Banks - The altar

Banks- The altar

Capitol / Universal
VÖ: 30.09.2016

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Warme Augen, kalter Blick

Trotz des weltweit beachtlichen Erfolgs ihres Debüt-Albums "Goddess" von 2014, befand sich Jillian Banks in den vergangenen beiden Jahren auf der Sinnsuche. In welcher Stilrichtung soll es nun weitergehen? Wer möchte ich als Künstlerin sein? Was beabsichtige ich mit meiner Kunst zu sagen? Und wie kommt das beim Publikum an? Die kalifornische Sängerin grübelte viel und kam wohl vorerst zu dem Entschluss, all jene Fragen weiter auf die lange Bank zu schieben: Ihre zweite Platte "The altar" verhandelt diese teils quälenden Ungewissheiten zwar, findet aber keine endgültigen Antworten. So wirkt dieses Album unentschlossen, unsicher, zerrissen und dadurch nicht gerade unsympathisch. Die Künstlerin präsentiert ihre schwachen Seiten ganz offen und macht auch gar keinen Hehl daraus. Was bedeutet das jedoch für "The altar"?

Nun, ihr zweites Werk pendelt beständig zwischen Momenten größter Klarheit, musikalischer Brillanz und indifferentem Einheits-Pop. Auf der einen Seite entfalten sich edle R'n'B-Hymnen wie kostbare und seltene Schmetterlinge, andere Nummern suchen verzweifelt, finden aber letztlich keine eigene Identität, klingen wie harmlose, aber freilich sehr gut produzierte Radio-Mischware. Was man vor dem Hintergrund ihres Potenzials selbstredend leicht bedauerlich finden kann. Insbesondere der Start ins neue Werk ist ihr nämlich außerordentlich toll gelungen: "Gemini feed" entwickelt sich zu ihrem vermutlich bislang formvollendetsten Song, erinnert natürlich an Banks' Seelen- und Soundverwandte FKA Twigs, ohne sich selbst in deren Schatten zu stellen. Dunkle, funkelnde Beats treiben den Opener voran, Banks singt darüber ihre himmlisch-melancholischen Zeilen, wobei sie so fragil klingt wie eine äußerst zerbrechliche Porzellanfigur.

Wesentlich bissiger, angriffslustiger agiert die US-Amerikanerin dann im folgenden "Fuck with myself". Reduzierter, modischer Elektropop flankiert auf unterkühlte Art und Weise ihre Stimme, die im Zentrum steht und singt, flüstert, sehnt, Gift und Galle spuckt. Mit diesen beiden Stücken startet "The altar" stimmungsvoll-düster, Banks inszeniert sich hier als Eisprinzessin: mit kaltem Blick aus warmen, braunen Augen. Auch im weiteren Verlauf wickelt die Künstlerin ihren atmenden R'n'B immer wieder in knisternde, frostig reduzierte Electro-Hüllen, was stets gelingt. Problematischer werden jene Momente, in denen Banks zu viel Pathos in ihre Nummern legt, denn das Balladeske ist ihre Sache nicht. "Trainwreck" hingegen möchte ein moderner Radiopop-Smasher werden, klingt letztlich aber wie Standardware von Rihanna oder Lady Gaga. Fünf Euro ins Phrasenschwein: Da wäre weniger vielleicht mehr gewesen.

"Mother Earth" bildet mit seiner charakteristischen Akustikgitarre dann die romantische Spitze dieses eigentlichen Eisbergs, Blümchen wachsen, Sonnenstrahlen kitzeln auf der Haut, ein Bächlein fließt. Oder ist es das Eis, das schmilzt? Banks gibt sich hier jedenfalls verträumt-süßlich, ihre sonst versteinerte Mine bekommt weiche Züge, ist da gar ein Lächeln in den Mundwinkeln zu erkennen? Man weiß es nicht. Im abschließenden "To the hilt" fährt die 28-Jährige dann die sonnenbebrillte Dramatik ihrer Kollegin Lana Del Rey auf, klingt verrucht, abgründig und, da schließt sich der Kreis zu den eröffnenden Stücken, unglaublich zerbrechlich. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass "The altar" ein persönliches, empfindsames Album geworden ist, auch wenn die dargebotene emotionale Achterbahnfahrt durchaus Nebenwirkungen hat: leichter Schwindel, Bauchkribbeln.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Gemini feed
  • Fuck with myself

Tracklist

  1. Gemini feed
  2. Fuck with myself
  3. Love sick
  4. Mind games
  5. Trainwreck
  6. This is not about us
  7. Weaker girl
  8. Mother Earth
  9. Judas
  10. Haunt
  11. Poltergeist
  12. To the hilt

Gesamtspielzeit: 44:39 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Nein
2018-04-02 12:15:48 Uhr
Nein, ist er nicht. Hier geht es um ein weibliches Geschöpf.
Interpol
2018-04-01 14:21:25 Uhr
Ist das der Sänger von Interpol?
Overcat
2018-04-01 10:25:24 Uhr
Das Albumn fängt gut an (die genannten Highlights) und hört ebenso auf (To the hilt). Dazwischen wirkt die gute Frau ziemlich verloren: ein bisschen Lana del Rey (Lovesick) oder Rihanna (Trainwreck), der Rest ist allerdings planloses Mittelmaß. Aber zumindest ist der letztjährig veröffentlichte Track "Underdog" sehr vielversprechend. 5/10

Felix H

Postings: 3048

Registriert seit 26.02.2016

2016-11-07 09:19:25 Uhr
Gehe mit der 6/10 mit. Für mich doch ein ganzes Stück hinter "Goddess" bislang.

Schlimm fand ich vor allem "Trainwreck".

Mir geht's mit "Fuck With Myself" genau andersrum. ;-)

Dan

Postings: 235

Registriert seit 12.09.2013

2016-10-12 13:56:14 Uhr

Die erste Hälfte des Albums ist schon mal fantastisch... Über gute Kopfhörer ist das Album eine echte Wohltat.

Die Qualität des Erstlings hat sie scheinbar halten können, auch wenn man sich erst reinhören muss.

Gut auch, dass SOHN wieder beteiligt war... #dreamteam
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