Alex Clare - Tail of lions

Alex Clare- Tail of lions

Cooking Vinyl / Sony
VÖ: 11.11.2016

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Dubstep by step

Manche Leute treten einfach nie aus dem eigenen Schatten heraus. Man mag meinen, das liege ja oft an ewiggestrigen Fans, die nicht besseres zu tun haben, als alten Meisterwerken hinterherzutrauern. Aber oft sind die Verfasser selbst mindestens mitschuldig. Wenn beispielsweise stilistische Irrwege beschritten werden. Wir erinnern uns an Rock-Heroen wie Chris Cornell oder Daniel Johns, die einen auf hippen Pop machen. Oder wenn man wie dereinst Plattentests.de-Chef Armin Linder einfach ein solch ikonisches Frühwerk geschaffen hat, dass jeglicher Vergleich nur verloren geht. Man kann es jedoch auch so vermasseln wie der Londoner Alex Clare. Sein Dubstep-meets-Soul-Hit "Too close" wurde medial und werbetechnisch dermaßen ausgeschlachtet, dass wohl 99 Prozent der Leute keinen weiteren Song von ihm kennen dürften. Und überrascht sein müssten, dass Clare nun zwischenzeitlich schon das dritte Album veröffentlicht.

Klar, dass auch über "Tail of lions" der Schatten "Too close" hängt. Und der Opener "Tell me what you need" seine Sache als Einheizer zwar außerordentlich gut macht, aber letztlich die alte Erfolgsformel – souligere Strophe, dicke Beats im Refrain – kaum variiert. Es bleibt nicht der einzige Quasi-Klon, mehrfach stützt sich Clare auf sein Schema F, mit geringerem Erfolg als auf dem Debüt "The lateness of the hour" und dem ohnehin bereits untergegangenen Nachfolger "Three hearts". Dabei ist handwerklich kaum etwas auszusetzen: Viele clevere Details sind in den Songs untergebracht und man glaubt immer wieder, zaghafte Schritte in Richtung Weiterentwicklung und Variation zu spüren. Das Bassknarzen in "Get real" zum Beispiel oder die ominösen Synthies in "Basic". Es reicht aber nicht, um die Stücke aus dem Sumpf des Standards zu ziehen, der einige Kompositionen fest im Griff hat.

Dabei kann es der 31-Jährige doch prinzipiell noch. Wenn die Songs weniger dudeln und mehr zupacken, schälen sich auch echte Highlights aus der Hülle heraus. Das langsamer gestaltete "Bring me down" hat eine sehnsuchtsvolle Gitarre zu bieten, die auf melancholische Background-Vocals trifft. Die zum Ende hin sehr energisch werdende Percussion bringt schließlich den entscheidenden Schuss Dynamik herein – der anderswo schmerzlich vermisst wird. In "Open my eyes" wird es sogar regelrecht lärmig, Clare schwingt die Gitarre und steigert sich in Rage: "I would open my eyes / If I thought it would do some good." Der Bass grummelt dazu, die Drums spielen Ping-Pong zwischen den Ohren. Zugegeben: Airplay für die große Masse wird solch ein querschießender Track nicht bekommen. Er zeigt allerdings, zu was Alex Clare eigentlich fähig war und noch immer ist. Auf "Tail of lions" fehlen in dieser Hinsicht aber leider ein paar Mitstreiter.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Tell me what you need
  • Bring me down
  • Open my eyes

Tracklist

  1. Tell me what you need
  2. Get real
  3. Surviving ain't living
  4. Bring me down
  5. Basic
  6. Gotta get up
  7. Tired from the fire
  8. Love can heal
  9. Open my eyes
  10. You'll be fine

Gesamtspielzeit: 35:37 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 11598

Registriert seit 08.01.2012

2016-11-09 20:59:06 Uhr
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Postings: 11598

Registriert seit 08.01.2012

2016-09-21 17:41:30 Uhr
Der Mann mit der Wahnsinns-Stimme ist wieder da und spielt auf "Tail of Lions" völlig befreit auf!

Liebe Freunde, liebe Medienpartner,

Alex Clare ist zurück! Mit seinem neuen Album "Tail of Lions" macht er sich frei von Erwartungen und jeglichem Druck.
Der in London geborene und in Jerusalem lebende Sänger, Songwriter und Produzent ist einer jener glücklicher Menschen, denen wohl nie die Geschichten ausgehen, wenn man mit ihm abends beisammensitzt. Er lacht selbst: "Wo soll man bei einer Geschichte wie meiner beginnen?" Damit hat er durchaus recht.
Seine Karriere begann 2010, als er mit seinem Debütalbum von einem Majorlabel gesignt wurde. Er veröffentlichte eine Single und ein Album und wurde direkt wieder gedropt. Zwei Jahre später wurde sein Song "Too Close" für die Kampagne zur Einführung vom Windows Explorer 9 auserkoren und entwickelte sich in kürzester Zeit zum Welthit, der sich millionenfach verkaufte. Daraufhin wurde er wieder mit einem Plattendeal ausgestattet. 18 Monate später veröffentlichte er ein neues Album, für welches das Label verpasste, sich ausreichend zu engagieren und welches dann, man ahnt es, nach Clares eigenen Worten "nichts" verkaufte. Er heiratete, tourte Europa, die USA und Russland.

Im Sommer 2015 dann zog er sich gemeinsam mit seinem Freund, den Bassisten Chris Hargreaves (Gründungsmitglied von Submotion Orchestra) auf ein enges Hausboot, wo sie begannen, an neuen Songs zu arbeiten.

Das bemerkenswerte Ergebnis dieser Sessions ist das im November erscheinende Album "Tail of Lions". Wurden die Songs in nur wenigen Wochen geschrieben und aufgenommen, investierten die beiden Musiker Monate in den perfekten Mix für diese neue Sammlung an Songs, die einen Ort darstellt, an dem Soul, Rock und Funk messerscharfe Elektronika und kühle Drum'n'Bass Elemente treffen.

Der Albumtitel ist eine Anlehnung an ein jüdisches Sprichwort, wie Clare erläutert: "'Es ist besser der Schwanz des Löwens zu sein, als der Kopf des Fuchses...' Wir leben in einer Gesellschaft, in welcher der Fokus auf Erfolg und Berühmtheit bei Weitem mehr Gewicht haben als der Blick auf Dinge wie Können und Leistung. Alles geht um Geld, Talent ist zweitrangig."

"Tail of Lions" wurde ohne Einfluss von außen, nur von Clare und Hargreaves vollendet, wodurch keine Aspekte wie Vermarktbarkeit eine Rolle spielten. Clare sagt dazu: "Unser Ziel ist es nicht, möglichst erfolgreiche Songs zu schreiben. Unser einziges Anliegen ist es geil klingende Musik zu erschaffen, die man live spielen kann."

So genießt er die neu gewonnene kreative Freiheit in vollen Zügen: "Ich habe versucht meine verrücktesten Ideen umzusetzen, was nicht immer einfach ist. Auf meinen beiden letzten Alben waren Songs, die ich nicht mochte, das Label aber darauf bestand sie drauf zu nehmen. Dafür flogen einige meiner Favoriten raus. Das ist doch Irrsinn! Ich möchte Musik machen, zu der die Menschen tanzen können. Ich möchte Energie aufbauen, damit die Leute wirklich loslassen können. Das ist mein Hauptaugenmerk. Und dafür brauche ich nun wirklich keinen A&R."

So unterscheidet sich "Tail of Lions" sehr von seinen beiden Vorgängern. Clares Perspektive änderte sich in den letzten Jahren grundlegend in Bezug auf Dinge wie Liebe, das Leben und Familie - er hat zwei Kinder, denen er seine meiste Aufmerksamkeit widmet. So haben sich die Realitäten in seinem Leben verändert: "Ich musste persönlich einen großen Schritt machen. Es passieren derzeit so viele schwerwiegende Dinge in Europa, den USA und natürlich auch direkt hinter unserer Grenze in Syrien."

Die erste Single "Tell Me What You Need" behandelt die positiven und negativen Aspekte von Beziehungen. All die schönen, aber auch verwirrenden, frustrierenden und manchmal schweren Situationen. Clare selbst kommt aus einer Familie, in der man laut schreit, um seinem Standpunkt Nachdruck zu verleihen, seine Frau dagegen ist deutlich reservierter. "Man muss lernen, wie man miteinander umgeht. Ich spreche mit den Händen, werde laut und lege alle meine Karten auf den Tisch, während meine Frau dazu neigt erstmal dicht zu machen, bis der Sturm vorbeigezogen ist."
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