Voodoo Jürgens - Ansa Woar

Voodoo Jürgens- Ansa Woar

Lotterlabel / Broken Silence
VÖ: 30.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Weh au weh

Geschichten vom Wiener Prekariat zwischen Alkoholismus und Altweiberfaschismus, von Nachtschwärmern und Praterhuren: Voodoo Jürgens alias David Öllerer schaut auf seinem Debüt "Ansa Woar" genau hin, wenn sich andere angewidert abwenden. Er nimmt's mit Schmäh, aber gut, das machen auch Wanda und der Nino. Es sind die Schattenseiten des alltäglichen Kleinbürgertums, die er genau untersucht.

Bei der Moritat "Heite grob ma Tote aus" räumt er auf mit dem Althergebrachten und Verkommenen. Im österreichischen Indie-Rundfunk läuft die Single-Auskopplung bereits seit einiger Zeit auf Dauer-Rotation, nach und nach wurde der Liedermacher mit der eigensinnigen Frisur erst breitenwirksam. Zu verdanken hat er das auch der Musikagentur Redelsteiner, die bereits aktuelle Austropstars wie Wanda und den Nino Aus Wien groß gemacht hat. Letzterer hilft auch als Gastsänger mit, genauso wie die Herren Spechtl und Janata von Ja, Panik.

Dass Redelsteiners neueste Entdeckung in diese überdimensionierten Fußstapfen treten wird, ist unwahrscheinlich. Dafür sind Öllerers Lieder zu eigenartig, teils unangenehm vulgär. Eher derbes Wienerlied als glatter Austropop. Darin besteht wohl auch der Reiz von "Ansa Woar", auf hochdeutsch "Einserware", mit seinen schwarz-romantischen Mörderballaden. Und ab und zu hört man sogar den großen schwarzen Vogel von Ludwig Hirsch flattern. Oder einen besoffenen Tom Waits am Samstagabend in der Kneipe mitgrölen.

Der Dialekt steht natürlich im Vordergrund, fast ein bisschen mehr als nötig. Dabei sind seine Lieder geschickt instrumentiert, mit Zuchthausgitarre, Schifferklavier und Geisterbahnorgel. Voodoo war zehn Jahre lang Frontmann der Indie-Band Die Eternias, sang dabei jedoch auf Englisch. Nun wagt er sich an den Dialekt heran, so als hätte er niemals anders gesungen.

Im Duett "Gitti" geht's um giftige Ratschläge der vermeintlich besten Freundin, nicht sicher, ob wohlwollend oder missgünstig. Die selbe Gitti, gesungen von der Komödien-Schauspielerin Eva Billisich, wird auch bei "Alimente" am Telefon belästigt, einer Milieustudie zwischen Kleinbürgertum und Sozialromantik. Heftiger geht es zu bei den "3 Gschichtn ausn Cafe Fesch", vielleicht sitzen die grotesken, eingspritzt'n Gestalten auch im Café Voodoo, seinem Stamm-Beisl, das auch auf dem Cover abgebildet ist.

Es sind Lieder über das alte Wien, das so nicht mehr existiert, aber von Voodoo Jürgens fast schon wehmütig besungen wird. Dabei kommt er gar nicht aus der österreichischen Hauptstadt, sondern aus Tulln an der Donau, nicht weit davon entfernt. Ein ebenso benanntes Schmähgedicht hat er auf seine Heimatstadt geschrieben, wo er seine Kindheit verbrachte und von einem Sandler im Park 500 Schilling bekommen habe, wenn er ihm beim Wichsen zugeschaut hat. Wo er als Bub zwischen "Zuckerbude und Kadaverfabrik" nicht unterscheiden konnte, ob es nach Süßkram oder Tod riecht. In einem TV-Auftritt meinte er grinsend, dass es bereits eine touristische Lobeshymne über das Städtchen gebe, aber die stimme so nicht ganz. Deshalb.

(Felix Mildner)

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Highlights

  • 3 Gschichtn ausn Cafe Fesch
  • Heite grob ma Tote aus
  • Gitti
  • Tulln

Tracklist

  1. 3 Gschichtn ausn Cafe Fesch
  2. Heite grob ma Tote aus
  3. Nochborskinda
  4. Gitti
  5. In Deiner Nähe
  6. Tulln
  7. Alimente
  8. Hansi da Boxa
  9. Fang da nix an
  10. Weh au weh
  11. Auf da Strossn
  12. A gscheida Bua
  13. Meine Damen meine Herren

Gesamtspielzeit: 50:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
LLG
2017-01-20 08:04:06 Uhr
Auch 2017 noch ein hervorragendes Album. Die letzten paar Songs schwächeln ein wenig, dafür brillieren alle Songs davor.
Highlights:
Heite grob ma Tote aus
Gitti
Tulln
Hansi da Boxer

Mister X

Postings: 2305

Registriert seit 30.10.2013

2016-12-29 18:45:50 Uhr
Heite grob ma Tote aus ist auf jeden Fall ein Song des Jahres. Leider erst nach Listen-Abgabe gehoert. Die Oesis machen den deutschen langsam das Feld streitig.

MM13

Postings: 1534

Registriert seit 13.06.2013

2016-11-27 09:36:54 Uhr
gestern live gesehen,mit band(kontrabass,akordeon,schlagzeug,keyboard er mit gitarre)war richtig gut,vielleicht ein bisschen zu kurz was aber klar ist mit nur einem album.symphatischer typ.relative volle manufaktur in schorndorf,hätte ich nicht gedacht,schöner abend,hat spass gemacht.

Euroboy

Postings: 100

Registriert seit 14.06.2013

2016-10-18 18:28:43 Uhr
Leiwande Platte. Nicht von den etwas zu schlageresken Songs wie "Gitti" abschrecken lassen, die ruhigen Singer /Songwriter Sachen wie Tulln oder 3 Geschichten ausm Cafe Fesch sind viel besser.

Die Texte sind zum Glück im CD Booklet abgedruckt (auf Wienerisch).

Superhelge

Postings: 630

Registriert seit 15.06.2013

2016-10-08 10:40:55 Uhr
Selten dämlicher Name auch...
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