Oathbreaker - Rheia

Oathbreaker- Rheia

Deathwish / Warner
VÖ: 30.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zwischen den Trümmern

Um 10.56 Uhr erklingt im Nebenzimmer eine sanfte, aber bedrohlich lockende Frauenstimme. Wenn der lauschende Gast jedoch sein Ohr an die Tür presst, beginnt die Erde zu beben, das Gebäude kollabiert. Lautstärke, Intensität und Emotion krachen ihm entgegen, die Augen weit aufgerissen, zwischen den Trümmern keift die Frau giftige Galle. Er kann nicht wegsehen, will nicht weghören. Erstarrt im Klangkontrast. Was zur Hölle ist passiert? Nun, so fühlen sich in etwa die ersten Minuten auf "Rheia" an, dem dritten Album von Oathbreaker, auf dem Sängerin Caro Tanghe erstmals ihr gesamtes Stimmlagen-Arsenal offenlegt. War die letzte Veröffentlichung vor drei Jahren namens "Eros|Anteros" noch eher dem vergleichsweise linearen Post-Hardcore zugeneigt, öffnen sich die Belgier auf "Rheia" neuen und verwinkelten Klangwelten, darunter Post-Black-Metal und Shoegaze. Doch Genres beiseite, damit wird niemand diesem Inferno gerecht, welches sich erst nach einigen Durchläufen erschließt, oder auch überhaupt nicht.

Klar, der Vergleich mit den Deathwish-Labelkollegen Deafhaven oder auch Converge ist unvermeidlich. Vor allem bei der kunstvollen Kombination energischer Blastbeats und dunkler Shoegaze-Dramatik, zum ersten Mal eindrucksvoll dargestellt bei "Second son of R.", gleich nach dem fesselnden Intro. Mehr Kontrast geht nicht. Damit haben Oathbreaker auch unmittelbar die Marschrichtung definiert, die "Being able to feel nothing" mit seinem lyrischen Liebestod-Motiv eindrucksvoll fortsetzt. Die musikalische Auflösung am Ende des epischen "Immortals" entspricht zwar Deafhavens "Luna", ist aber insofern verzeihlich als auch nachvollziehbar, da "Rheia" von Deafhaven-Produzent Jack Shirley selbst veredelt wurde.

Einen spannenden Baustein dieses Albums bildet der in sich geschlossene Dreisatz "I'm sorry, this is", "Where I live" und "Where I leave". Der Mittelteil entwickelt sich dabei vom schleppenden Drone zum hysterischen Höhepunkt, den Caro Tanghe stimmlich meisterhaft zelebriert. Sie sorgt in erster Linie für die dramaturgische Ausformulierung der zehn Tracks, bei all der zitternden Verletzlichkeit jedoch stets abgesichert durch den massiven Unterbau der Band. Die Rhythmusarbeit ist sowohl bei den Hochgeschwindigkeits-Blasts als auch den gemächlicheren Passagen stets solide: Oathbreaker-Bassist Gilles Demolder schiebt nebenher noch bei den Doom-Schwergewichtern von Wiegedood die dröhnenden Riffs an.

Ab dem düster-folkigen "Stay Here / Accroche-Moi" bekommt schließlich der Vergleich von Caro Tanghe mit Chelsea Wolfe seine Berechtigung. Verzweifelt schluchzt die Sängerin im weiteren Verlauf "How could you go without me?", begleitet von zunächst cleanen Gitarren, dann von immer weiter anschwellenden Riffs, bis hin zur totalen Ekstase. Entfernt erinnert die stimmliche Vielfalt Tanghes von verletzlich bis bedrohlich auch an die "Mariner"-Zusammenarbeit von Julie Christmas mit Cult of Luna. Doch Oathbreaker sind jetzt mehr als ein Panoptikum musikalischer Vorreiter. Und das zeigen sie auch.

Aus geisterhaftem Singsang formt sich beim Schlusslicht "Begeerte" eine hymnische Ballade, bei der Oathbreaker zum ersten Mal auf musikalische Extreme verzichten. Die intensive Spannung bleibt dennoch bestehen, nachdem die Band ihr beeindruckendes musikalisches Inventar zur Schau gestellt hat. Der Albumtitel leitet sich im Übrigen von einer Titanin aus der griechischen Mythologie ab. Ihr Bruder und gleichzeitiger Gemahl Kronos verschlang ihre Kinder, eins nach dem anderen. Als böte "Rheia" nicht auch ohne diese Kenntnis genügend Oberfläche für ordentlich Gänsehaut-Bildung.

(Felix Mildner)

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Highlights

  • Second son of R.
  • Being able to feel nothing
  • Needles in your skin

Tracklist

  1. 10:56
  2. Second son of R.
  3. Being able to feel nothing
  4. Stay here / Accroche-Moi
  5. Needles in your skin
  6. Immortals
  7. I'm sorry, this is
  8. Where I live
  9. Where I leave
  10. Begeerte

Gesamtspielzeit: 58:14 min.

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Der Untergeher

Postings: 1138

Registriert seit 04.12.2015

2016-12-18 13:37:23 Uhr
Schade wars. In Leipzig konnte man sicherlich nichts gegen die Band sagen, vor allem Caro hat auf der Bühne eine unglaubliche Aura. Leider war der Gesang etwas zu leise und die Setlist nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Ich hab nix gegen Rheia, aber die beiden alten Songs zum Schluss haben dem Rest doch deutlich gezeigt, wo der Hase läuft. Da hätte man schon den ein oder anderen Brecher von Eros einflechten können, denn zwischendrin war es mir schon etwas zu meditativ.

Ähnliche Erfahrung in Hamburg. Der Sound vom Hafenklang war, wie immer, exzellent, aber auch hier war Caros Stimme in manchen Momenten etwas zu tief im Mix vergraben. Die Setlist war, nach meinem Geschmack, an sich gut konzipiert. Sie haben alle Stücke von Rheia gespielt, die ich mir erhofft hatte, und ich fand es auch richtig, die aufgebaute Atmosphäre nicht nicht durch Material der Vorgänger zu zerstören. Aber ich stimme zu, ich hätte im Anschluss neben Glimpse of the Unseen und No Reast For The Weary gerne noch ein paar weitere "Brecher" gehört. Man hätte ja neben der gespielten Setlist noch ein paar Zugaben spielen, bzw. ein paar ältere Songs anfügen können. So lang war die Setlist ja nicht. Naja, ich fand's trotzdem recht gelungen. Musikalisch haben sie schon gezeigt wo der Hammer hängt. Drumming war präzise und tight, Gitarren- und Bassarbeit mehr als solide und Caros Gesang umwerfend.

boneless

Postings: 2146

Registriert seit 13.05.2014

2016-12-18 13:10:36 Uhr
Also in München gab's neben den Rheia-Sachen genau den einen ("No rest for the weary") und den anderen ("Glimpse of the unseen") älteren Song ;)

Schade wars. In Leipzig konnte man sicherlich nichts gegen die Band sagen, vor allem Caro hat auf der Bühne eine unglaubliche Aura. Leider war der Gesang etwas zu leise und die Setlist nicht unbedingt nach meinem Geschmack. Ich hab nix gegen Rheia, aber die beiden alten Songs zum Schluss haben dem Rest doch deutlich gezeigt, wo der Hase läuft. Da hätte man schon den ein oder anderen Brecher von Eros einflechten können, denn zwischendrin war es mir schon etwas zu meditativ.
Samurai Jack
2016-12-18 12:44:35 Uhr
Ich war und bin ein riesen Fan von Eros/ Anteros und war am Anfang auch etwas von dem vielen Cleangesang abgeschreckt. Doch es hat sich gelohnt, es ist ein Monolith von einem Album das jetzt schon zu meinen absoluten Lieblingsalben zählt und durch die Dynamik im Gesang mich emotional noch mehr abholt.

Album des Jahres

Maelstrom 8,5/10
Eros/ Anteros 10/10
Rheia 10/10
Pulpo
2016-12-17 19:40:59 Uhr
Läuft jetzt seit 2 Tagen bei mir sehr oft, Hammerplatte. Ärgert mich doch ein wenig,die Tour verpaßt zu haben.
Ob sie so gut wie Eros/Anteros ist...wird sich zeigen bzw spar ich mir irgendwie. Ist halt eine Entwicklung und eine andere Platte.
Das album lullt einen irgendwie ziemlich ein – was an anderer Stelle evtl gemeint ist mit "die Platte kommt nicht so recht aus dem Quark". Mag den cleanen Gesang, va. das "shoegaze" (sic!) -mäßige daran, eher verhallt und nicht zu sehr nach vorne gemischt, gefällt gut.

MartinS

Postings: 529

Registriert seit 31.10.2013

2016-12-16 16:37:46 Uhr
Also in München gab's neben den Rheia-Sachen genau den einen ("No rest for the weary") und den anderen ("Glimpse of the unseen") älteren Song ;)
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