Solange - A seat at the table

Solange- A seat at the table

Saint / Columbia
VÖ: 30.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Statement of the Art

"Ach Du Schreck / Sind die zwei etwa pro black?" Die Zeilen von Samy Deluxe nebst Afrob im gemeinsamen Projekt ASD sind nun mittlerweile 13 Jahre alt, doch sie drücken die aktuelle Befindlichkeit in weißen Kleinstädten besser aus, als sie damals je konnten. "Pro black" – unter dem Eindruck des gesellschaftlichen Rassismus erblickten in den letzten Jahren jenseits des Teiches schon viele Meisterwerke das Licht der Welt. "Black messiah" ließ D'Angelo ungewohnt protestfreudig auferstehen, Kendrick Lamar hatte mit "To pimp a butterfly" seine einmalige Konstruktionsgabe und alle Kritiker auf seiner Seite und Blood Orange ließ dieses Jahr erneut mit "Freetown sound" seinen Blickwinkel aus der queeren Gemeinde auf die Welt los. Und da ist natürlich noch Madame Knowles. Nein, nicht die. Die andere. Solange, ungerechtfertigterweise die ewige kleine Schwester, hat mit ihrem dritten Album "A seat at the table" ihre ganz eigene Vision der Dinge dargelegt.

Schon im Titel fordert die Platte ihren Platz am Tisch der Debatte und hat dabei natürlich nach den erwähnten, zuvor erschienenen Statements eine schwerere Startposition. Ist denn nicht schon alles gesagt? In der Tat funktioniert Solanges Werk weniger als neue Stoßrichtung. Vielmehr handelt es sich dabei um eines der emotionalsten Alben, welches die Ungleichheit zwischen Hautfarben in persönliche Erlebnisse und Empfindungen verpackt. Kommt bekannt vor? Sicher. Irgendwo liegt es ja doch in der Familie. Solange gerät allerdings auf anderen Wegen zum Ziel: Der erste volle Song "Weary" hat einen äußerst physischen, organischen Sound, das Klavier scheint irgendwo im Raum zu stehen, ein Keyboard kratzt dann und wann über die Oberfläche.

Viele Spoken-Word-Interludes durchsetzen das Album. Wie die Einschübe auf "Freetown sound" reißen sie es jedoch nie auseinander, man bemerkt die Übergänge oft nicht beim Nebenbeihören. Sie gleiten aus Tracks heraus oder fließen in den folgenden hinein. Über das Album hinweg erzählt Master P die Geschichte seines eigenen Labels und Eigenverantwortung im weißen Business, doch auch Solanges Vater Matthew Knowles kommt zu Wort. Er berichtet in "Dad was mad", wie seine Familie früher aufgrund ihrer Hautfarbe von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern beschimpft und bedroht wurde und schafft damit einen Bezugsrahmen, den Solange mit ihrer eigenen Gefühlslage verknüpft. So folgt darauf "Mad", eine Aufarbeitung ihres ewigen Bildes als "black angry woman", in welcher ihr ein klimperndes Bar-Klavier sowie Lil Wayne in guter Form unterstützend unter die Arme greifen.

"A seat at the table" hat in der Aussage einen klaren Fokus, es kann jedoch auch vor allem bei weniger auf das Lyrische konzentriertem Hören ganz andere Facetten offenbaren. Die ruhige, sphärische Akzentuierung in "Don't wish me well" zum Beispiel oder die wundervolle Melodieführung in "Cranes in the sky", welche das textlich gewünschte Fortbewegen aller Aggression und negativen Emotionen vorbildlich unterstreicht. Solange hat bereits auf dem 2008 erschienenen Vorgänger "Sol-Angel and the Hadley St. Dreams" und der EP "True" von 2012 bewiesen, dass sie progressiv denkt und nicht gerne lange in einem Sound verweilt. Der große zeitliche Abstand ist kein Zufall: Sie nimmt sich für Ausformulierungen Zeit und man hört es der Finesse von "A seat at the table" an.

In "F.U.B.U." münzt Solange den Slogan der gleichnamigen Modemarke – "For us, by us" – auf ihr eigenes Werk um: Das ist von Schwarzen für Schwarze. Wer nicht fähig oder willens ist, Empathie für eine afro-amerikanische Person in der US-Gesellschaft zu entwickeln, für den hält "A seat at the table" wenig bereit. Man sollte eben auch keine Elliott-Smith-Songs hören, wenn man der Meinung ist, dass Depressive einfach mal fröhlicher sein sollten. Sicher wären die Texte auf weiße Hautfarbe gemünzt unangenehm. Wer das moniert, hat den Punkt aber nicht verstanden. Der Interpretation als umgekehrten Rassismus gegen Weiße hat Solange ihre eigene Mutter vor die Nase gesetzt: "It's considered anti-white. No! You're just pro-black. And that's okay. The two don't go together. [...] We don't have a White History Month – well, all we've ever been taught is white history." Man möchte es überall, wo Ressentiments bestehen, noch einmal bis zur Erschöpfung verkünden. Hatten wir nicht schon genug Statement-Alben? Nein. Dieses hat gefehlt.

(Felix Heinecker)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Cranes in the sky
  • Interlude: Tina taught me
  • Don't touch my hair (feat. Sampha)
  • F.U.B.U. (feat. The-Dream & BJ The Chicago Kid)
  • Scales (feat. Kelela)

Tracklist

  1. Rise
  2. Weary
  3. Interlude: The glory is in you
  4. Cranes in the sky
  5. Interlude: Dad was mad
  6. Mad (feat. Lil Wayne)
  7. Don't you wait
  8. Interlude: Tina taught me
  9. Don't touch my hair (feat. Sampha)
  10. Interlude: This moment
  11. Where do we go
  12. Interlude: For us by us
  13. F.U.B.U. (feat. The-Dream & BJ The Chicago Kid)
  14. Borderline (An ode to self care) (feat. Q-Tip)
  15. Interlude: I got so much magic, you can have it (feat. Kelly Rowland & Nia Andrews)
  16. Junie
  17. Interlude: No limits
  18. Don't wish me well
  19. Interlude: Pedestals
  20. Scales (feat. Kelela)
  21. Closing: The chosen ones

Gesamtspielzeit: 51:54 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mister X

Postings: 2307

Registriert seit 30.10.2013

2016-12-13 08:03:08 Uhr
Was war ich nur fuer ein Narr dieses absolute Meisterwerk nicht zu erkennen. Erst heute wurde es mir klar. Dagegen stinkt ihre Schwester gewaltig ab !

Mixtape

Postings: 1925

Registriert seit 15.05.2013

2016-11-23 10:38:20 Uhr
Und in ausführlich: Was mich sofort begeistert, ist das Design: die schöne graphische Aufmachung, die Farbe des Papiers und der Schrifttyp.

Was mich dann aber noch mehr begeistert hat, war der Blick in die Credits, der auch noch mal erklärte, weshalb ich das Album so mag: Da sind ja nur tolle Leute dabei! Ich wusste ja, dass Blood Orange beteiligt war und Kindness einiges gemacht hat - aber ich wusste nicht, dass Dave Longstreth von den Dirty Projectors die Hälfte der Platte mitgeschrieben und eingespielt hat, Dave Sitek, Kwes, Sean Nicholas Savage und Rostam von Vampire Weekend mitgearbeitet haben. Toll!

Mixtape

Postings: 1925

Registriert seit 15.05.2013

2016-11-22 23:22:59 Uhr
Die physische Version des Albums lohnt auch. Die graphische Aufmachung ist sehr gelungen.

captain kidd

Postings: 1654

Registriert seit 13.06.2013

2016-10-15 17:51:17 Uhr
Musste an The Diary of Alicia Keys denken. Ist also ganz gut das Album...
Spielleiter
2016-10-14 19:08:45 Uhr
Sehr gut! Du erhältst: 100 Gummipunkte.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum