Sportfreunde Stiller - Sturm & Stille

Sportfreunde Stiller- Sturm & Stille

Vertigo / Universal
VÖ: 07.10.2016

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Vielleicht doch lieber Tischtennis?

Ja, jeder weiß es. Sportfreunde Stiller waren tatsächlich mal eine gute Band, und Peter Brugger, Florian Weber sowie Rüdiger Linhof sind auch wirklich gute, charmante Typen. Irgendwann kommt aber mal der Punkt, an dem Schluss mit allem Wohlwollen ist. Wahrscheinlich war dieser Punkt auch schon vor "New York, Rio, Rosenheim", den darauf versammelten Quasi-Schlagern und den ganzen obligatorischen Gute-Laune-Radiohits wie "Ein Kompliment" oder "Applaus, Applaus" da. Spätestens aber mit dem nächsten Klon aus der Retorte, "Das Geschenk", ist es wirklich genug. Denn selbst treue Hörer von Programmen wie "Die besten Hits der 80er, der 90er und von heute" haben nicht die x-te Kopie der Kopie – sogar ohne nette Melodie – verdient. Beim neuen Album "Sturm & Stille" standen die Zeichen also schon früh so, dass man berechtigte Furcht davor haben durfte, den Sturm zu streichen und sich für die Stille zu entscheiden.

Musikalisch gesehen sei gesagt: Es gibt nicht viel Neues zu berichten, "Disko4000" und "Lumpi (L.U.M.P.I)" gehen aber immerhin als Experimente durch. Ersteres ist eben eine Art Disco-Song, der abgehackt zu einem Refrain eiert, der selbst Helene Fischer zu banal gewesen wäre. Letzteres, im Promo-Text als anarchistisch knallendes Feuerwerk beschrieben, ist wohl eine der größten Unerträglichkeiten im deutschen Pop der letzten Jahre geworden. In der Liga dieses Songs hat selbst Andreas "Lumpi" Lambertz noch nicht gekickt. Auch so ein Negativhighlight; das vorgetäuscht nachdenkliche "Rotweinflaschengrün", bei dem man mehr als nur Reimkünste der Marke "Jeder bringt was mit / N' heißen Shit / Den neusten Hit" über sich ergehen lassen muss. Wenn die Gallaghers jemals von den Schlussversen "In unserer Oase / Oasis hören" Wind bekommen, gibt's wahrscheinlich obendrauf noch auf die Fresse. Vielleicht wollten die Sportis damit auch nur die Reunion von Oasis provozieren? Mag so gesehen ein cleverer Gedanke gewesen sein, bleibt aber wohl nur der letzte Strohhalm eines Rezensenten, der hinter "Sturm & Stille" nach guten Absichten sucht.

Das mit Mario Götzes Ausspruch "Mal Hund, mal Baum" beginnende "Ich nehm's wie's kommt" hätten die Sportfreunde Stiller den Fußballspieler nach dem nächsten Spiel in ein paar Minuten lieber selbst zu Ende dichten lassen sollen – es wäre bestimmt etwas lyrisch Höherwertiges und vor allem Unterhaltsameres dabei rausgesprungen. Groben Nonsens kann man sich als Fußballer schließlich durchaus erlauben, dem Dortmunder wäre etwas wie "Wenn von jetzt auf gleich dich die Welt backpfeift" oder "Ich lauf zur Hochform auf / Haut mir einer drauf / Macht knack" aber sicher nicht über die Lippen gekommen.

Neben all diesen hier nur angedeuteten Schwächen bliebe noch der triefende Kitsch zu erwähnen, für den Brugger, Weber und Linhof mittlerweile traurigerweise stehen. Vom Opener "Raus in den Rausch" über das viel zu schnulzige "Viel zu schön" bis "Das Geschenk" bieten gerade die ersten fünf Songs massig Raum für Schmalziges aller Art, wobei immerhin der Titeltrack etwas weniger unangenehm auffällt, was ihn zum Höhepunkt des Albums macht. "Musik, die niemandem weh tut", liest man in der Musikkritik viel zu häufig, wenn es um solche Lieder im Speziellen und Platten wie "Sturm & Stille" generell geht. Wie man sich wirklich fühlt, wenn man dieses Album komplett durchhört, bringt "Brett vorm Herz" auf den Punkt: "Ich schalt mich aus / Ich bin von innen hohl." Und das haben zum 20-jährigen Jubiläum weder Musikrezensenten noch Fans noch die Sportfreunde Stiller selbst verdient.

(Marcel Menne)

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Highlights

  • Sturm & Stille

Tracklist

  1. Raus in den Rausch
  2. Viel zu schön
  3. Sturm & Stille
  4. Zwischen den Welten
  5. Das Geschenk
  6. Disko4000
  7. Brett vorm Herz
  8. Keith & Lemmy
  9. Rotweinflaschengrün
  10. Ich nehm's wie's kommt
  11. Lumpi (L.U.M.P.I.)
  12. Auf Jubel gebaut

Gesamtspielzeit: 44:31 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
voma
2016-10-28 04:01:52 Uhr
Tja, man musste schon in der Vergangenheit etwss vom normalen Geschmack abgerückt sein, um den "Sportfreunden Stiller" Positives abgewinnen zu können.Die Krönung ist "Ein Geschenk"! Abgesehen von einem total flachen Text kommt noch eine Melodie, welche eigentlich keine ist. Einfach furchtbar! Das ist der einzige Titel im Radio, bei dem ich sofort für die paar Minuten ausschalte. Ich ertrage es einfach nicht!
K.acki
2016-10-21 01:19:18 Uhr
Richtig guter deutscher Emo, Hammer!
Alex
2016-10-21 01:17:18 Uhr
Naja, der Graf sagt ja in Interviews offen an, dass das schon genau so soll, wie es auch ist. Kann schon sein, dass der unendlich auf Kitsch abfährt, würde auch die Helene Fischer-Kolabo erklären. Das ist ja wiederum für das, was es sein will, ideal gemacht. Aber was wollen die Sportfreunde denn sein? Gitarrenpop ist das ja nicht wirklich.
Die Perücke von Robert Plant
2016-10-21 01:07:03 Uhr
Irgendwie hofft man ja sogar, dass es Berechnung von den "Sportis" ist, weil wenn sowas wie "Das Geschenk" ernstgemeint wäre, würde man sich schon langsam fragen, ob Brugger sich nicht Crystal Meth zwischen den Weißbieren gönnt oder so. Würde auch das dauernde verstrahlte Grinsen erklären. Aber es muss einfach Berechnung sein, so dumm sind diese Typen nun auch wieder nicht. Der Charme, den sie am Anfang hatten, ist mittlerweile einfach zu einer professionellen Pose verkommen, die sie beliebig wieder abrufen können, so wie Naidoo eben seinen latent widerlichen Pathos-Schwulst-Kram und "der Graf" *lol* von Unheilig seine pseudotiefsinnigen Texte, wo dann Millionen Menschen sagen "Wow, das spricht mir voll aus der Seele."

Loketrourak

Postings: 881

Registriert seit 26.06.2013

2016-10-20 17:04:24 Uhr
Ich mag die einfach nicht. Sind privat bestimmt Supertypen und besoffen geht "Ein Kompliment" ab und zu. Aber sicher nichts für z Hause.

@Alex: irgendwie ein geiler Rant ;-)
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