Cymbals Eat Guitars - Pretty years

Cymbals Eat Guitars- Pretty years

Sinderlyn / Cargo
VÖ: 16.09.2016

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ins Licht

Was macht man eigentlich, wenn man es geschafft hat? Sein Ziel erreicht, das im Kopf selbst errichtete Podest gestürmt, die imaginäre Goldmedaille erhalten hat? Wenn der Durchbruch im irgendwann mal womöglich aus Jux und Tollerei gewählten Job plötzlich ein abgehakter Meilenstein im Lebenslauf ist? Normalerweise, so könnte man jedenfalls meinen, kommt dann Freude auf. Bei Joseph D'Agostino war das Gegenteil der Fall. Der Kopf des New Yorker Quartetts Cymbals Eat Guitars fiel nach dem durchschlagenden Erfolg des dritten Bandwerkes "Lose" aus dem Jahr 2014 in eine Sinnkrise. Seine besten und schönsten Jahre waren an ihm vorbeigezogen, scheinbar in Sekunden, während er auf Tour war, um – welch Ironie – seine Band nach oben zu bringen. Was sollte nun noch kommen?

Zwei Jahre später: D'Agostino hat die düsteren Gedanken glücklicherweise gut zu verarbeiten gewusst. "Pretty years", das neue Album von Cymbals Eat Guitars, steht mit symbolträchtigem Titel in den Startlöchern, und im melancholisch-schunkelnden "Dancing days" bringt der Frontmann gar die großen Abschiedsworte "Goodbye to my pretty years" unter. Dabei ist das hier natürlich alles andere als ein Abschied, sondern vielmehr ein Wiedersehen. Wo "Lose" einst mit dem fantastischen und ausladenden "2 hip souls" endete, knüpft "Pretty years" auf beeindruckende Weise an: Der Opener "Finally" schafft die schmale Gratwanderung zwischen Indie- und Stadion-Rock und sorgt so für einen geradezu majestätischen Einstieg.

Es geht groß weiter, und hier und da auch ziemlich atmosphärisch. Der Krautrock von "Close" wirkt so ekstatisch wie unheilvoll, mit schneidenden Gitarrenriffs und panischen Herzschlag-Rhythmen, die den geisterhaften Background-Chor nur noch weiter anzustacheln scheinen – im Nullkommanichts baut sich so im Kopf die Spannung eines erstklassigen Axtmörder-Romans auf. Geschnappt wird der Bösewicht vorerst nicht: Der kratzt und kracht eine Runde mit "4th of July, Philadelphia (Sandy)" um die Wette und lässt im stürmischen "Beam" in nur etwas mehr als zwei Minuten glatt noch ein paar Köpfe rollen. Pardon, ein Tippfehler: Es sind nur die Knöpfe seines Valentino-Anzugs, die da trotz aller Vorsichtsmaßnahmen unter dem Plastik-Regenmantel auf den Boden kullern.

Dass D'Agostino auf "Pretty years" trotz allem das Licht sucht und findet, ist wohl auch der Hauptgrund dafür, dass das vierte Album von Cymbals Eat Guitars zugleich auch ihr zugänglichstes ist. Man habe sich bewusst an opulenten Rockgrößen orientiert, und tatsächlich schimmert hier und da etwa ein Bruce Springsteen durch, wie in der breitbeinig aufstampfenden Single "Wish", die mit Synthies und Saxophon daherkommt, oder auch ein überspitzter David Bowie im ebenso dick auftragenden "Mallwalking". Das Beste heben sich die vier Herren aber wie schon beim Vorgänger für den Schluss auf. Mit dem Feuerwerks-Finale "Shrine" macht sich die Band unter viel Getöse auf ins All, wirbelt dabei ordentlich Staub auf und lässt am Ende das Album ins Nichts ausfaden, als wollte sie der ganzen Szenerie noch etwas mehr Nachdruck verleihen. Manch einer mag sich da fragen: Warum machen die das? Die Antwort ist ganz einfach – weil sie es mittlerweile können.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Finally
  • Dancing days
  • Mallwalking
  • Shrine

Tracklist

  1. Finally
  2. Have a heart
  3. Wish
  4. Close
  5. Dancing days
  6. 4th of July, Philadelphia (Sandy)
  7. Beam
  8. Mallwalking
  9. Well
  10. Shrine

Gesamtspielzeit: 42:01 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
arnold apfelstrudel
2017-01-08 13:18:53 Uhr
Finde Pretty Years auch sehr erfrischend. Die beiden Platten davor waren mir bei den ersten Hördurchgängen zu verkopft. Eventuell werden sich die neuen Songs schneller abnutzen, aber soweit ist es noch nicht. Und zudem stimmt auch die Produktion, die noch krachig genug daherkommt. Ein echtes Highlight des Jahres.

boneless

Postings: 2149

Registriert seit 13.05.2014

2016-10-15 13:23:25 Uhr
Hm. Ich hingegen finde Pretty Years recht gelungen, so nach dem ersten Hör. Sicher, die Qualität von Lose war eine andere, aber schlecht oder gar mittelmäßig kommt mir das hier gerade nicht vor.

The MACHINA of God

Postings: 13598

Registriert seit 07.06.2013

2016-10-13 18:11:43 Uhr
Mich bekommt es acuh gar nicht irgendwie. Weder der Wahnsinn des Debuts noch die mitreißenden Hits von der letzten. Hmm.
Robert G Blume
2016-10-13 14:35:31 Uhr
"Lose" war toll, aber "Pretty Years" ist leider gar nicht so mein Fall. Hier fehlt einfach alles, was "Lose" so toll gemacht hat :-/

saihttam

Postings: 1284

Registriert seit 15.06.2013

2016-09-28 12:22:50 Uhr
Das ist definitiv eine Band, bei der man Geduld haben sollte. Ich finds bisher ganz gut, aber wie du sagst, die richtig großen Momente fehlen bisher. Die Songs scheinen von der Struktur her auch simpelsten zu sein, die sie bisher geschrieben haben. Ich hoffe aber trotzdem, dass sich da noch einige verborgene Details herausschälen, so wie es bei den anderen Alben der Band bisher eigentlich immer der Fall war.
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