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American Football - American Football

American Football- American Football

Wichita / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 21.10.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Touchdown

"Where are we now?"

Drin. Angekommen. In Sicherheit? Zumindest fühlt es sich sicher an. Das nächtliche Warten vor dem nur wenig Licht spendenden Zimmer, wie American Football es 1999 auf dem Cover ihres ersten und bis dato einzigen Albums "American Football" porträtierten, ist vorbei. 17 lange Jahre später mag sich vielleicht der Titel des sehnsüchtig erwarteten Zweitlingswerkes nicht verändert haben – alles andere aber schon. Mike Kinsella und dessen Kollegen sind nicht mehr die Außenseiter vor dem Haus, sie befinden sich mittendrin, die Tür ist geöffnet, das Tageslicht schielt herein, als halte es einem Hund die Hand zum Beschnuppern hin: Komm her, alles ist gut. Du kannst mir vertrauen.

Klar ist: Kinsella war nie weg. Allein mit seinem Soloprojekt Owen hat er in den letzten fünf Jahren satte vier Alben veröffentlicht, und dennoch ist die Rückkehr von American Football besonders hervorzuheben, und das nicht nur aufgrund der großen zeitlichen Lücke zwischen Debüt und Nachfolger. Die Band ist, wie ihre Hörerschaft, erwachsen geworden und Kinsella längst nicht mehr ein Mittzwanziger, der von Selbstzweifeln geplagt in eine vermeintlich schreckliche Zukunft schaut, sondern ein 39-jähriger Mann, der nicht nur mit beiden Beinen auf dem Boden, sondern vor allem im Hier und Jetzt steht. "American Football", die zweite, ist zwar das Comeback alter Emo- und Indie-Rock-Helden, aber keine Rückkehr zu alten Problemen.

Das heißt natürlich nicht, dass "American Football" nicht nach wie vor grundehrlich ist und zwar bekannte, aber stets allgegenwärtige Themen behandelt. Nur der Umgang mit diesen hat sich verändert: Das Album wird von einem gewissen euphorischen Unterton durchzogen, einem unaufdringlich gefeierten Sieg über das Unbekannte. So ist "Give me the gun", der Titel verrät es bereits, rein textlich von tiefer, melancholischer Schwere, die durch den eigentlichen Fokuspunkt – das hervorragende Schlagzeugspiel von Steve Lamos – aber immer wieder aufgefangen wird. Am Ende bleibt ein aufblitzender und dank vereinzelter Xylophon-Aufschläge gar verspielt wirkender Roadtrip durch die Nacht, der nicht an der alten Hütte von damals Halt macht, sondern schnurstracks daran vorbeifährt.

Wie sehr American Football gefehlt haben, wie sehr sich das Warten gelohnt hat und vor allem wie sehr sie es nach wie vor verstehen, in ihren Bann zu ziehen, bezeugt bereits der Opener "Where are we now?". Nostalgisch beginnt das Stück, zunächst zurückhaltend, und legt dann doch nur die Weichen für den anrollenden Zug: Nach knapp eineinhalb Minuten eröffnen Gitarre und Schlagzeug das Comeback, wie man es erwartet hatte. Etwas höher als gewohnt erklingt Kinsellas Stimme – eine Tatsache, die sich auch an anderen Songs des Albums feststellen lässt –, und doch immer noch so vertraut wie die eines guten Freundes. Das schafft in diesem emotionalen Ausmaß sonst wohl nur noch Matthews Caws von Nada Surf.

In "I need a drink (or two or three)" darf Drummer Lamos sein Talent als Trompeter unter Beweis stellen, um anschließend mit seinen beiden Kollegen freudetrunken zu schunkeln und in countryesker Atmosphäre einzuschlummern. Derweil drückt das melodische Highlight "Home is where the haunt is" ordentlich auf die Tränendrüse – dicht gefolgt von "My instincts are the enemy", das Erinnerungen an das Debüt weckt und dessen kurze Pause im Mittelteil zum Verschnaufen einlädt, dann aber doch wieder tränenerstickt nach Atem ringen lässt. Langsam gewöhnt man sich daran, besonders schwierig wird es dann aber mit dem gemütlich-wohligen "Everyone is dressed up" – und das nicht nur, weil es das letzte Stück des Albums ist. Da ist es also doch wieder, dieses Gefühl von damals, diese Hilflosigkeit, die Angst vor der Warterei. Wie lange wird es wohl diesmal andauern?

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • My instincts are the enemy
  • Home is where the haunt is
  • Give me the gun
  • Everyone is dressed up

Tracklist

  1. Where are we now?
  2. My instincts are the enemy
  3. Home is where the haunt is
  4. Born to lose
  5. I've been so lost for so long
  6. Give me the gun
  7. I need a drink (or two or three)
  8. Desire gets in the way
  9. Everyone is dressed up

Gesamtspielzeit: 38:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gordon Fraser

Postings: 770

Registriert seit 14.06.2013

2017-03-02 15:39:45 Uhr
Ist gleich mal notiert.

Das Debüt gibt es zur Zeit übrigens ziemlich günstig auf Vinyl in toller Aufmachung.
alex
2017-03-01 11:56:58 Uhr
Der Support für Berlin steht: Minus the Bear und Joan of Arc.

Und es wird verlegt vom Bi Nuu ins SO36.

neutral

Postings: 38

Registriert seit 08.01.2014

2016-11-22 19:18:03 Uhr
Datum ist natürlich Quatsch ist der 16.6.17

neutral

Postings: 38

Registriert seit 08.01.2014

2016-11-22 18:27:17 Uhr
Erstes Berlin Konzert am 17.7.17

Da gehe ich glaub ich hin.

Ja das neue Album klingt sehr nach Owen. Sind trotzdem ein paar gute Stücke drauf. Klingt insgesamt sehr nach Plus/Minus.

Dr. Reineke

Postings: 28

Registriert seit 01.09.2013

2016-11-22 17:06:54 Uhr
Da fehlt mir bei den Rezi-Referenzen ganz klar "Karate".

Wir dieses Album mag, wird auch das Album "Pockets" von "Karate" mögen.

https://m.youtube.com/watch?v=r-KhN1eFKiQ
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