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Touché Amoré - Stage four

Touché Amoré- Stage four

Anti / Epitaph / Indigo
VÖ: 16.09.2016

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Kilometertief

Like a wave, like the rapture / Someone you love is gone.

"Stage four" – ein Albumtitel wie in Stein gemeißelt. Kein anderer würde dieser Platte gerecht. Zunächst unscheinbar, zieht der bleischwere Kontext die beiden schmalen Worte in die Tiefe. Denn das vierte Album der Kalifornier Touché Amoré ist in seinem Wesen ambivalent, ist gezeichnet von Einheit und Zwiespalt zugleich. "Stage four" steht symbolisch für fünf Freunde und die nächste, bemerkenswerte Stufe einer der besten Post-Hardcore-Bands der Gegenwart, andererseits aber vor allem für Sänger und Texter Jeremy Bolm als einen Mann, dem das Schicksal ein kilometertiefes Loch ins Herz gerissen hat. Ende 2014 nahm der Krebs Bolm seine Mutter, während der Frontmann auf der Bühne stand und das tat, was er liebte. Sie hatte ihm an jenem Abend eine Abschieds-Nachricht auf die Mailbox gesprochen. Doch Bolm, für den die Uhr zwischen der ersten Diagnose und dem letzten, vierten Krankheitsstadium umso gnadenloser tickte, der das alles nicht begreifen konnte, war über Monate nicht in der Lage, sich ihre letzten Worte anzuhören.

I haven't found the courage / To listen to your last message to me.

Er verzweifelte, mauerte und stürzte sich in die Arbeit, denn nur in der Musik fand er Halt. Diesen kleinen Strohhalm Sinn jedoch, der noch übrig war, ergriff der Vokalist und schrieb etliche Songs, die diesen inneren Kampf offenlegen. Und nicht nur deswegen darf man festhalten: Es sind die mitreißendsten, ja vielleicht die besten Songs in Touché Amorés bisherigem Schaffen. Weil sie den Schmerz greifbar machen, der kaum in Worte zu fassen ist, seine traurige Seele offenbaren und die hässliche Fratze des Krebs spiegeln. Und weil sie retrospektiv verarbeiten. "I apologize for the grief / When you'd talk about belief" schreit Bolm im tollen Opener "Flowers and you" gegen Selbstvorwürfe an, während trotz nach vorne gehender Strophen in den Gitarren eine gespenstische Sehnsucht mitschwingt. Das wunderbare "Rapture" suhlt sich in ebenjener und lässt den Tränen freien Lauf. Passend dazu agieren Touché Amoré im Midtempo-Bereich und verpassen dem Stück eine schwermütige Lead-Melodie, die weit länger als drei Minuten und elf Sekunden im Kopf bleibt.

Der forsche Punkrocker "New Halloween" ist ebenfalls Teil des saustarken ersten Viertels von "Stage four". Der Song entstand zwölf Monate später, doch ist genau wie der erschütternde Hardcore-Brecher "Displacement" ein berührendes Zeugnis des Haderns, der Bolmschen Selbstkasteiung, seine Mutter in ihren letzten Stunden alleine gelassen zu haben. Bolm verteufelt den Egoismus, die Kraft, die ihm, der Musik und seiner Band den Antrieb verleiht, die bloß ablenkt von dem, was eigentlich wichtig ist. Anscheinend ist man nur nach solch einer tiefgreifenden Erfahrung dazu fähig. Merkte man dem Vorgänger "Is survived by" ein wenig das kreative Stocken an, entwickelt sich die Musik auf "Stage four" viel mehr intrinsisch, ist treibende Kraft und Katalysator zugleich. Und gestaltet das Album so mitreißend, wie es manchmal eben nur eine Hardcore-Platte sein kann. Touché Amoré poltern lautstark, legen in "Eight seconds", das von dem kreidebleichen Moment der Diagnose und des Begreifens handelt, oder im erwähnten "Displacement" eine Dringlichkeit an den Tag, die an ihr Meisterwerk "Parting the sea between brightness and me" erinnert.

Just when I get a hold / It slips away from me.

Aber der Fünfer lässt die Kompositionen zwischendrin atmen, hält inne, lässt wirken – nicht nur das in Postrock und Shoegaze taumelnde "Skyscraper", ein Duett mit Folk-Musikerin Julien Baker, das erst dann zu lärmen beginnt, wenn beide in höchsten Höhen vergeblich gegen die dünne Luft anschreien: "You live there / Under the lights." Bolm überträgt die verstörende Klarheit auch auf seine Vocals, singt, statt zu keifen, wie etwa in "Benediction", dem Refrain von "Palm dreams" und im furiosen "Water damage". Melodiebögen wie in "Softer spoken", millimetergenaue Breaks, wie sie "Posing holy" bietet, dazu energische Wutausbrüche, aber auch Ruhephasen, Keyboardflächen und sanftmütig flirrende Postrock-Gitarren machen "Stage four" zu einer der intensivsten Platten des Jahrzehnts. Zu einem Manifest der Trauer, des Schmerzes und des Kampfes darum, ein Stück Normalität zurückzugewinnen. "Water damage" kommt am Ende trotzdem nicht umhin, Bolms seelischer Kapitulation in wenigen Worten Ausdruck zu verleihen. Wir schlucken kräftig. Und bleiben überwältigt zurück.

And I haven't recovered since / No, I haven't recovered.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Flowers and you
  • Rapture
  • Palm dreams
  • Skyscraper

Tracklist

  1. Flowers and you
  2. New Halloween
  3. Rapture
  4. Displacement
  5. Benediction
  6. Eight seconds
  7. Palm dreams
  8. Softer spoken
  9. Posing holy
  10. Water damage
  11. Skyscraper

Gesamtspielzeit: 35:31 min.

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