Alcest - Kodama

Alcest- Kodama

Prophecy / Soulfood
VÖ: 30.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kernbohrung

Manchmal muss man Dinge zunächst hinter sich lassen, um sie später umso mehr würdigen zu können. Diese Phase, in der die vermeintlichen musikalischen Wurzeln scheinbar gekappt werden, haben schon diverse Bands hinter sich. Mal erfolgreich, wie Opeth immer wieder aufs neue unter Beweis stellen, mal nach ein paar gezielten Tritten in den Hintern des eigenen Egos mit dem Ergebnis, dass eben diese Wurzeln doch den Kern der eigenen Existenz ausmachen. Siehe Paradise Lost. Insofern war 2014 nicht erst der Beginn, aber doch sicherlich der Höhepunkt der Suche nach dem eigenen musikalischen Ich, als Alcest mit "Shelter" ein Album veröffentlichten, das mit seiner radikalen Fragilität für Aufmerksamkeit sorgte. Denn spätestens mit dieser Platte verkündete Frontmann und Gründer Sébastien Paut alias Neige die vollständige Abkehr vom Black Metal, mit dem der Franzose einst sein zerrissenes jugendliches Ich nach außen kehrte. Doch was für die einen zur künstlerischen Reifeprüfung geriet, war für die anderen schlicht zu introvertiert.

Dringt man jedoch zum Kern durch, bereitete "Shelter" genau den musikalischen Boden, den die vertonte Liebeserklärung an das Meer verlangte. Und exakt hier setzt "Kodama" an, lehnt es sich doch eng an die Anime-Kunst des japanischen Künstlers Hayao Miyazaki an, genauer: an dessen preisgekrönten Film "Prinzessin Mononoke" aus dem Jahr 1997. Moment mal, Anime? Übertriebene Kulleraugen in Schul-Uniform? Oh nein. Denn die Titelheldin ist zerrissen im Spannungsfeld von Mensch und Natur, wirkt zutiefst melancholisch. Ganz genau so wie der Titeltrack, der zugleich die Ouvertüre bildet. Über dem Hintergrund der flimmernden Akkorde, der schon bei "Shelter" so tief zu berühren wusste, schwebt irgendwo, weit entrückt, Neiges körperloser Gesang. Was zunächst wie eine Sammlung von Klischees klingt, reißt mit. Entführt. Und will nicht wieder loslassen.

Das folgende "Eclosion" hingegen beginnt für Bandverhältnisse verhältnismäßig eingängig, fröhlich geradezu. Bis rasende Riffs aus vermeintlich verdrängten früheren Tagen die Ruhe zerreißen. Und Neige seinem ätherischen Gesang verzweifelte Schreie folgen lässt. Ja, richtig gelesen. Riffs und Schreie. Doch statt bedingungsloser Raserei sind diese nunmehr überaus songdienlich. Und verleihen "Eclosion" genau deswegen immense atmosphärische Dichte. Noch deutlicher wird dies bei "Je suis d'ailleurs", das zunächst aufgrund nicht eben neuer Gitarren-Koloraturen wenig innovativ beginnt, sich dann aber immer weiter steigert, bis sich der aufgestaute Druck in wüsten Screams entlädt.

Was passieren kann, zeigt dann "Untouched": Für sich genommen plätschert der Song eher gemächlich daher, im Albumkontext jedoch bildet er den Pfad zwischen "Je suis d'ailleurs" und dem mindestens ähnlich monumentalen "Oiseaux de proie" – einem wahrhaften Monolithen. Schicht für Schicht wollen die Soundwände erarbeitet werden, türmen sich Riffs auf, die immer hypnotischer werden, nur um nach nervenzerfetzenden sieben Minuten endlich in einem grandiosen Finale eskalieren zu dürfen. Genau diese Architektur ist es, die "Kodama" zu einer tollen Platte macht. Und genau diese Architektur brauchte zwingend die Dekonstruktion, die Reduzierung auf das Wesentliche von "Shelter". 2014 ließen Alcest ihre Black-Metal-Wurzeln hinter sich. Mit "Kodama" legen Neige und sein Kompagnon Winterhalter sie wieder frei. Um sie mächtiger als zuvor in einen beeindruckendes Gesamtkonzept einzubetten.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Je suis d'ailleurs
  • Oiseaux de proie

Tracklist

  1. Kodama
  2. Eclosion
  3. Je suis d'ailleurs
  4. Untouched
  5. Oiseaux de proie
  6. Onyx

Gesamtspielzeit: 42:17 min.

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Watchful_Eye

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2017-08-31 20:20:14 Uhr
*Intersubjektivität ._.

Watchful_Eye

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Registriert seit 13.06.2013

2017-08-31 20:19:45 Uhr
(Bevor ich für die Verwendung des Begriffs "objektiv" an dieser Stelle gelyncht werde - ich meine es im Sinne von Intersubjektität)

Watchful_Eye

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Registriert seit 13.06.2013

2017-08-31 20:16:13 Uhr
Ich finde auch "Ecailles" und "Voyages" gleichermaßen am besten. "Ecailles" ist aber objektiv gesehen vermutlich die geschmackvollere Scheibe -
weniger "gay Zelda metal", wie es mal jemand auf last.fm genannt hat. ;)

"Souvenirs" ist noch weniger cheesy, aber dadurch fehlt ihm auch vielleicht etwas die Würze.

Die Ausrichtung von Kodama gefällt mir eigentlich sehr gut - wie Ecailles, aber mit mehr Postrock und etwas aktiverem Drumming - allerdings sind die Songs dort imo einfach nicht ganz so gut. Nur "Oiseaux de Proie" würde es auf einen Best-Of-Sampler von mir schaffen.
Neuer
2017-08-31 20:01:16 Uhr
Souvenirs finde ich nicht sehr spannend, macht sich aber (meine ich positiv) gut zum Einschlafen.
Kodama und Écailles De Lune sehe ich etwas gleichauf. Je nach Stimmung ist eins weiter vorn. Aber es sind auch zwei himmlische Scheiben. :3
Shelter finde ich auch ziemlich toll, bleibt für mich nur knapp hinter Kodama und Écailles. Das Songwriting dort ist wunderbar.
Les Voyages hat seine Längen (aber nicht ganz so doll wie Souvenirs), aber auch wunderbare Höhen.
@badpit
2017-08-31 17:38:34 Uhr
Wenn man bisher weder "Souvenirs D'un Autre Monde" noch "Écailles De Lune" gehört hat, dann ja.
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