Friedens"...deshalb ist in allen Ländern, wo der Islam an der Macht ist (Saudis, Iran, Katar etc.) auch voll der Frieden und die Freiheit ausgebrochen...LOL

kapomuk

Postings: 49

Registriert seit 25.08.2014

2016-11-27 20:54:32 Uhr
In "Insh' Allah" geht es um die Situation von Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer – die Insassen sind die Opfer unserer verfehlten Welt- und Flüchtlingspolitik und damit den Opfern des Attentats näher als den Tätern.

Islamistischer Terror beruft sich zu Unrecht auf den Islam – so wie sich christlicher Terror zu Unrecht auf das Christentum beruft.

Von daher war die Songwahl genau passend: Im Blick auf den Anschlag daran erinnern, dass die Flüchtlinge weiterhin Hilfe brauchen – unabhängig von ihrer Religion. Das entspricht dann auch der europäischen Freiheit.
ddd
2016-11-27 15:16:27 Uhr
"If Allah wills" - warum nicht "If Voltaire wills"? Passt doch besser zu unserer europäischen Freiheit.
Live in concert
2016-11-27 15:12:08 Uhr
In the evening, the Bataclan Theater reopened with a concert by Sting. The last song of the concert was "Insh' Allah": "if Allah wills."

https://www.gatestoneinstitute.org/9363/france-collapse

Okay, es war zwar nicht der letzte Song (der sechste, wenn ich mich erinnere), aber es ist schon fraglich, warum Sting an einem Abend zum Gedenken der Opfer eines islamischen Attentats ein Lied mit islamischem Hintergrund spielt...??? Sowas Taktloses hätte ich ihm nicht zugetraut.
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