Kate Tempest - Let them eat chaos

Kate Tempest- Let them eat chaos

Fiction / Caroline / Universal
VÖ: 07.10.2016

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mark her words

4:18 Uhr. "Picture a vacuum." Die Zeit steht still in London. Sieben ausgewählte Menschen sind schon oder noch wach. Kate Tempest blickt durch ihre Fenster und in ihre Seelen. Die englische Rapperin und Autorin wagt auf ihrem zweiten Soloalbum "Let them eat chaos" erneut den Sprung in den Abgrund, der zwischen den Häuserschluchten lauert. Noch keine Sonne am Firmament, aber Licht im Keller. Akkus werden per Kabel und nicht durch Schlaf aufgeladen. Ein Herz reicht nicht, um das Blut auf eine zufriedenstellende Geschwindigkeit zu beschleunigen. Der Klügere legt nach. Doch auch in Stoff gehüllt bleibt die Wahrnehmung fransig. Irgendetwas fehlt, es klafft eine Lücke zwischen Geborgenheit und Kontostand. Stand jetzt regiert Indifferenz: "Welcome to the land where nobody gives a fuck."

4:18 Uhr. "The buildings are screaming." Ein Kontrollblick in den Badezimmerspiegel überzeugt von der Existenz des Badezimmers. Ein Stoßgebet vor dem Ikea-Regal, ein Schluck aus der Kaffeekanne. Ein kleines bisschen Euphorie macht sich breit. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um die Wohnung aufzuräumen. Wenn da nur diese Leere nicht wäre, die schimärengleich lauert. Es dauert, aufzuwachen, wenn man dreißig Stunden lang wach war. Wo das Dach war, ist jetzt Himmel. Eine erdrückende Weite. Und Esther? Ist gerade von Arbeit nach Hause gekommen, Unterschicht trotz Doppelschicht. Vorm Schlafengehen ein Bier gegen die Sorgen.

4:18 Uhr. "Is anybody else awake? Will it ever be day again?" Immer wieder, immer noch. Der Planet schlingert, aber immerhin ist es schön warm. Pete lässt es krachen, das Geld ist weg und die Leber hat gut zu tun. Ein Schmerz in der Brust macht sich bemerkbar. Körper sehnen sich naturgemäß nach Aufmerksamkeit. Irgendwo läuft Werbung für Psychopharmaka. Menschen mit Kopfhörern von Dr. Dre stolpern auf Laufbändern monotonen Beats hinterher, um in Bewegung zu bleiben. Sich der Absurdität ihres Tuns wohl bewusst, zahlen sie eine angemessene Monatsgebühr dafür. Alicia weint sich trotzdem die Augen aus.

4:18 Uhr. "The myth of the individual has left us disconnected, lost and pitiful." Darf man überhaupt noch "wir" sagen? Selfies statt Selbsthass. Wasser auf die Mühlen jener, die fühlen: Es fehlt was. Tempests Figuren sind Menschen wie Du und ich: Verlierer und Verlorene, Zweifler und Verzweifelte. Sie weiß mehr als ihre Protagonisten, doch erkennt ihre eigene Ohnmacht. Dank der findigen Hände ihres Produzenten Dan Carey untermalen einnehmende Synthieklänge und stotternde Rhythmen ihre Wortkaskaden, welche auf den Hörer niederprasseln, als ginge es um Leben und Tod. Es geht um Leben und Tod.

4:18 Uhr. "Europe is lost." Kate Tempest dokumentiert, kommentiert, eskaliert. Jedes Wort, jeder Reim ist ein Schlag in die Magengrube jener, die Work-Life-Balance für einen erstrebenswerten oder gar möglichen Zustand halten. Und endlich sind Musik und Text eine Einheit, endlich wird diese einzigartige Stimme so unterstützt, wie es ihr gebührt. Egal, ob klassischer HipHop-Beat, technoider Stampfer, oder verhuschter Ambient: Der musikalische Anzug passt. Zudem agiert die Londonerin auf einem sprachlichen Niveau, das die überwältigende Mehrheit aller Songtexter wie Stümper wirken lässt. Und sie setzt alles auf eine Karte, indem sie die entscheidende Frage stellt: "What I'm gonna do to wake up?"

(Christopher Sennfelder)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Ketamine for breakfast
  • Europe is lost
  • Pictures on a screen
  • Perfect coffee
  • Tunnel vision

Tracklist

  1. Picture a vacuum
  2. Lionmouth door knocker
  3. Ketamine for breakfast
  4. Europe is lost
  5. We die
  6. Whoops
  7. Brews
  8. Don't fall in
  9. Pictures on a screen
  10. Perfect coffee
  11. Grubby
  12. Breaks
  13. Tunnel vision

Gesamtspielzeit: 47:32 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
wow
2017-08-26 23:46:34 Uhr
bin geschockt.
Unterstützt Kate bei ihrem Kampf
2017-08-25 01:25:03 Uhr
Kate unterstützt die gegen Isr.ael gerichtete Kampagne "BDS".

https://artistsforpalestine.org.uk/a-pledge/
Schwarz
2017-01-10 00:56:41 Uhr
Jetzt endlich mal meine Vorbehalte bei Seite gelegt und reingehört. Klingt leider genauso, wie ich es mir ausgemalt hatte: Poetry Slam über größtenteils egale Beats. Brauch ich echt nicht.

MopedTobias

Postings: 8274

Registriert seit 10.09.2013

2016-12-18 20:46:30 Uhr
Ufff, was für ein Monster von Album. Hab das leider die Tage erst entdeckt, sonst wär das ein Anwärter für einen Platz sehr weit oben in meiner Jahresliste gewesen. Ihr Flow haut mich komplett um, wie sie in ihren Erzählstil immer wieder eine subtile Melodie einwebt und dann im nächsten Moment aggressiv nach vorne prischt, ist einfach wahnsinnig stark. Musikalisch auch top, sehr stimmig und mit unglaublich guten Synthies, zu den Texten muss ich nichts mehr sagen, da hat Christopher die Stimmung schon perfekt in seiner Rezi eingefangen. Nach den ersten paar Durchgängen würde ich bei der 9 mitgehen, mal schauen, wie die Langzeitwirkung ist.

myx

Postings: 347

Registriert seit 16.10.2016

2016-11-06 07:16:48 Uhr
Wirklich eine grandiose Scheibe. Bin beeindruckt. "Ketamine For Breakfast", "Pictures On A Screen" und "Tunnel Vision" finde ich sehr gut, "Lionmouth Door Knocker" und "Perfect Coffee" - ich wiederhole mich gerne - einfach nur grossartig. Auch für mich bis jetzt Album des Jahres - wenn da nicht "The Slow Show" wären.

Die Texte von "Let Them Eat Chaos" werden im Januar in Buchform erscheinen. Freue mich.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum